Tschad: Kinderretter im Zwielicht - DER SPIEGEL
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Tschad Kinderretter im Zwielicht

Der Skandal um die mutmaßliche Entführung von 103 Kindern durch eine französische Hilfsorganisation schlägt immer höhere Wellen. Der Tschad klagt "Arche de Zoé" an, Menschenrechte verletzt zu haben. Jetzt bietet ausgerechnet Libyens Staatschef Gaddafi seine Dienste in der Affäre an.
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Brüssel - In letzter Minute hatten tschadische Behörden den Abtransport der 103 Kinder durch die französische Hilfsorganisation Arche de Zoé verhindert. Die wollte angeblich Waisen aus Darfur ins sichere Europa bringen. Nur sind die Kinder weder Waisen noch stammen sie aus Darfur.

"Die Kinder aus Darfur müssen gerettet werden, solange es noch geht. In einigen Monaten werden sie tot sein", prangt das Motto von Arche de Zoé mahnend und gelb hinterlegt auf der Homepage. So weit, so ehrenwert. Allerdings sitzen der Feuerwehrmann und fünf seiner Mitarbeiter seit Donnerstag im Tschad in Haft. Sie werden beschuldigt, 103 Kinder entführt zu haben. Als Komplizen mitangeklagt sind sieben Mitarbeiter einer spanischen Fluggesellschaft und zwei Journalisten.

Der Tourismusminister des Tschad erklärte angesichts der Affäre: "Mein Volk ist entrüstet." Der Westen habe seinem Land die Menschenrechte gebracht, nun kämen "sie zu uns und verletzen diese Rechte", sagte Ibrahim Ahmed Koulamallah der spanischen Zeitung "El País". Sein Fazit: "Die Leute glauben, in Afrika ist alles erlaubt."

Wie "Le Parisien" heute berichtet, hat sich gar Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi eingeschaltet und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy angeboten, zwischen Frankreich und dem Tschad "zu vermitteln".

Unter der Nummer 05/2346/00171192 wird Arche de Zoé im Pariser Vereinsregister als offizielle Hilfsorganisation geführt. Erst vor drei Jahren, unmittelbar nach dem verheerenden Tsunami in Südostasien, hatte ein früherer Feuerwehrmann und passionierter Autonarr die Organisation ins Leben gerufen. Eric Breteau wollte den Kindern in der Region helfen, benannte seinen Verein nach einem überlebenden Mädchen der Flutwelle und in Anlehnung an die biblische Geschichte der Arche Noah.

In den vergangenen Jahren verlegte die kleine Nichtregierungsorganisation ihr Engagement nach Afrika. Die neue Mission: Kinder retten aus der krisengeschüttelten Region Darfur, in der mordende Milizen Dörfer ausrotten, Frauen erniedrigen und Millionen in die Flucht treiben.

Rückblick: Am vergangenen Donnerstag macht sich in den frühen Morgenstunden ein Tross von zehn Fahrzeugen auf den Weg zur Landebahn von Abéché, mitten in der Wüste. Auf dem Rollfeld wartet eine spanische Boeing auf ihre Fracht. Die besteht aus 22 Mädchen und 81 Jungen, ohne Gepäck, ohne Nahrungsmittel. Wenig später wird der Tross von tschadischen Sicherheitsbehörden gestoppt. Denn im Tschad herrscht Krieg, am 16. Oktober hat die Regierung wieder einmal eine Ausgangssperre für den Osten des Landes verhängt. Von 18.30 Uhr bis morgens um 6 Uhr darf niemand sein Haus verlassen. Die Mitarbeiter von Arche de Zoé hatten sich offenkundig nicht viel Mühe gegeben, unentdeckt zu bleiben.

"Ein schreckliches Bild"

Die Kinder, zwischen einem und zehn Jahren alt, die die Polizisten in den Wagen des Vereins finden, tragen Verbände. Man könnte meinen, es sei ein Krankentransport, der sich aus der Stadt Abéché aufmacht gen Frankreich. Die Franzosen werden in Gewahrsam genommen, die spanische Besatzung des wartenden Flugzeugs, ebenso zwei Journalisten, die den Tross begleitet haben. Die Kinder bringt man in ein Kinderheim, sie sind alle gesund, die Verbände Attrappen.

