Trauerrede von Rechtsanwalt Derk Röttgering - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Trauerrede von Rechtsanwalt Derk Röttgering

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebe Kattrin, verehrte Gäste und Freunde von Gerhard Mauz, erlauben Sie mir zu Beginn meines Andenkens an Gerhard Mauz nicht Mauz zu zitieren, sondern Cicero. In Ciceros Werk vom Redner lesen wir: "Und so, da zur Erfindung des Redestoffes drei Dinge erforderlich sind: erstens Scharfsinn, zweitens wissenschaftliche Kenntnis, die wir, wenn wir wollen, auch Kunst nennen können, und drittens Fleiß, muss ich allerdings der natürlichen Anlage die erste Stelle einräumen. Aber doch vermag der Fleiß die natürliche Anlage auch aus ihrer Schläfrigkeit aufzurütteln, der Fleiß, sage ich, der, wie in allen Dingen, so ganz besonders in der Verteidigung der Rechtsverhandlung die größte Geltung hat. Für ihn müssen wir vorzüglich Sorge tragen, ihn stets anwenden. Er ist es, der alles zu erreichen vermag. Dass uns die Sache, wie ich anfänglich bemerkte, gründlich bekannt sei, bewirkt der Fleiß. Dass wir den Gegner mit Aufmerksamkeit anhören und seine Gedanken nicht allein, sondern auch alle seine Worte auffassen, endlich alle seine Mimen durchschauen, die gewöhnlich das Innere der Seele verraten, bewirkt der Fleiß."

Gerhard Mauz, an den wir heute denken, war ein außergewöhnlicher Redner. Und das, was Cicero an Voraussetzungen für die Kunst des Redenkönnens nennt, nämlich Scharfsinn, wissenschaftliche Kenntnis, Fleiß und Begabung, auf wen träfe es im übertragenen Sinne auch für den Bereich des überragenden Schreibenkönnens besser zu als auf Gerhard Mauz?

Den Anwälten war er immer verbunden. Er wurde durch seine Reportagen - Anwälte sind Organe der Rechtspflege -, zum Organ der Rechtspflege. Und insbesondere die Strafverteidiger haben ihm viel zu verdanken. Seine Berichte sind zeitgeschichtliche Dokumente und haben zweifellos Einfluss auf die Rechtspolitik der Bundesrepublik gehabt. Hätte es einen Rechtsanwalt honoris causa gegeben, wir wären stolz auf ihn.

Die Anwaltschaft, für die ich hier natürlich auch spreche, bedarf bei der Erfüllung ihrer Aufgaben publizistischer Begleitung und Unterstützung, um das Verständnis unseres Rechtssystems weiten Kreisen der Bevölkerung nahe zu bringen, Vorschläge zur Verbesserung der Rechtsgewährung und zur Durchsetzung des Rechts zur Diskussion zu stellen, sie kritisch zu prüfen und zu ihrer Fortentwicklung beizutragen, Missstände in der Justiz aufzudecken und Anregungen und Denkanstöße zu vermitteln und zu erhalten.

Das war der Grund für die Verleihung des Pressepreises des Deutschen Anwaltsvereins an Gerhard Mauz im Jahre 1987 anlässlich einer Berichterstattung zu zwei Strafprozessen gegen Juristen, die er beobachtet und analysiert hat. So stellte er fest: "Wenn denn schon gestraft wird zur Verteidigung der 'Rechtsordnung', dieser Sammlung von Verabredungen, die ein leidliches Zusammenleben ermöglichen sollen, die wir jedoch 'Gesetze' nennen, als habe ein himmlischer Vater sie verkündet - so sollte dann, bitte, immer so verhandelt werden."

