Tsunami auf Samoa: Helfer durchsuchen Todeszone nach Leichen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
SPIEGEL TV

Tsunami auf Samoa Helfer durchsuchen Todeszone nach Leichen

Die Erde bebte, das Meer wich zurück - dann schlugen Riesenwellen mit zerstörerischer Wucht auf die Samoa-Inseln. Das Ausmaß der Schäden ist auch Stunden nach dem Tsunami noch unklar, die Behörden rechnen mit mehr als hundert Toten. Mehrere Dörfer wurden völlig zerstört.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Das Drama dauerte zwei bis drei Minuten. Die Erde bebte, in einem Sog zog sich das Meer zurück. Die See sei einfach verschwunden, berichteten Augenzeugen hinterher. Dann kamen die Wellen zurück. Sechs bis sieben Meter hoch. Sie brandeten mit zerstörerischer Wucht auf das Land.

Den Küstenbewohnern der Samoa-Inseln blieben nur kurze Momente, um sich und ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. Viele wurden von den Wassermassen überrascht, die Behörden gehen derzeit von mindestens hundert Toten im Südwestpazifik aus.

Nach und nach laufen die Berichte aus den Küstenorten ein: Anwohner aus dem Dorf Salesatele übermittelten per Funk die Nachricht, dass sie allein in ihrem Ort 37 Leichen geborgen hätten, wie der "New Zealand Herald" berichtet. Der Neuseeländer Graeme Ansell erklärte in einem Interview mit dem staatlichen Rundfunk, das Dorf Sau Sau Beach Fale sei von der Welle ausgelöscht worden. "Hier steht kein einziges Gebäude mehr. Wir sind alle auf einen Berg geklettert. Einer unserer Freunde hat sich dabei ein Bein gebrochen", sagte Ansell, der zu diesem Zeitpunkt noch immer auf dem Hügel verharrte. "Die Leute hier in der Umgebung werden in der kommenden Zeit viel Hilfe benötigen."

Fotostrecke

Tsunami vor Samoa: "Der Sog Richtung Meer war gigantisch"

Foto: STR/ Reuters

Die Stromleitungen sind zerstört, die Telefonverbindungen zusammengebrochen. Welche Schäden der Tsunami angerichtet hat, wird sich in den kommenden Tagen genau zeigen. Nun, da sich das Wasser zurückzieht, werden immer mehr Leichen an die Oberfläche gespült.

Ganze Dörfer habe das Meer hinweggerissen, berichtete Augenzeugin Cherelle Jackson. Von dem Dorf Poutasi sei nichts mehr übrig geblieben. "Die Menschen versuchen, ihre Sachen zusammenzusammeln. Nur wenige haben Werkzeuge, um den Schutt zur Seite zu räumen." Da die Riesenwellen auch die Straßen zerstört hätten, versuchten die Menschen, nun zu Fuß zu den Opfern vorzudringen und sich einen Weg durch ein Rinnsal zu bahnen. "Hier ist alles zerstört. Einen solchen Schaden hatten wir bislang noch nicht einmal nach einem Zyklon."

Noch Stunden nach der Flutwelle kauerten sich die Menschen auf Anhöhen zusammen. Diejenigen, die keine Zuflucht auf einem Hügel gesucht hatten, hatten keine Chance - das Wasser riss sie mitsamt ihren Autos hinweg.

Der Tsunami wurde durch ein Erdbeben der Stärke 8,0 rund 200 Kilometer vor der Südküste der Inseln ausgelöst. Die Region wurde von mehr als einem Dutzend Nachbeben erschüttert. Auf der Hauptinsel Upolu soll das Wasser bis zu 800 Meter ins Landesinnere gereicht haben, hieß es im neuseeländischen Rundfunk.

Fotostrecke

Tsunami im Pazifik: Wie er sich ausbreitete

Foto: Google Earth

Wendy Booth betrieb die Touristenanlage "Sea Breeze" an der Südküste, die nach ihren Angaben völlig zerstört wurde. "Die zweite Welle traf uns durch den Fußboden. Das Wasser rauschte zur Hintertür hinaus und riss uns mit", berichtete sie dem australischen Radiosender Fairfax Radio Network. "Wir konnten uns an einem Geländer festhalten, mein Mann und ich klammerten uns aneinander. Der Sog zurück Richtung Meer nach der Welle war gigantisch. Die Kraft des Wassers riss unsere Einrichtung durch das Dach."