"Der Gouverneur von Abéché hat uns gerufen und um Hilfe gebeten", sagt Annette Rehrl, Sprecherin des UNHCR im Tschad SPIEGEL ONLINE. "Die Kinder waren völlig verängstigt und haben geweint. Sie hatten nur das, was sie am Leib trugen. Es war ein schreckliches Bild." Für Nahrung war nicht gesorgt, so dass die Hilfsorganisation sich erst einmal um die unmittelbare Versorgung der Kinder gekümmert hat. "Wir haben Milch und Wasser besorgt und die Kinder haben sich regelrecht daraufgestürzt." Dass Arche de Zoé die Ausgangssperre missachtet habe, sei für die Kinder "Glück im Unglück" gewesen, sagt Rehrl.

Ein Krankentransport - aber keine Kranken

Hat man die Kinder bewusst verkleidet, um einen falschen Eindruck zu erwecken oder gar ihre Identität zu verschleiern? Den Vorwurf weist Christophe Letien, Sprecher von Arche de Zoé, entschieden zurück. Wenn auch mit einer nur bedingt einleuchtenden Erklärung. "Die Kinder hatten noch nie zuvor weiße Menschen gesehen. Die Verbände waren ein Spiel, um sie zu unterhalten", sagte er der belgischen Zeitung "Le Soir".

Die Vorwürfe gegen die Hilfsorganisation sind massiv. Nicht nur habe man versucht, den Flug als Krankentransport zu deklarieren, vielmehr habe Arche de Zoé tschadischen Eltern ihre Kinder weggenommen und sie als Waisen aus Darfur deklariert.

Der Staatschef des Tschad, Idriss Deby Itno, äußerte gar den Verdacht, man habe die Kinder in Europa an Kinderschänder verkaufen oder sie gar töten wollen, um mit ihren Organen zu handeln.

Arche de Zoé hat dagegen bislang stets behauptet, sie sei im Besitz von Papieren der Dorfchefs, die belegen, dass es sich bei den 103 Kindern um Waisen aus Darfur handelt. Außerdem hätten sich die Mitarbeiter zuvor mehrere Wochen davon überzeugt, dass die Kinder keine Verwandten mehr haben, die sich um sie kümmern könnten.

Die "Waisen" haben Eltern

Die Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen und des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) kommen indes zu anderen Schlüssen. Seit Freitagmorgen haben die Mitarbeiter 100 Kinder befragt – die anderen drei sind zu klein und können noch nicht sprechen. Und die Ergebnisse sind alarmierend – wenn auch noch nicht endgültig. "Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass 80 Prozent der Kinder aus dem Tschad stammen", sagt Rehrl. "Viele Kinder weinen und sagen, sie wollen zurück zu Mama und Papa." In den kommenden Wochen werden Mitarbeiter des IRK Dörfer im Osten des Tschad aufsuchen, die Fotos der Kinder und deren Aussagen im Gepäck. Sie werden anhand von winzigen Details nach den Müttern, Vätern, Tanten und Großeltern suchen, von denen Arche de Zoé behauptet, es gebe sie nicht.

Ältere Kinder haben erzählt, sie seien mit Süßigkeiten, Keksen und Geschenken angelockt worden, während ihre Eltern auf dem Feld arbeiteten. Auch habe man die Eltern mit Versprechungen davon überzeugen wollen, ihr Kind in die Obhut der Franzosen zu geben, unter anderem mit der Aussicht, in Europa könnten die Kinder eine Schule besuchen.

