Treffen mit dem Papst: Die Frage aller Fragen - DER SPIEGEL
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Weltjugendtag in Madrid: Frage des Glaubens

Foto: Paul Badde

Treffen mit dem Papst Die Frage aller Fragen

Der Papst fliegt zum Weltjugendtag nach Madrid, und Matthias Matussek ist dabei. Zwei Fragen darf er dem Heiligen Vater stellen. Nur welche? Was will man von Benedikt XVI. wissen? Hält man es hochpolitisch oder eher alltäglich-banal?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was für eine Hammernachricht, und das wäre sie für jeden Journalisten, der sein Handwerk ernst nimmt, besonders aber für einen katholischen, einen Papisten wie mich: Ich bin ausgewählt für den Presse-Tross, der den Papst zum Weltjugendtag nach Madrid begleitet. In der Papstmaschine. Yessss! Das war besser als das Ticket zum Comeback-Konzert von "Cream" in der Royal Albert Hall vor fünf Jahren.

Die Weltjugend also, an einem Brennpunkt des Weltjugendprotestes. Was wird der alte Mann in Weiß ihr sagen, der 84-jährige mit dem schüchternen Lächeln, der hohen Stimme und der randscharfen Botschaft? Wie sagt er es? Eine Strapaze bei bis zu 40 Grad Celsius, da machen ganz andere schlapp. Ich zum Beispiel. Zudem ist es die letzte Reise vor seinem Deutschland-Besuch.

Ach ja: Ich darf ihn was fragen. Aber was fragt man den Papst?

Nicht, dass Spanien ein Spaziergang wäre. Es ist das Land einer Inquisition, die sich sogar um den Papst nicht scherte, und Torquemada noch als Großinquisitor beibehielt, als Rom ihn schon exkommuniziert hatte. Es ist das Land der Reconquista, das Land der blutigen Kirchenverfolgung im Bürgerkrieg, schließlich der rasenden Modernisierung, des Arbeitslosenelends. Und die Katholiken? Nur noch 13 Prozent gehen in die Kirche, ähnlich wie bei uns.

In den vergangenen Wochen gab es wütende Straßenproteste. Knapp die Hälfte der Jugendlichen sind arbeitslos. Unterstände der "indignados" sind jetzt geräumt worden. Letzte Meldung: Ein Anschlag soll vereitelt worden sein. Eine Million Jugendliche werden erwartet, auch aus anderen Ländern, in denen die Straßen brannten, aus England, aus Frankreich, aus Israel, aus Ägypten womöglich, ein Sicherheitsalptraum.

Und dahinein nun der Einsatz des Hirten, dieser grandios altmodischen, verqueren Bedenklichkeitsfigur in unserer Zeit. Hier geht es, vielleicht dramatischer als in früheren Jahren, um die Hoffnung und die Zukunft der Welt.

Meine VIP-Momente? Ich stand mal, zu Friedenszeiten, neben Gregory Peck auf einem roten Teppich. Ich hab mal mit Mick Jagger über D. H. Lawrence geredet. Ich hab mal ein Autogramm von Klaus Dieter Sieloff vom VfB gekriegt. Ich hab mal der Queen die Hand gegeben. Aber der Papst! Das überstrahlt alles. Gerade jetzt. Aber was fragt man ihn?

Was packt man ein, auf Klassenfahrt mit dem Heiligen Vater? Erst mal Sonnencreme mit Schutzfaktor 30. Was noch? Klar, mein Buch. Heißt ja schon "Das katholische Abenteuer". Was schreib ich ihm hinein? "Für den Stellvertreter Gottes, herzlich...."? Klingt verrückt, oder?

Ich habe den Papst bisher nur aus der Halbdistanz erlebt, bei seinem reichlich umjubelten Heimatbesuch 2005. Damals in Altötting stand ich in der Menge. Da trug er die Monstranz an mir vorüber. Ob er sich erinnert?

Eine Frage an den Papst

Nie erlebte ich ihn backstage. Nie, wenn er Pause macht, wenn er sich vor einer Predigt konzentriert, wenn er sich bespricht mit seinen Leuten. Nie hab ich mit ihm eine Episode von Don Camillo gesehen, seiner Lieblingsserie, und meiner, soweit ich mich erinnern kann. Aber wahrscheinlich werden wir auch jetzt wieder keine Zeit dafür haben.

Aber ich darf ihn fragen. Nur was? Zölibat, Frauenpriestertum, Schwulenehe, also was alle fragen, die sich nicht so sehr für den Glauben interessieren? Oder doch eher zu den Fundamenten? Die ideale Frage müsste lebendig sein, und theologisch tief. Völlig neu, aber total auf ihn zugeschnitten. Sie muss eine sein, die nur er beantworten kann. Was fragt man den Papst?

Seit Tagen gehe ich damit hausieren. "Was mich immer interessiert hat", sinnierte eine zarte Frau, die mittlere von drei Schwestern, spät an einer großen Tafel, "was ich mich frage: ob er spürt, wenn der Heilige Geist aus ihm spricht?".

Die anderen verstummten. Ich lächelte verlegen. Die Frau war interessant. Sie schien der rätselhaften Schauspielerin Libgart Schwarz nachgebildet, die ich in den siebziger Jahren in einem Botho-Strauß-Stück gesehen hatte, blond und fremd, wie von einem anderen, einem befreundeten Stern.

Sie hatte, so viel hatte ich an dem Abend erfahren, unglaubliche Schläge hinnehmen müssen in ihrem Leben. Ihr Glaube, sagten die anderen, habe ihr geholfen. Und dann diese Frage. Wo hört das Ich auf, und wo fängt der andere, der oben an? Das den Stellvertreter Christi zu fragen, fand ich wunderbar.

