Tödlicher Kaffeesatz - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Tödlicher Kaffeesatz

Wie ein Pathologe herausfand, woran Napoleon wirklich starb
• aus DER SPIEGEL 7/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Angefangen, sagt Alessandro Lugli, habe alles mit ein paar Plastikfiguren, unbemalt, Maßstab 1:72. Zwei Schweizer Franken kostete die Schachtel, das Taschengeld für eine Woche. Lugli war damals neun Jahre alt. Einmal fand er in einer Schachtel Soldaten der Kaisergarde, darunter einen Zwerg mit einem sehr großen Hut.

»Wer ist der Kleine?«, wollte Lugli von seinem Vater wissen.

»Das ist der Chef.«

Lugli, Jeans, weißer Kittel, sitzt in seinem engen Büro im Pathologischen Institut der Universität Basel, auf den Knien die Memoiren von Napoleons Leibarzt, zwei Bände, Paris 1825. Schon als Kind hat ihn Geschichte begeistert, sagt er. Feldherren, Schlachten, große Entscheidungen. Lugli hat später Medizin studiert, weil er Sorge hatte, als Historiker keinen Job zu finden. Aber der Zwerg fasziniert ihn bis heute. Luglis Napoleon-Bibliothek umfasst inzwischen 1600 Bände.

Alessandro Lugli war noch nicht geboren, als ein schwedischer Zahnarzt 1961 behauptete, Napoleon sei nicht, wie es der Autopsiebericht seines Leibarzts nahelegt, an Magenkrebs gestorben, sondern vergiftet worden, ermordet in der Verbannung auf St. Helena: In seinen Haaren seien Spuren von Arsen nachweisbar.

Eine Glamour-These. Große Männer sterben große, theaterhafte Tode. Als verdächtig galten General de Montholon, mit dessen Frau Napoleon ein Verhältnis hatte, aber auch ein englischer Kommodore, dessen Geliebte von Napoleon geschwängert worden war. Und war nicht Napoleon außerdem für einen Magenkrebspatienten viel zu dick?

Lugli zweifelte an der Arsenvergiftung. Als Pathologe ist er für Fakten zuständig, nicht für Glamour. Konnte es nicht sein, dass das Arsen auf anderen Wegen in Napoleons Körper gelangte? Aus den Weinfässern, die damals mit einer arsenhaltigen Lösung gereinigt wurden? Oder über eine verbreitete Tapetenfarbe, »Wiener Grün« genannt, die bei Wärme das giftige Trimethylarsen ausdampfte?

Lugli stellte ein Team zusammen: Rechtsmediziner, Internisten, Pathologen, Onkologen, dazu seine Frau, eine Anästhesistin. Zwei Fragen wollten sie beantworten: Lässt sich aus medizinischer Sicht tatsächlich nicht sagen, woran Napoleon starb? Und: Hätte der noch einmal in die Geschichte Europas eingreifen können, wenn er von St. Helena freigekommen wäre?

Zunächst suchte Lugli sich Hosen des Verbannten und maß die Bundweite. So wies er nach, dass Napoleon in seinen letzten Lebensmonaten Gewicht verlor, bis zu 15 Kilogramm. Nicht das Gewicht zählte, sondern der Gewichtsverlauf.

Dann studierten sie Augenzeugenberichte, Memoiren von Mätressen und Kammerdienern. Und den Autopsiebericht, verfasst von des Kaisers Leibarzt, Francesco Antommarchi.

Napoleon starb am 5. Mai 1821, seine Leiche wurde schon am folgenden Tag obduziert. Antommarchi entdeckte einen großen Tumor, über zehn Zentimeter lang, der vom Mageneingang bis zum Magenausgang reichte. Die umliegenden Lymphknoten fand er vergrößert und verhärtet, am Magenausgang war ein zweiter, kleinerer Tumor, verwachsen mit der Leber. Im Darm stieß Antommarchi auf eine dunkle, körnige, stinkende Masse, die aussah wie »Kaffeesatz«. Sie entsteht, wenn frisches Blut sich mit Magensäure vermischt.

Nichts deutete auf eine Arsenvergiftung hin: keine Streifen unter Napoleons Finger- und Fußnägeln, keine schorfigen Hand- oder Fußflächen. »Die Hände sind ein bisschen klein«, schrieb Antommarchi, »aber schön und sehr gut gestaltet.«

Luglis Team, das war das Neue an seiner Idee, verglich daraufhin den historischen Befund mit den Daten von 135 Magenkrebspatienten der Gegenwart. So bestimmten sie die Größe, die Eindringtiefe, die Streuung. Napoleon hatte danach mindestens einen Tumor im Stadium T3N1M0 - selbst heute eine Diagnose mit geringen Überlebenschancen.

Offenbar, sagt Lugli, hat sich der Korse irgendwann mit dem Bakterium Helicobacter pylori infiziert. Im Oktober 1815 war daraus eine Gastritis entstanden, aus der sich ein Magengeschwür entwickelte. 1820 war das Geschwür entartet.

Bereits vier Jahre vor seinem Tod klagte der Feldherr über Magenschmerzen, Übelkeit und Kopfschmerzen, seine Ärzte rätselten über Erbrechen, Blässe und Verstopfung, die sich abwechselte mit Durchfall.

Ab Oktober 1820 verschlechterte sich Napoleons Zustand dramatisch. Schmerzen beim Schlucken, Fieber und nächtliche Schweißausbrüche schwächten ihn. »Für mich«, klagte er, »ist jede Form von Tätigkeit eine Herkules-Aufgabe.« Todesursache, darauf deutet der Kaffeesatz hin, war offenbar eine massive Magenblutung.

Vier Jahre haben Lugli und seine Helfer daran gearbeitet. Für sie steht zweifelsfrei fest: Der Kaiser wurde nicht von seinen Feinden besiegt, sondern von einem Bakterium. »Ob er zusätzlich vergiftet wurde«, sagt Lugli strahlend, »spielt bei diesem Tumorstand keine Rolle.«

Vor kurzem war er im Schweizer Fernsehen zu Gast, in einer Talkshow.

Mit wem er verheiratet sei, fragte der Moderator: »Mit Napoleon oder mit Ihrer Frau?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Lugli.

Alle im Studio lachten darüber. Nur Lugli lachte nicht. HAUKE GOOS

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