"Das Wasser drang in seinen Bus ein"

Eine Australierin erlebte das Erdbeben und den Tsunami in der Hauptstadt Pago-Pago auf Amerikanisch-Samoa. Die Erde habe drei Minuten lang heftig gebebt, berichtete sie dem australischen Sender ABC. Von ihrem Balkon aus sah sie jede Menge überflutete Häuser und Geschäfte. Nach ihren Angaben war die Flutwelle vier Meter hoch. Der Strom sei ausgefallen, der Flughafen geschlossen und das örtliche Krankenhaus überflutet. Ein Bekannter sei mit einem Bus unterwegs gewesen, als der Tsunami kam. "Das Wasser drang in seinen Bus ein", berichtete Whitby. "Er blieb schließlich in einem Mangobaum hängen, aber vier seiner Passagiere wurden fortgerissen."

Die Behörden lösten innerhalb von Minuten nach dem Beben einen Tsunami-Alarm aus, berichtete der Lokalsender Radio Polynesia. Auf den Inseln wurden regelmäßig Tsunami-Übungen durchgeführt. Viele der Einwohner der tiefliegenden Küstenregion hätten sich deshalb rechtzeitig auf höheres Terrain retten können, sagte Reporter Pipi Autagavaia der BBC.

Die ehemalige deutsche Kolonie liegt auf halben Weg zwischen Neuseeland und Hawaii. Schwer getroffen wurde auch Amerikanisch-Samoa rund 80 Kilometer weiter östlich. US-Präsident Barack Obama erklärte die Insel zum Katastrophengebiet. Damit werden zusätzliche Finanzmittel für Rettungseinsätze frei.

Auf den Inseln leben insgesamt rund 220.000 Menschen. Darunter sind nach Angaben des deutschen Honorarkonsuls Arne Schreiber 25 Deutsche.

"Die Warnung kam eigentlich zu spät"

Nach Angaben des Auswärtigen Amts wurden zwei Deutsche bei dem Tsunami verletzt. Beide seien auf Samoa ärztlich versorgt worden und würden nun konsularisch betreut, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Berlin am Mittwoch. Zu näheren Umständen und der Art der Verletzungen wollte sich der Sprecher nicht äußern. Die deutschen Vertretungen in der Region bemühten sich im Kontakt mit den örtlichen Behörden um Aufklärung, ob weitere Deutsche von dem Tsunami betroffen seien.

Das Beben ereignete sich am Dienstag um 19.48 Uhr mitteleuropäischer Zeit, nach Ortszeit war das 6.48 Uhr am Dienstagmorgen. Zunächst ausgesprochene Tsunami-Warnungen für Südseestaaten wie Tonga, Tuvalu, Kiribati, die Salomonen-Inseln und für Neuseeland wurden um kurz vor Mitternacht europäischer Zeit wieder aufgehoben.

Das Beben sei "erschreckend" gewesen, sagte Honorarkonsul Schreiber. "Wir sind hier Beben gewohnt, das ist nichts Ungewöhnliches. Nur eben heute war es wahnsinnig stark und lange." Nach dem großen Erdbeben habe es auf Samoa noch etwa 20 schwächere Nachbeben gegeben. "Es rumort noch den ganzen Tag." Derzeit arbeite niemand, die Schulen seien geschlossen.

"Im Grunde genommen geht keiner raus." Die Bevölkerung der Samoa-Inseln sei per SMS gewarnt worden. Das Tsunami-Frühwarnsystem funktioniere nicht über Sirenen, sondern über Textnachrichten auf dem Handy. Zentrale Stellen wie Bürgermeister und Hotelleitungen erhalten demnach eine Warnung und geben diese dann weiter. Da aber das Zentrum nur 100 Meilen entfernt gewesen sei, war der Tsunami in nur 15 Minuten auf Samoa angekommen. "Die Warnung kam eigentlich zu spät", sage Schreiber dem Westdeutschen Rundfunk.

han/AP/dpa/Reuters