Toilet Summit Der Messias der Kloschüssel
Singapur - Jack Sim trägt einen dunkelblauen Maßanzug. Die Haare sind akkurat nach rechts gescheitelt. Auf die Brust hat er sich eine lila Orchidee gesteckt. Zuversichtlich wie ein Feldherr lächelt er vom Rednerpult in die Menge von gut 400 Zuhörern hinab. Auch sie tragen alle eine Orchidee auf der Brust.
Den Mann im gepunkteten Modeschlips treibt eine besondere Mission. Es geht Sim um Menschenrechte. Genauer genommen um das menschlichste aller Menschenrechte. "Wir müssen uns zusammenschließen," sagt er und zuckt dann vorm Mikrofon zurück, als erschrecke er über die eigenen Stimme: "Die ganze Welt braucht saubere Toiletten." Beifall rauscht aus dem Meer von gewaschenen Händen.
Singapur "Expo". In der Halle eins, zweiter Stock, "Convention-Hall" findet auf grauem Teppich und dem Bühnenschmuck wie aus einer Friedhofsgärtnerei ein Weltereignis statt. Eines, das dieser Stadt der Saubermänner geradezu auf den Leib geschnitten scheint. Auf den Unterleib quasi.
Schüchterne Architekten, rotnasige Bakteriologen, Badezimmerausstatter und Weltverbesserer der globalen Sanitärlage treffen sich zum ersten "Welt-Toilettengipfel". Eine Sitzung, auf die man in dieser Stadt besonders stolz ist. Denn 30 Nationen haben sich versammelt, um zu diskutieren, wie defäkiert der Mensch und wie kriegt er es dann wieder proper beseitigt.
Singapur ist genau der richtige Ort. "Wir kennen uns aus mit Hygiene," sagt Umweltminister Lim Swee Say. Wohl wahr. Das sanitäre Wohlverhalten und die angemessene Abführung liegt der Regierung deshalb seit Jahren am Herzen. Das Urinieren in Fahrstühlen steht ebenso unter Strafe, wie das "Nicht-Bespülen" von öffentlichen Klobecken.
Doch heute steigt Minister Lim nicht hinab ins Lokalkolorit. Im festen Ton doziert der Jungminister die sanitäre Globallage. Ein Frontbericht: "40 Prozent der Erdbevölkerung haben keinen Zugang zu sauberen Sanitäranlagen," sagt Lim. "80 Prozent davon leben in Asien." Das kostet jedes Jahr zwei Millionen das Leben, meist Kinder. Sie sterben an Durchfall. "Wir leben im 21. Jahrhundert," sagt Sim, der sein Geld normalerweise mit Badezimmerinterieur verdient. "Aber unsere Toilettenkultur ist im 19. Jahrhundert stehen geblieben." Dass kulturelle Tabus den weltumspannenden Meinungsaustausch bisher gehindert haben, ärgert den Messias der Kloschüssel.
Und dann sagt er noch etwas, was fast schon an den deutschen Altbundeskanzler Kohl erinnert: "Die ganze Welt redet nur davon, was oben reingeht, aber nie was unten rauskommt." Bei einem Vorgang, der sich täglich bis zu sechsmal ereignet, eine gigantische Ignoranz. Um nicht zu sagen eine Sauerei.
Die Idee zur Gründung eines kulturübergreifenden Welttoilettenverbandes (www.worldtoilet.org) kam Tabubrecher Sim vor zwei Jahren in Japan. "Die haben Weltspitzenanlagen," sagt der Singapurchinese mit respektvollem Tremolo in der Stimme. Sanitärer Hochstand war dort freilich auch aus der landestypischen Not der gemeinhin als schüchtern erachteten Japanerin geboren.
Um auch nicht das leiseste Tönchen beim Besuch einer öffentlichen Anstalt ans Ohr der Sitzungsnachbarin dringen zu lassen - "Vorsicht: Gesichtsverlust" - war jeder Besuch von einem dreimaligen Spülvorgang begleitet. Einmal beim Betreten, dann, wenn sich die Geräuschfront aufbaute, und letztlich, wenn auch der Rest der Welt abzieht.
