Trend-Mission Hapes spirituelle Reinkarnation
Hamburg - Da staunte die "Bild"-Zeitung: "Der große Komiker Hape Kerkeling überrascht uns mit seinem Seelen-Geständnis", titelte das Blatt vor ein paar Tagen. Und in der Tat ist es verblüffend, was Kerkeling da von einem Reinkarnations-Workshop erzählt, den er besuchte. Eine Vision seines früheren Lebens habe er dort erfahren: "Ich lebe in einem Kloster. Ich bin ein junger Franziskanermönch. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges."
So steht es schwarz auf weiß nebst Kerkelingschen Erläuterungen wie: "Es wäre durchaus vorstellbar, dass man, obwohl man sich nicht daran erinnert, schon Tausende Male gelebt hat." Es klingt, als meinte er es ernst: Derart esoterische Überlegungen passen gut zu dem, was man derzeit von Kerkeling hören und lesen kann.
Vor kurzem erschien sein Tagebuch über eine 800 Kilometer lange Pilgerreise. Titel: "Ich bin dann mal weg." Darin geht es ausführlich um die "spirituelle Herausforderung", der er sich nach einem Hörsturz und einer Gallenoperation gestellt habe. Gerne gibt er darüber Auskunft - und trifft dabei auf offene Ohren. Kürzlich wollten 2,5 Millionen Menschen zu später Stunde sehen, wie der Pilger Kerpeling in der Kerner-Show über seine Begegnung mit Gott philosophierte. Das Buch steht derzeit auf Platz 5 der Amazon-Verkaufscharts. Offensichtlich trifft der 41-jährige Kerkeling da einen Nerv der Zeit.
Nicht nur der Pilger-Markt boomt, sondern alles, was irgendwie mit Sinnsuche zu tun hat, findet reißenden Absatz, ob altmodisch christlich oder neumodisch fernöstlich. Die Kirchen verzeichnen erstmals seit Jahren weniger Austritte, dafür mehr Eintritte. Und überall in Deutschland eröffnen Yoga-Studios, in denen Hunderttausende Deutsche "Meditation in Bewegung" erlernen. Fitnessstudios bieten immer mehr Gymnastikkurse an, die Elemente aus dem Yoga, Tai Chi oder diversen Kampfsportarten enthalten.
Neue deutsche Lustigkeit
Und nun sitzt also Kerkeling in Talkshows und sagt über das Leben nach dem Tod: "Ich glaube, da kommt was." Ausgerechnet der Mann, der sich noch im Jahr 1993 in seinem Debüt-Film "Kein Pardon" als Kabelträger Peter Schlönzke tapfer gegen die Wiedergeburtstheorien seiner esoterisch angehauchten Kollegin Ulla wehrte. Damals wollte Kerkeling lieber noch Bier trinken als seltsamen Tee, zumindest im Film.
Typisch deutsch war das, schließlich hatte das Volk sich gerade in etwas verwandelt, das man Spaßgesellschaft nannte. "Als Segen" empfand Kerkeling die neue deutsche Lustigkeit, verriet er kürzlich dem SPIEGEL. "Die Humorkultur krampfte herum, seit man in der NS-Zeit alle kreativen, witzigen Köpfe vertrieben oder umgebracht hatte." Kerkeling, Sohn eines Tischlers und einer Floristin, wollte neue Akzente setzen.
Er war die Speerspitze des deutschen Comedybooms. Er beeindruckte damit, einerseits eigensinnig kindisch zu sein und zugleich die Kunst zu beherrschen, Menschen zu imitieren, sogar Königin Beatrix. Seine Sendung "Total normal", in der er als eben diese auf einem Staatsempfang auftauchte, war allerdings so gut, dass er danach ständig an der Show gemessen wurde - und oft nicht mithalten konnte.
Der Zeitgeist-Experte
Doch Kerkeling gab nicht auf. "Das ist mein sechstes Comeback", scherzte er etwa, als er 1999 mal wieder mit einer neuen Show sein Glück versuchte. Es liegt wohl an seiner Fähigkeit, sich in den Zeitgeist einzufühlen, dass er nie ganz weg vom Fenster war und inzwischen sogar präsenter denn je ist. "Hape trifft noch immer", schwärmte vor einem Jahr die "Stuttgarter Zeitung" und kürte ihn zum "besten Samstagabend-Entertainer, den wir haben".
Auch jetzt beweist Kerkeling wieder ein gutes Gespür für die Gunst der Stunde: Das Finale der Tanzshow "Let's Dance" lockte gerade über sieben Millionen Zuschauer vor den Fernseher. Natürlich hat Zeitgeist-Experte Kerkeling auch eine allumfassende zeitgemäße Erklärung für seinen Erfolg. Ihm scheine es, dass in der westlichen Welt alles "aus den Fugen" geraten sei, verriet er dem SPIEGEL. In seiner Tanzshow habe er nun "Schrittmuster ohne Worte" gegeben: Kerkeling, ist ein Zeremonienmeister, ohne Zweifel.
Seine Wiedergeburtsgeschichte wirft da mehr Fragen auf: Ist der Mönch aus dem Zweiten Weltkrieg doch nur ein PR-Gag? Geht es Kerkeling lediglich um eine Reinkarnation in seiner Künstlerkarriere? Bei "Kein Pardon" hat er sich mal von Kollegin Ulla in ein früheres Leben zurückführen lassen - um dann zu sagen: "Total verarscht."