Transrapid-Unfall Ausflug in den Tod
Lathen - In der Kollegenschaft herrscht nach der Tragödie in der Magnetschwebebahn große Bestürzung. "Wenn wir morgen zur Arbeit gehen, dann fehlen da elf Mann", sagte ein Sprecher von RWE Westfalen-Weser-Ems. Unter den 23 Toten waren zehn RWE- Mitarbeiter, ein elfter liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Unklar ist noch immer, ob die RWE-Netzplaner einen betrieblichen oder einen privaten Ausflug gemacht haben. Klar sei bislang nur, dass die Fahrt gemeinschaftlich organisiert wurde, sagte der Sprecher. "Es ist tragisch, dass daraus eine gemeinsame Fahrt in den Tod wurde."
Die Ursache für das Unglück, bei dem am Freitag 23 Menschen ums Leben kamen und zehn verletzt wurden, ist noch nicht geklärt. Der Transrapid war mit Tempo 170 auf einen Werkstattwagen aufgefahren. Zwei Gutachten sollen nun Aufschluss bringen. Ein Sachverständiger für Eisenbahntechnik von der Technischen Universität Braunschweig wurde mit der Ermittlung des genauen Unfallhergangs beauftragt, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück sagte. Auch ein Sachverständiger des Eisenbahnbundesamtes soll von kommender Woche an ein Gutachten erstellen.
Weitere Aufklärung erhoffen sich die Ermittler auch von der Auswertung des Funkverkehrs zwischen der Leitstelle und dem Werkstattwagen einerseits und dem Transrapid andererseits. Dies werde jedoch noch einige Zeit dauern, weil acht einzelne Kommunikationskanäle abgehört und zugeordnet werden müssten. Die beiden Mitarbeiter der Transrapid-Leitstelle, die am Unglückstag Dienst hatten, stehen noch unter Schock und werden von Psychologen betreut. Vernommen werden sollen auch einer der drei Fahrzeugführer und ein Bordtechniker im Transrapid sowie die zwei verletzten Arbeiter vom Werkstattwagen.
Warum hat niemand rechtzeitig reagiert?
Die Ermittler gehen noch immer davon aus, dass der Fehler, der zu dem Unglück führte, in der Leitstelle passiert ist. Anhand eines handschriftlichen Eintrags in einem Protokollbuch sei erkennbar gewesen, dass das Inspektionsfahrzeug noch auf der Trasse stand. Zudem war das Fahrzeug mit einem satellitengestützten Navigationssystem (GPS) ausgestattet und als Punkt auf dem Bildschirm erkennbar. Zwar dürfe sich der Leitstand grundsätzlich nicht auf das GPS-System verlassen, sagte der Staatsanwaltschaftssprecher. Hätten die zwei zum Unglückzeitpunkt anwesenden Mitarbeiter aber zum Bildschirm geschaut, hätten sie das Hindernis den Ermittlungen zufolge sehen können. Nun müsse geklärt werden, warum der Transrapid dennoch starten durfte und um 9.54 Uhr kaum gebremst auf das Hindernis prallte.
Zu klären sei auch noch, warum die Zugführer im vorderen Teil des Transrapids die Notbremsung erst relativ spät - nämlich 50 bis 100 Meter vor dem Hindernis - ausgelöst hätten, sagte der Sprecher. Das Inspektionsfahrzeug sei so groß wie ein Lastwagen, und die Sicht sei gut gewesen. Einer der drei Fahrzeugführer und ein Bordtechniker im Transrapid sowie die zwei Arbeiter auf dem Werkstattwagen sollen dazu befragt werden."
In Lathen haben mehrere hundert Menschen am Vormittag in Gottesdiensten der Toten gedacht. "Es gibt viele Zeichen der Verbundenheit und Nähe, dass keiner isoliert bleibt vor der Kälte des Todes und der Trauer", sagte Pfarrer Gerhard Ortmann in seiner Andacht. Ortmann hatte die Familienmesse in der St. Antonius-Kirche spontan zu einem Gedenkgottesdienst gemacht. Am Mittwoch ist noch ein zentraler Gedenkgottesdienst in Lathen geplant. Daran wollen auch Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) teilnehmen.
ffr/dpa/AFP/AP