Die Geschichten, die die älteren Mädchen und Jungen den Helfern erzählen, variieren jedoch, je häufiger sie sie erzählen. "Es kommt vor, dass man einen Jungen am Donnerstag nach seinem Namen gefragt hat und er hat gesagt, er heißt Mohammed und am Freitag hat er auf den Namen Ibrahim gehört", erzählt Fehrl. Die Kinder seien schwer traumatisiert, die Befragungen langwierig und schwierig. Viele haben ihren Namen und ihre persönliche Geschichte abgeändert, viele haben Angst, versuchen zu erahnen, was sie sagen sollen, oder sind einfach zu klein, um antworten zu können. In den nächsten Tagen werden die Kinder ein zweites Mal befragt, um möglichst gesicherte Informationen zu erlangen.

Die Kinder wurden ohne Ausweispapiere und nur mit einem Plastikarmband mit einer Nummer versehen aufgegriffen. Sie sind bis zur Klärung ihrer Identität im Waisenhaus untergebracht.

Arche de Zoé sieht sich unterdessen als Bauernopfer der tschadischen Politik. "Die Vorwürfe wurden übertrieben, weil die Regierung bei den Verhandlungen über die Stationierung der EU-Truppe im Tschad daraus Kapital schlagen will", sagt der Anwalt der Organisation, Gilbert Collard, dem Sender France Info. Der Tschad wolle den Einsatz verhindern und nutze die Situation aus. Dabei, sagt Collard, habe man nur das Beste für die Kinder gewollt und keine unredlichen Motive verfolgt. "Die Familien, die die Kinder aufnehmen wollten, sind keine Pädophilen oder Organhändler."

Der Preis für ein Kind: 6000 Euro

Arche de Zoé hatte im Frühjahr Familien dazu aufgefordert, sich zu melden, wenn sie an einer Adoption eines Kindes aus Darfur interessiert seien. Es heißt, die Familien hätten durchschnittlich 2400 Euro für ein Kind bezahlt, mitunter seien auch Beträge von bis zu 6000 Euro geflossen. Arche de Zoé bestreitet, an der vermeintlichen Evakuierung der vermeintlichen Flüchtlingskinder verdient zu haben. Bei dem Betrag habe es sich lediglich um eine Aufwandsentschädigung gehandelt, sagte ein Sprecher der Zeitung "Le Soir".

Arche de Zoé ist erst vor rund fünf Wochen überhaupt im Tschad aktiv geworden – unter dem Namen "Children Rescue". Unter dem eigentlichen Namen hatte die Organisation zuvor im Sudan Probleme bekommen, die zu einem ersten Verhör Eric Breteaus durch französische Behörden im Sommer geführt hatten. Der Verdacht: Arche de Zoé ist an der rechtswidrigen Vermittlung von Adoptionen beteiligt. Ungeachtet der Vorbehalte der Ermittler konnte Breteau seine Pläne jedoch in die Tat umsetzen. Das französische Militär hat die Arbeit von Arche de Zoé im Tschad sogar nach Kräften unterstützt - mit der nötigen Logistik, Wasser und Flugbenzin.

"Der Tschad steht unter Schock"

"Der ganze Tschad steht unter Schock", sagt Fehrl. "Wir sind zutiefst betroffen und entsetzt." Die Regierung war zu leichtgläubig, was nachvollziehbar scheint in einer Region, die seit Jahren im Ausnahmezustand verharrt, in der das Chaos regiert und die Menschen leiden. Die Menschen im Tschad haben auf die Hilfe von Arche de Zoé gehofft, nun warten im Kinderheim von Abéché 103 Kinder darauf, zurück zu ihren Familien zu dürfen und klammern sich weinend an die Beine der Mitarbeiter der Hilfsorganisationen.

Wie die Boeing überhaupt in den Tschad und auf die Landebahn kommen konnte, auf der sie noch immer steht, wird die Justiz in den kommenden Wochen ebenso klären müssen, wie die Frage, warum Arche de Zoé überhaupt so lange unbehelligt agieren konnte.

Die Inhaftierten sollen nun in ein Gefängnis in der Hauptstadt Ndjamena verlegt werden. In Abéché können die tschadischen Behörden nicht länger für ihre Sicherheit sorgen.

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