Tod von Benno Ohnesorg Ein Schuss in viele Köpfe
Berlin - Es gibt Tage, an denen historische Entwicklungen kulminieren, an denen ein Ereignis den Lauf der Geschichte wie ein Katalysator beschleunigt. Ein solcher Tag war der 2. Juni 1967, an dem in West-Berlin der Startschuss für die Studentenbewegung fiel.
Am späten Abend des 2. Juni 1967 kamen aufgebrachte Studenten im Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, SDS, in West-Berlin zusammen, um die dramatischen Ereignisse des Tages zu diskutieren. Eine junge Frau erklärte erregt: "Das ist die Generation von Aus chwitz. Mit denen kann man nicht argumentieren." Doch ihr Vorschlag, eine Polizeikaserne zu stürmen und sich zu bewaffnen, stieß auf Ablehnung. Es dauerte allerdings nur knapp drei Jahre, dann gehörte die Studentin Gudrun Ensslin zu den Gründern der Roten Armee Fraktion, RAF, und erklärte der westdeutschen Republik den Krieg.
"Ohne den 2. Juni 1967 keine RAF", schreibt der Berliner Publizist Uwe Soukup in seiner gerade erschienenen Studie "Wie starb Benno Ohnesorg?", in der er minutiös rekonstruiert, wie die West-Berliner Polizei ihr Bestes gab, um friedliche Studenten in Staatsfeinde zu verwandeln.
Auslöser war der Besuch des iranischen Schahs Mohammed Resa Pahlewi, der sich unter anderem "Licht der Arier" nannte, und seiner Gattin Farah Diba. Das Bonner Innenministerium hatte für die Visite des von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens installierten Diktators aus Teheran die Sicherheitsstufe I verhängt.
Prügelnde Jubelperser
In West-Berlin versammelten sich am Abend vor der Ankunft des Schahs über 2000 Studenten im überfüllten Auditorium Maximum der Freien Universität. Der Exiliraner Bahman Nirumand berichtete über die notorische Folterpraxis des Schahregimes; es wurde beschlossen am nächsten Tag an zwei Orten, die der Diktator besuchen würde, zu demonstrieren: vor dem Schöneberger Rathaus und vor der Deutschen Oper.
Schon am Vormittag spielten sich vor dem West-Berliner Rathaus, in dem sich der Staatsgast ins Goldene Buch der Mauerstadt eintrug, unglaubliche Szenen ab: An die 2000 Demonstranten und Schaulustige standen hinter Sperrgittern, als die Polizei rund 150 Perser in den Innenraum bringen ließ. Es waren Agenten des berüchtigten iranischen Geheimdienstes Savak und von ihnen angeheuerte Landsleute. Kaum war der Schah im Rathaus verschwunden, gingen sie mit Dachlatten, Totschlägern und anderem Gerät auf Demonstranten und Zuschauer los.
Die Polizei schritt lange nicht gegen die Prügelattacken der "Jubelperser" ein, wie sie später genannt wurden. Der Sprecher des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz (SPD) erklärte Journalisten verheißungsvoll: "Na, heute können sich die Burschen auf etwas gefasst machen, heute gibt's Dresche."
Die Planung für den Polizeieinsatz an der Deutschen Oper, wo der Schah am Abend unterhalten werden sollte, unterlag dem Kommandeur der Schutzpolizei, Hans-Ulrich Werner. Er hatte im Zweiten Weltkrieg bei der "Partisanenbekämpfung" in der Ukraine seinen Beitrag zum Holocaust geleistet. Werner stellte "Hamburger Gitter" am Bürgersteig gegenüber der Oper auf, bildete so einen engen Gehweg, der nach hinten durch einen Bauzaun abgesperrt war. In diesem nur wenige Meter breiten Schlauch sammelten sich am frühen Abend Demonstranten und Schaulustige.
Die Leberwurst-Taktik des Polizeipräsidenten
Die Polizei holte einzelne Demonstranten, darunter den Kommunarden Rainer Langhans, aus der Menge und schlug sie zusammen. Kurz vor acht rollte der Mercedes 600 mit dem Herrscherpaar an der Oper vor, die Sprechchöre "Mörder, Mörder!" schwollen an. Nachdem der Staatsgast mit seinen Begleitern in der Oper verschwunden war, um Mozarts "Zauberflöte" zu lauschen, kehrte Ruhe ein.
Doch ohne die vorgeschriebene Aufforderung zur Räumung starteten die Polizisten nun einen Frontalangriff auf die Demonstranten. Vor Beginn des Einsatzes waren sie mit der Falschmeldung, ein Polizist sei von einem Demonstranten erstochen worden, scharfgemacht worden. "Die Bullen rannten auf uns zu wie die Wahnsinnigen", erinnert sich Bommi Baumann, der 1972 zu den Gründern der Stadtguerilla-Truppe "Bewegung 2. Juni" zählte. "Sie haben gleich losgeknüppelt auf Frauen, auf alte Leutchen. Immer sofort auf die Köppe. Und dann wurden zum ersten Mal auf die Bullen Steine geschmissen."
