Transrapid-Ermittlungen Experten werten Funkverkehr aus
Lathen - Nach dem Transrapid-Unglück am Freitag beginnen Experten heute mit der Auswertung der sichergestellten Unterlagen und des aufgezeichneten Funkverkehrs. Den bisherigen Ermittlungen zufolge hat ein Fehler der Mitarbeiter in der Leitstelle den Unfall ausgelöst. Es gibt nach Angaben der Staatsanwaltschaft Osnabrück keine Hinweise auf einen technischen Defekt. Alles deute darauf hin, dass die Fahrdienstleiter dem Transrapid am Freitagmorgen freie Fahrt gaben, obwohl ein Werkstattwagen auf der Strecke stand.
Anhand eines handschriftlichen Eintrags in einem Protokollbuch sei erkennbar gewesen, dass das Inspektionsfahrzeug noch auf der Trasse stand. Zudem war das Fahrzeug mit einem satellitengestützten Navigationssystem (GPS) ausgestattet und als Punkt auf dem Bildschirm erkennbar, hatte ein Sprecher am Wochenende erklärt. Nun müsse geklärt werden, warum der Transrapid dennoch starten durfte und um 9.54 Uhr kaum gebremst auf das Hindernis prallte.
Unklar sei auch, warum die Zugführer des Transrapids die Notbremsung erst relativ spät - 50 bis 100 Meter vor dem Hindernis - ausgelöst hätten. Das Inspektionsfahrzeug sei so groß wie ein Lastwagen, und die Sicht sei gut gewesen, sagte der Sprecher.
Die Magnetschwebebahn war mit 170 Stundenkilometern in den Werkstattwagen gerast und erst nach knapp 400 Metern zum Stillstand gekommen. Weitere Gutachter sollen an der Unfallstelle Untersuchungen vornehmen, teilte die Polizei gestern Abend mit. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung in 23 Fällen, bislang noch gegen unbekannt. Die beiden unter Schock stehenden Fahrdienstleiter konnte die Staatsanwaltschaft noch nicht befragen.
Bei dem Unglück kamen nach Angaben der Polizei 21 Männer und zwei Frauen ums Leben. Die Todesopfer waren zwischen 40 und 66 Jahren alt. Unter ihnen waren zehn Mitarbeiter des RWE-Regionalcenters Nordhorn und zwei US-Bürger. Die Amerikaner hatten als Gäste eines Judoclubs aus Lathen an der Fahrt teilgenommen. Sechs Männer und vier Frauen hatten das Unglück verletzt überlebt.
Ob und wann der Betrieb auf der Teststrecke im Emsland wieder aufgenommen wird, ist offen. Die Staatsanwaltschaft hat die komplette Unfallstelle abgesperrt und beschlagnahmt. Der verunglückte Transrapid steht noch immer auf den Stelzen hoch oben über dem Boden.
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bestätigte gestern nach einem Krisentreffen mit der Betreibergesellschaft und dem Hersteller-Konsortium in Berlin, dass es bei dem Unglück erhebliche Sicherheitslücken gegeben habe. Dennoch wollen Verkehrspolitiker der schwarz-roten Koalition an den geplanten Transrapid-Projekten in Bayern und China festhalten. Tiefensee und Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) kündigten ein gemeinsam geplantes und finanziertes Gutachten an, das Erkenntnisse aus der Unglücksfahrt für andere Transrapid-Vorhaben nutzbar machen soll.
Die Vertreter der Industrie hätten erhebliche Sicherheitslücken eingeräumt, berichtete Tiefensee. Nach ihrer Ansicht hätte ein solcher Unfall bei der geplanten Magnetschwebebahn in München nicht passieren können. "Das Sicherheitskonzept für den Transrapid in München ist auf einem anderen technischen Niveau als bei einer Teststrecke", erläuterte Huber. "Es ist ein integriertes Sicherheitssystem bereits vorgesehen, in dem alle Fahrzeuge eingebunden sind, die sich auf dieser Strecke bewegen."
"Wir müssen bei dem Unglück von menschlichem Versagen und einer Verkettung unglücklicher Umstände ausgehen", sagte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). "Es ist voreilig, die Technologie in Frage zu stellen", sagte er der Zeitung "Hessisch Niedersächsische Allgemeine". Der Transrapid sei 25 Jahre lang störungsfrei gelaufen. Der SPD- Bundestagsabgeordnete und Verkehrsexperte Rainer Fornahl sagte der "Leipziger Volkszeitung", es sei "völliger Unsinn zu fordern, nun die Finger vom Transrapid zu lassen". Der Unfall dürfe nicht zur Folge haben, die ausgefeilte Magnetschwebe-Technologie zu den Akten zu legen.
ffr/dpa