"Wir haben die Wahrheit nicht gepachtet"

Die Frage hätte durchaus aus dem jüngsten Roman Martin Walsers gefallen sein können. Walser, mittlerweile der Stellvertreter Goethes auf Erden, hatte mich kurz vorher in seinem Garten am Bodensee empfangen. Sein neuer Roman "Muttersohn" ist ein Jesus-Roman, ist Offenbarungsliteratur, halb frommer Reißer, halb Traktat. Percy, der wundersame Romanheld, sagt Sachen wie: "Die Welt ist schöner, wenn wir glauben". Oder: "Wir ahnen mehr, als wir wissen". Was fragt man den Papst? Walser denkt nach, lange. "Mich würde interessieren, wie er, von der Spitze der Weltkirche aus, die Glaubensinnigkeit der Deutschen sieht".

Ich stelle mir das Switchboard der Weltkirche vor, und da hinten, der winzige Punkt, das schwache deutsche Glimmen und im Dunkeln ein paar Stuhlkreise, in denen man heftig Reformen bespricht.

Schnell nach Oberammergau, in den Herrgottschnitzer- und Passionsspiel-Ort, Ratzinger-Land, dahin, wo die katholische Welt doch in Ordnung ist. Christian Stückl, der hier im letzten Jahr so ergreifend Golgatha auf die Bühne gebracht hat, hat jetzt Thomas Manns Roman "Josef und seine Brüder" dramatisiert. Josef, der Träumer. Über den Sommer hinweg 25.000 Zuschauer pilgerten zu ihm.

Wieder wunderbare Figuren-Tableaus, in blaues Licht getaucht unter einem funkelnden Sternenhimmel, und auf der Dernieren-Feier sprechen wir über die Plakat-Aktion, mit der das Zentralkomitte der deutschen Katholiken den Papst in Berlin empfangen will. Zentrale Botschaft wird sein: Wir wollen Priesterinnen, wir wollen Gleichberechtigung im Altarraum.

"Warum nicht", sagt Stückl. Fängt der Stückl auch schon damit an!

"Kannst Du dir denn vorstellen, die Passionsgeschichte mit Frauen zu inszenieren?" frage ich.

"Sicher nicht". Stückl lacht. Während die Statisten sich über Schweinebraten und Knödel hermachen, reden wir über die Wahrheit des Glaubens. "Ich bin Katholik", sagt Stückl. "Aber wir haben die Wahrheit nicht gepachtet."

Hm. Wäre das die Frage an den Papst? Ob er das genauso sieht? "Der Dalai Lama zum Beispiel sagt ganz tolerant, dass jede Religion okay ist." Ob ich das Gespräch, wenn es zu einer zweiten Frage an den Papst kommt, ganz locker auf Tantra und Gebetstrommeln lenken kann? Die Gefahr wäre natürlich, dass spätestens hier der Typ von der "New York Times" dazwischenfunkt.

Gibt es die eine Sünde, die ewige Verdammnis nach sich zieht?

Für Stefan Sattler, den theologisch talentiertesten unter meinen Freunden, liegt das Grundsatzprogramm des Papstes in den Schriften des Augustinus. "Frag ihn nach dem berühmten Psalmisten-Kommentar: 'Incipit exire, qui incipit amare.' 'Wer auszieht, beginnt zu lieben'." Nur wer sich von dieser Welt lösen kann, ist bereit für Gottes Liebe.

Wunderbar, welchem Regierungschef der Welt, und der Papst ist einer, könnte man eine solche Frage stellen. Das wäre das Grundsatzprogramm des Seelenheils. Das der Gegenwelt. Sicher wäre dies von allen Fragen diejenige, die dem Papst am meisten entspricht. Vermute ich. Was ist er für ein Typ?

"Er ist ein Intellektueller natürlich, und was für einer". Hans Magnus Enzensberger, und er klingt so neugierig, als würde er gerne sofort mitkommen. Hoch über dem Englischen Garten schwärmt Enzensberger von diesem anderen Gipfelbewohner, der knapp älter ist als er. Dieser Papst, sagt Enzensberger, ist zu intelligent, um sich nicht ständig verstörend einzumischen. Er ist kein Pop-Papst. Er denkt. "Wunderbar sein Argument, dass das Christentum, mit seiner Aufwertung des Menschen, der Anfang der Aufklärung war. Frag ihn danach!"

Er ist kein Pop-Papst

Lauter Gesprächsanfänge. Lauter kluge Fragen. Stuckrad-Barre will vom Papst wissen, ob ihm Fukushima oder die Euro-Krise interessiert, und Rüdiger Safranski, ob aus der Glaubenskrise in Westeuropa eine Glaubens-Renaissance erwachsen könnte. Und verdammt, was wird er der Jugend zurufen, in dieser brennenden Welt?

Am Abend treffe ich in Rom ein und lasse mich in der Trattoria Vittoria am Petersplatz von Paul Badde, dem "Welt"-Korrespondenten und Barrikadenkämpfer für die Kirche, mit Literatur versorgen. Ein dicker Suhrkamp-Wälzer über den spanischen Bürgerkrieg. Und der schmale, gelbe Jugend-Katechismus. "Mehr brauchst Du nicht."

Die Nacht ist warm, der Mond schimmert gütig über der Peterskuppel. Was ich den Papst fragen werde? Ich schätze mal, die Frage aller Fragen: "Heiliger Vater, wie geht es Ihnen?"