Transrapid-Unglück Der Schock weicht der Trauer
Lathen - Es ist der Tag nach dem schweren Unglück auf der Transrapid-Versuchsstrecke. Und es ist der Tag, an dem der Schock im emsländischen Lathen langsam der Trauer weicht. 23 Menschen verloren ihr Leben und zehn erlitten zum Teil schwere Verletzungen, als die Magnetschnellbahn gestern Morgen mit knapp 200 km/h auf einen Reinigungszug prallte. Die Unfallstelle bietet noch ein gespenstisches Bild. Teile des zerborstenen Transrapid-Dachs, zerfetzter Schaumstoff, Plastiksitze und zersplittertes Glas liegen über Hunderte von Metern verstreut unter den fünf Meter hohen Stelzen der Trasse. Auf der Strecke steht das, was vom Zug übrig geblieben ist.
Im Laufe des Tages treffen auf dem Betriebsgelände der Industrieanlagen-Betreibergesellschaft IABG immer mehr Angehörige ein. Sie werden in der dort eingerichteten zentralen Anlaufstelle empfangen. Zwischen den Trümmerteilen legen sie rote Rosen ab und entzünden Grabkerzen. Mitarbeiter des Energieversorgers RWE auf einem Betriebsausflug und der IABG sind unter den Opfern, außerdem Besucher aus der Region und zwei aus den USA. "Die meisten Angehörigen sind wie betäubt", sagt Pastoralreferent Ludger Pietruschka, der sich um Betroffene kümmert. Nicht alle wollten über ihre Gefühle reden. "Manchmal brauchen sie nur jemanden, der ihnen zeigt, dass sie nicht alleine sind."
"Fast unerträglich war die Situation für die Angehörigen, die ihre Lieben in der Leichenhalle identifizieren mussten", sagte ein Polizeisprecher. Viele der 23 Leichen seien fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ebenso wie die Angehörigen der Opfer werden seit gestern Abend werden auch die Rettungskräfte von Seelsorgern betreut. "Zum Teil sind die Bilder des Grauens tief in die Seelen der Helfer eingebrannt", sagte Landkreissprecher Dieter Sturm.
Bis heute Mittag konnten erst sechs Opfer zweifelsfrei identifiziert werden. Staatsanwalt Alexander Retemeyer kündigte an, die Identität der anderen Opfer sollte mittels DNA-Proben geklärt werden. Von den zehn zum Teil schwer verletzten Menschen konnten einige laut Polizei heute bereits wieder die Krankenhäuser verlassen. In Lebensgefahr schwebe keiner von ihnen mehr. Mit den ersten Vernehmungen sei begonnen worden.
Mögliches Versagen in der Leitstelle des Transrapid
Vor Ort gehen die Aufräumarbeiten gehen nur langsam voran, denn noch müssen Polizei und Staatsanwaltschaft Spuren sichern. Ein Sachverständiger kommt eigens aus Braunschweig, um der Unglücksursache auf die Spur zu kommen. Die Ermittler tappen noch im Dunkeln. "Es ist uns allen ein Rätsel", sagt auch der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft IABG, Rudolf Schwarz. Wären alle Sicherheitsauflagen eingehalten worden, beteuert er, hätte das Unglück nicht passieren können. Vor allem eine Frage bleibt aber offen: Warum setzte sich der Transrapid in Gang, obwohl das Fahrzeug, das routinemäßig die Strecke reinigt, noch auf der Trasse stand? Als der Zugführer das etwa sechs Meter hohe Hindernis bemerkte und eine Notbremsung einleitete, war es schon zu spät.
Bisher hat die Staatsanwaltschaft hat noch keinen Beschuldigten, konzentriert ihre Ermittlungen aber auf ein mögliches Versagen in der Leitstelle des Transrapid. Die beiden Mitarbeiter in der Leitstelle des Testgeländes hätten sich persönlich überzeugen müssen, dass der Arbeitswagen die Strecke verlassen habe, sagte Staatsanwalt Alexander Retemeyer. Das sei vermutlich versäumt worden. Die Magnetschwebebahn hatte gestern Morgen grünes Licht für die Fahrt bekommen, obwohl sich der Werkstattwagen noch auf der Strecke befand. Retemeyer stellte fest, dass es für den Reinigungszug "wenige technische Sicherungssysteme auf der Strecke" gab. Nur über Funk konnte die Leitstelle erfahren, wo sich der Reinigungszug aufhält. Kameras gab es an der Unfallstelle nicht.
Gottesdienst am Mittwoch
Auf die prestigeträchtige Transrapid-Technologie will Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bei seinem Besuch aber zunächst nichts kommen lassen. Erst müsse geprüft werden, ob die Sicherheitsvorkehrungen an der Teststrecke ausgereicht hätten und befolgt wurden, sagt er. Die Folgen für die einst umjubelte Magnetschnellbahn sind zunächst nicht abzuschätzen, auch wenn Tiefensee genau wie die am Freitagabend zum Unglücksort geeilte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor voreiligen Schlüssen warnt. Den Angehörigen der Opfer sprechen sie ihr tiefes Mitgefühl aus.
Am Mittwoch um 11 Uhr soll in der Großen Kirche zu Lathen ein ökumenischer Gottesdienst für die Helfer und die Bevölkerung stattfinden. Daran werde auch Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) teilnehmen, kündigte der emsländische Landrat Hermann Bröring (CDU) an.
abl/ddp/AFP