"Denken Sie mal an die Wasserverschwendung," sagt Koo Ue, Generalsekretär der japanischen Toilettenvereinigung. Der Mann hat sich in den letzten Jahren mehr für das gemeine Klo einfallen lassen, als Thomas Edison in seinem ganzen Leben für die Glühbirne. Nicht nur ist oft das Handwaschbecken umweltverträglich in vielen Bedürfnisanstalten in den Wassercontainer integriert. Auch erklingt jetzt Mozart oder Popmusik, kaum geht der Besucher in die Hocke.
"Defäkierfragen sind eben Kulturfragen und umgekehrt," sagt der Inder Bindeshwar Pathak. Was für eine Menge... (das Wort sei an dieser Stelle ausnahmsweise erlaubt) "Scheiße" muss dem Soziologen in seinem Leben untergekommen sein.
Noch heute verfügen 130 Millionen Häuser, vorzugsweise in den Slums der Großstädte und Dörfern, nicht über eine eigene Toilette. 700 Millionen Menschen beplumpsen täglich das Land zwischen Kalkutta und Bombay. Aus Scham schlagen sich Frauen gar meist nur vor Sonnenaufgang oder nach Einbruch der Dunkelheit ins Gebüsch.
Pathak wurde zum Botschafter der indischen Bedürfnisanstalt. Mehr als zehn Millionen ließ seine Sulabh-Bewegung davon errichten. Die Wasserzufuhr befindet sich gleich linker Hand in der Kabine. Der Inder bevorzugt nämlich die papierlose Reinigung. Da die handgemauerte Pathak-Schüssel den Abraum fachgerecht endlagert, hat der indische Erfolgsweg nicht nur so manchen Slum mit Methangaslampen erleuchtet. Auch Millionen "Exkrementesammler" aus der Schicht der Unberührbaren, können jetzt einem menschenwürdigerem Job nachgehen.
Seinen Vortrag beendete der redegewandte Soziologe mit einem Aufruf, der die Welt verändern könnte. "Lasst die Uno den 19. November zum Welttoilettentag erklären," ruft er. Und weil der Inder all die Fragen aufgeworfen hat, die Mann und Frau sonst nie anzufassen wagen, werden die Teilnehmer des Donnerbalkengipfel mutiger.
Müsste man nicht eigentlich den Türknopf, ja die Tür ganz abschaffen auf den "Restrooms" dieser Welt, fragt ein Australier. Dort rotten sich noch immer die meisten Keime dieser Erde zusammen. Und sind nun die Männer Schweine oder vor allem Frauen, die öffentliche "Ruheräume" mehr verschandeln. Das ruft die Feministinnen unter den Sanitärausstattern ans Rednerpult. Frauen würden weltweit auch auf der Toilette diskriminiert, "durch weniger Kabinen nämlich." Das ist die Stunde von Tan Ah Chuen. Die Firma des malaiischen Chinesen hat die ersten Urinale für Frauen entwickelt. "Die meisten hier waren ja noch nicht in einer Damentoilette," sagt er. Die vorwiegend männlichen Gipfelteilnehmer nicken zustimmend.
"Die, wie soll ich es sagen, Verunreinigung im Damenbereich," druckst er, kämen dadurch zu Stande, dass bazillenfürchtende Benutzerinnen gemeinhin den Hautkontakt mit der Klobrille scheuen. Deswegen komme es zu nahezu akrobatischen Stehmanövern. Ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis der Verunreinigung nimmt seinen gesundheitsgefährdenden Lauf.
Mit Hingabe schildert Tan, wie er seinen 50 Arbeiterinnen täglich akribische Testberichte über die Benutzerfreundlichkeit am selbst entwickelten Damenurinal abverlangte. Dass aus der Serienproduktion letztlich kein finanzieller Erfolg wurden, führt Tan auf "unterschiedliches Kulturverhalten" zurück. "Schade!"