Nur allzu deutlich wurde hier sein Wunsch nach einem erträglichen, veranwortungsvollen und respektvollen Umgang der Justiz auch mit denen, die gestrauchelt sind. Gisela Friedrichsen und Hans Leyendecker haben in ihren Nachrufen völlig zutreffend auf diejenigen hingewiesen, die er durch seine Art des Schreibens inspiriert, ja infiziert hat, sich mit der Juristerei und dem Journalismus zu befassen. Und so reihe ich mich gern in diese Riege der Faszinierten ein, weil ich sehr stolz darauf bin, diesen einzigartigen und großartigen Journalisten und Menschen kennen gelernt zu haben, der mir immer ein verlässlicher väterlicher Freund war und dessen Rat für mich immer der wertvollste von allen war.

Bereits vor mehr als 25 Jahren gab es zwei Journalisten, deren Art, die Dinge zu beschreiben, sie zu erklären und zu hinterfragen mich faszinierte. Klaus-Jürgen Haller, der damals das Mittagsmagazin im Westdeutschen Rundfunk moderierte, und Gerhard Mauz, der im SPIEGEL schrieb, den ich immer mit der Geschichte von Mauz zu lesen begann. Aber was war so faszinierend und fesselnd an seinen Geschichten?

Rudolf Augstein hat es versucht zu beschreiben: "Mauz ist kein Mann der distanzierten Darstellung eines Tathergangs, er schreibt nicht von außen nach innen. Immer ist er mit leidender Beobachter, immer auf der Seite der Geschlagenen und Getriebenen, der Opfer, die auch Täter sein können, und der Täter, die Opfer sind. Zu ihnen kann gar nicht so selten auch ein Staatsanwalt gehören. Mauz ist eingenommen, aber nie fanatisch." Ich habe es so empfunden: Er berichtete über die Geschehnisse so, dass ich oft gedacht habe: "Ach so!" Er erkannte Zusammenhänge, die sich jedenfalls mir oftmals erst durch ihn erschlossen haben, und er betrachtete die Geschehnisse, die er beobachtete und die er dann beschrieb, mit einer messerscharfen Analytik in Bezug auf das allzu menschliche Verhalten der Täter, der Opfer, der Zeugen und der übrigen Verfahrensbeteiligten, die alle nur Mitglieder unserer Gesellschaft sind, in der es darum geht - wie er es formulierte -, "leidlich miteinander umzugehen".

Und so war denn das Strafrecht für ihn immer nur ein Aspekt, dieses leidliche Miteinander zu gewährleisten, eine leidliche Ordnung zu erhalten und zu verteidigen. Und wichtig war für ihn immer, dass das Ergebnis eines Strafprozesses, das Urteil, in unser aller Namen gesprochen wird. Diese Art zu analysieren und die Zusammenhänge verständlich zu machen war nur möglich, weil er ein großer und sehr feinfühliger Menschenkenner war. Liest man seine Reportagen, so hat man häufig den Eindruck, als halte er den Beteiligten nur einen Spiegel vor, wenn er beispielsweise den Strafprozess auch einmal als "Jahrmarkt der Eitelkeiten" beschrieb. Es war die besondere und einzigartige Art, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen.

Otto Schily wird sich an den ersten Tag im Baader-Meinhof-Verfahren erinnern und an das, was Gerhard Mauz schrieb: "Man kann in ein Messer laufen, man kann sich aber auch eigenhändig Schaden zufügen, etwa indem man Erbsen mit dem Messer zu essen versucht. Der Zweite Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart ist niemandem ins Messer gelaufen, als er am Mittwoch letzter Woche bemüht war, den Baader-Meinhof-Prozess in Gang zu bringen, schon gar nicht der Verteidigung." An späterer Stelle stellte Gerhard Mauz dann fest: "Der Vorsitzende Richter Prinzing versuchte - es ist dem Senat nicht gelungen, Erbsen mit dem Messer schadlos zu essen - den Rückzug des Senats zu einem, wenn schon nicht siegreichen, so doch wenigstens geordneten Rückzug zu machen."

