Trauerfeier in Erfurt: "Schweigen wäre Resignation" - DER SPIEGEL
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Trauerfeier in Erfurt "Schweigen wäre Resignation"

Bei einer bewegenden Trauerfeier haben die Einwohner von Erfurt und der Bundeskanzler den Toten aus der Gutenberg-Schule gedacht. Rund 5000 Menschen nahmen in und vor dem Dom an dem ökumenischen Gottesdienst teil.
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Erfurt - Schon Stunden vor dem Gottesdienst hatten sich Hunderte Menschen vor dem historischen Dom in der Erfurter Altstadt eingefunden. Vor der Kirche und auf dem Mittelaltar hatten sie Kerzen angezündet und Blumen niedergelegt. Am Ende fanden dann auch längst nicht alle Menschen in dem Dom Platz. Neben vielen Schülern des betroffenen Gymnasiums waren auch Eltern und Angehörige der Opfer gekommen. Insgesamt zählte die Polizei knapp 5000 Menschen in und vor dem Dom.

Wie schon an dem Abend der tödlichen Schüsse war die Kirche der Anlaufpunkt für viele Betroffene. "Ich gehe sonst nie in die Kirche, doch heute sind alle da", sagte eine weinende Schülerin während des Gottesdienstes. Wieder waren es die gleichen Bilder, welche die Verunsicherung der Menschen zeigten. Schüler hielten sich gegenseitig im Arm, andere hockten auf dem Steinboden und weinten. Mehrmals mussten Sanitäter geschwächte Schüler ins Freie tragen.

Trotz des starken Andrangs war es eine stille Feier. Ohne große Reden oder moralische Anwürfe gedachten der Erfurter Bischoff Joachim Wanke und der evangelische Superintendent Christian Fuhrmann der Toten von Erfurt. "Vielleicht gibt es auf eine solche Tat keine Antworten", sagte der Bischoff. Deshalb sei es wichtig, jetzt zusammen zu halten. "Ich fühle Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer", sagte der Bischoff. Der evangelische Geistliche Fuhrmann mahnte, dass nach der schrecklichen Tat das Reden darüber wichtig sei. "Schweigen wäre jetzt Resignation", so Fuhrmann. Zum Attentäter selber sagt der Bischoff Wanke, dass er sich offensichtlich "nicht zum Guten wenden" wollte. Das dürfe nicht zum Beispiel für andere Jugendliche werden. Anschließend beteten die Erfurter für die Opfer und die Angehörigen.

Bundeskanzler besuchte die Trauerfeier

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) war mit seiner Frau Doris nach Erfurt gekommen. Offenbar bewusst ohne jeden Kommentar zu dem Blutbad vom Freitag besuchte der Kanzler vor dem Gottesdienst die Gutenberg-Schule. An der Seite seiner sichtlich bewegten Ehefrau legte der Politiker einen Strauß nieder und stand einige Minuten schweigend vor dem Meer von Gestecken und Kerzen, das sich mittlerweile vor dem Hauptportal des Schulgebäudes angesammelt hat. Zum anschließenden Gottesdienst erschien der Kanzler an der Seite des thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU).

Der Besuch von Schröder sorgte bei manchen Schülern für Ärger. "Jetzt im Wahlkampf kommt er, doch was hier wirklich abgeht, interessiert ihn doch gar nicht", schimpfte eine Schülerin des Gymnasiums. Auch als Schröder die Kirche verließ, frotzelten manche Schüler, dass er jetzt "ruhig wieder gehen" könne: "Die Bilder fürs Fernsehen sind ja da, der Rest ist ihm doch eh egal." Auch vor der Kirche vermied Schröder jegliches Statement und verschwand mit seiner Limousine sofort vom Domplatz in Richtung Flughafen.

Die Kirchenleitung kündigte unterdessen an, dass auch in den kommenden Tagen regelmäßig eine Abendmesse für die Betroffenen gehalten werden soll. Die offizielle Trauerfeier soll am kommenden Freitag stattfinden. Zu der Gedenkstunde hat sich bereits der Bundespräsident angekündigt, weitere Politiker werden erwartet. Bundesweit soll an diesem Tag eine Schweigeminute abgehalten werden. Mittlerweile hat sich auch der Papst in Rom schockiert gezeigt und allen Opfern sein Mitgefühl ausgesprochen.

Matthias Gebauer

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