Polizeipräsident Erich Duensing erläuterte die Taktik am nächsten Tag so: "Nehmen wir die Demonstranten wie ein Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt." Sebastian Haffner schrieb über den folgenschweren Abend, dass die Polizei die Demonstranten nicht zerstreut habe, sondern sie habe sie "eingekesselt, zusammengedrängt und dann auf die Wehrlosen, übereinander Stolpernden, Stürzenden mit hemmungsloser Bestialität eingeknüppelt und eingetrampelt".
"Bist Du wahnsinnig, hier zu schießen?"
Doch bei der Knüppelorgie ließ es die Berliner Polizei nicht bewenden. Den flüchtenden Demonstranten setzten die Ordnungshüter mit einem Wasserwerfer nach; Greiftrupps in Zivil versuchten, unter der Devise "Füchse jagen", sich mutmaßliche Rädelsführer zu schnappen. Zu einem dieser Greiftrupps zählte der Kriminalbeamte der Politischen Polizei, Karl-Heinz Kurras, der auf einem Parkplatz unter einen Neubau in der Krummen Straße flüchtenden Studenten nachsetzte. Auf diesen Parkplatz lief auch der Germanistik- und Romanistikstudent Benno Ohnesorg. Unter welchen genauen Umständen Kurras dann Ohnesorg mit einem Kopfschuss aus seiner Pistole des Typs Walther PPK tötete, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.
Es spricht allerdings vieles dafür, dass Ohnesorg erschossen wurde, während er gerade von Polizisten verprügelt wurde. Jedenfalls hörten Zeugen, wie ein Kollege Kurras anherrschte: "Bist Du wahnsinnig, hier zu schießen?" - und Kurras darauf antwortete: "Die ist mir losgegangen."
Polizisten hinderten dann einen Arzt daran, sich um den Schwerverletzten zu kümmern. Ohnesorg wurde erst fünfzehn Minuten nach dem Kopfschuss von Sanitätern abtransportiert, die ihn dann noch einmal 45 Minuten durch die Stadt kutschierten, bevor sie ihn in einem Krankenhaus einlieferten. Dass Ärzte ihm dort genau das Knochenstück mit der Einschussstelle aus der Schädeldecke sägten und wegwarfen, ließ sich nur als weiterer Vertuschungsversuch verstehen.
"Die Geduld der Stadt ist am Ende"
Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz gab noch in der Nacht eine Erklärung heraus: "Die Geduld der Stadt ist am Ende." Ins gleiche Horn stießen auch die Zeitungen des Axel-Springer-Verlages. "Wer Terror produziert", kommentiert die "B.Z." in grotesker Verkehrung des Geschehens, "muss Härte in Kauf nehmen." Die "Bild"-Zeitung hetzte gegen die "SA-Methoden" der Studenten. Ohnesorg, so Springers Massenblatt, sei "nicht der Märtyrer der FU-Chinesen, sondern ihr Opfer".
Der West-Berliner Senat verhängte ein generelles Demonstrationsverbot über den "Freien Teil" der Stadt; Polizisten belagerten den Campus der Freien Universität. Der Schah gab dem Regierenden Bürgermeister Albertz beim Abschied noch den freundlichen Ratschlag: "Sie müssen viel mehr erschießen; dann haben Sie hier Ruhe."
Auch die West-Berliner Justiz legte es geradezu darauf an, dass Vertrauen der Studenten in sie zu zerstören. Fritz Teufel von der Kommune 1, den Polizisten vor der Oper übel zusammengeschlagen hatten, wurde des schweren Landfriedensbruchs beschuldigt. Erst nach über zwei Monaten und einem Solidaritätshungerstreik von Studenten wurde der Kommunarde vorübergehend aus der Untersuchungshaft entlassen.
Erschütterter Glaube
Der Todesschütze Kurras musste hingegen keinen einzigen Tag hinter Gittern darben. Der Kriminalpolizist erklärte standhaft, er sei von Demonstranten mit einem Messer bedroht worden - was allerdings keiner der zahlreichen Zeugen beobachtet hatte. Gleichwohl wurde er vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Kriminalbeamter weiter. "Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit, an die Unabhängigkeit des Gerichts", so erinnerte sich später Otto Schily, der an der Oper mitdemonstriert hatte, "der ging damals ziemlich den Bach runter".
Der 2. Juni 1967 wurde deshalb zur Initialzündung der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition, der Apo. Der Schuss auf Benno Ohnesorg war ein Schuss in viele Köpfe. Als der Leichnam des Studenten nach Hannover überführt wurde, begleiteten rund 15.000 Menschen den Sarg von der Freien Universität zum Kontrollpunkt Dreilinden. Dem Berliner SDS, der erst rund 200 Mitglieder hatte, traten in den folgenden Wochen 800 Studentinnen und Studenten bei.
Das Foto, das zur zeitgeschichtlichen Ikone des 2. Juni 1967 wurde, zeigt die Studentin Friederike Dollinger, wie sie neben dem tödlich verwundeten Ohnesorg kniet. "Ich dachte, ich schau dem Faschismus ins Gesicht", resümmierte sie später dieses Erlebnis. "Und das hat mich in eine mir eigentliche fremde Radikalität getrieben."
Uwe Soukup: "Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2. Juni 1967" , 272 Seiten, Verlag 1900 Berlin, 2007, 19,90 Euro