Zur Reform der lebenslangen Freiheitsstrafe schrieb er: "Die Gesellschaft weiß, warum sie auf die lebenslange Freiheitsstrafe nicht verzichten mag. Es hat das schiere Böse zu geben, den von nichts bedingtem, von niemandem zu verantwortenden Straftäter." Und er mahnte: "Auch wer die Höchststrafe erhalten muss, darf nicht der letzten Hoffnung beraubt werden. Der Hoffnung, die Freiheit wieder zu erlangen, falls er kein Sicherheitsrisiko mehr darstellt. Was soll im Übrigen der Angeklagte eigentlich tun, dem die lebenslange Freiheitsstrafe ohne jede Hoffnung droht? Es nutzt ihm nichts, wenn er zur Wahrheitsfindung beiträgt. So hat er denn in aller Regel angesichts einer erdrückenden Beweislast die Stirn zu lügen."

War das nicht großartig und weise gedacht? Als ich in dem Montessori-Verfahren erschrocken war über die Vorverurteilung meines Mandanten durch die Bevölkerung und ihre Bereitschaft, noch vor einem Urteil zu reagieren, ihn an die Wand zu stellen und zu erschießen, ihn zu erhängen, ihm die Todesspritze zu verpassen, war es Gerhard Mauz, der mir erklärte, warum die Menschen noch in der heutigen Zeit, gerade angesichts unserer Geschichte, zu solchen Reaktionen fähig sind. Weil nämlich das Zusammenleben in unserer Gesellschaft kompliziert geworden ist. Die Medien können dabei aus seiner Sicht auch eine unselige Rolle spielen. Sie greifen auf, was sich nur anbietet. Und so entstehen buchstäblich aus dem Nichts Verstrickungen, in die auch ein Unschuldiger geraten kann.

Es ist in der Tat maßgeblich Gerhard Mauz und Gisela Friedrichsen durch ihre Berichterstattung zu verdanken, dass beispielsweise der Bunesgerichtshof Mindeststandards für die Aussagen psychologischer Begutachtung aufgestellt hat, die vielleicht nicht nur verhindern, dass ein Unschuldiger über Jahre vor Gericht steht und in U-Haft sitzt, sondern möglicherweise auch noch zu lebenslanger, langjähriger Strafhaft verurteilt wird.

Wenn ich am Anfang Cicero zitiert habe und dieser von Fleiß gesprochen hat, so war auch das eine Eigenschaft, die auf Gerhard Mauz im besonderen Maße zutraf. Es scheint, als müsse in der heutigen Berichterstattung kurz, schnell, sensationell und vor allen Dingen mit vielen anschaulichen, am besten gruseligen Bildern berichtet werden. So kann ich nach einem Strafprozess mit 126 Hauptverhandlungstagen feststellen, dass das, was die übrige Presse über diesen Prozess berichtete, in jedem Falle unzureichend, ja teilweise sogar falsch, aber dem Mainstream entsprechend war. Gerhard Mauz und Gisela Friedrichsen haben an jedem einzelnen Hauptverhandlungstag teilgenommen und nur das berichtet, was sich wirklich zugetragen hat. Und deshalb war es ihnen möglich, trotz einer Parteilichkeit für den Angeklagten unabhängig in der Berichterstattung zu bleiben und den unbeschreiblichen Anfeindungen zu widerstehen. Und sie haben Recht behalten, weil - wie es Gerhard Mauz formulierte - wir uns immer ein eigenes Bild machen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Art des Journalismus in unserer schnelllebigen Gesellschaft nicht untergeht und Gisela Friedrichsen das Werk von Gerhard Mauz fortsetzen kann, wozu sie auch seiner Auffassung nach ohne jeden Zweifel in der Lage ist. Gerhard Mauz ist tot, ich bin sehr traurig. Er war mein väterlicher Freund und Berater. Er ist ein ganz großes Vorbild. Mir fehlt schon jetzt sein "Verzeihen Sie, Röttgering", wenn er entrüstet war, oder sein "Sie sind entzückend", wenn ihm etwas besonders gefiel. Ich vermisse ihn schon jetzt. Nach dem heutigen Tag und nach der Rede vom Kollegen Hamm darf ich Ihnen sagen, dass auch ich sehr stolz bin, eine Krawatte von ihm zu haben, die ich heute trage. Ich danke Ihnen.