TV-Humor Tyrannei der Lachsäcke
Sehr verehrter Zeitgeist, hochgeschätzte Werbeindustrie, lieber Zlatko, hey Verona, halloZahnspangen: Hier schreibt einer, der es einfach nichtgeschafft hat, ewig jung zu sein. Er musste die 15überschreiten, die 25, sogar die fuffzig. Das Peinliche: Erist noch nicht tot und also immer noch TV-Konsument. Und sozetert er mit aller zittrigen Unwürde des von der Reklameverachteten Kukident-Sehers aus dem Fernsehsessel: Kinder,es reicht. Natürlich fragt ihr Kids jetzt, wenn ihr bis hierhergelesen habt: Was hat den Alten so empört? Es ist StefanRaab, genauer: die schreckliche Gewissheit, dass dergrinsende Metzgersohn seit letzter Woche an vier Abendenauf ProSieben mit seiner Show "TV total" zu sehen ist. Unddie Furcht, dass diese Sendung womöglich Maßstäbe setzt,die Werbewirtschaft betört, dass das Blöken des Biedersinnsund die Tyrannei der Lachsäcke den Spaß endgültigbeerdigen.Raab das ist die Regression in die anale Phase: Pisspötteraus und immer hineingefasst in die Windel. Bäbä, wie istdas schön. Ein in die Hocke gegangenes Wachsfigurenebenbildvon Boris Becker animiert Raab zu der Feststellung, dassman doch "beim Kacken erfrieren" könne. Nach Zottel-Zotenwie "Frau mit langer Nas, gibt im Bett so richtig Gas"erscheint ein Schild "Pulleralarm", Herr Raab als PipiLangdumpf, ein reifeunfähiges Kind aus Pullerbü.Wenn er Verona Feldbusch und Models in seiner Sendung zurDessous-Präsentation aufmarschieren lässt, grabscht er nachSilikonkissen im BH und wirft mit den Teilen in der Gegendherum. Bei der Bundeswehr, verkündet er später, werde das"Zapfenstreicheln" geübt, und zu einer knienden Soldatinfällt ihm ein: "Ich sag dir ganz trocken, ich mag's auch imHocken."Ja, da wiehern die Zahnspangen. Doch wer genüsslichregrediert, der leidet nicht am Wiederholungszwang. Raabist ein Wiederkäuer der ewig gleichen Gags. Das von ihmnicht erfundene, aber zum Dauerritual erhobene Aufsammelnvon Fehlleistungen im TV-Geschäft rattert ab wie einerostige Bartwickelmaschine: Gott, ist es komisch, wenn JensRiwa einen mit der Hand korrigierten Nachrichtensatz nichtmehr lesen kann. Ein Gottschalk als Pinup-Girl auf einem Ami-Schlitten sollsuperwitzig wirken und wirbt für die überflüssigsteZeitschrift der Republik: für das 2,50 Mark und damit 250Pfennig zu teure TV-Magazin "TV total". Mit dem Kalauer, ober demnächst "Sturm Gras" (statt "Graz") trainieren wolle,die Pressekonferenz des koksgefährdeten Trainers Daum zuentern, dazu gehört die notorische Selbstüberschätzung desDauergrinsers Raab oder die Mitgliedschaft imDrittliga-Verein Juventus Urin.Tobt hier der Zorn der fußkrank gewordenen Nachhut? Achwas. Es ist ja nicht so, dass der ältere Mensch zu vielKarl-Heinz Köpcke ("Tagesschau"), Karl Moik oder Frau Dr.Karla Wege (pensionierte Wetterfröschin des ZDF) gesehenhat und nun glaubt, dass es jenseits von Arte-Themenabendenoder der Übertragung der ostwestfälischenLandesmeisterschaften im lateinamerikanischenFormationstanz keinen Fernsehgenuss geben kann.Wir haben freudig miterlebt, wie die öffentlich-rechtlicheErziehungsdiktatur nach dem Aufkommen der Privatenzerbrach. Wir weinten dem Verschwinden des sozialkundlichenFernsehspiels keine Träne nach. Voll ehrlicher Freude sahenwir die Heraufkunft des modernen TV-Movies, die Entdeckung,dass Fernsehen spannende Bilder erzeugen und zügig erzählenkann. Sodomie und Gomera Aber vielleicht war es ein Fehler, die Graue-Panther-Faustnur in der Tasche zu ballen, als die Bärbels, Ilonas undRanschmeiß-Flieges am Nachmittag ihre Talkbuden eröffneten.Da wurde gepöbelt, geflennt und der gute Geschmack zumStudio hinausgelümmelt. Von Sodomie bis Gomera und seinemInselsex arabellisierten und vervollmeiserten die Showsalles, was das Hirn erweicht. Diskussion, Kommunikation,Meinungsaustausch und wie die notwendigen Tugenden desdemokratischen Gemeinsinns noch heißen, verkamen zumHerausblöken allenfalls bühnentauglicher Ego-Kompositionen: Ich bin fett und findeBlondinen zum Kotzen, na und?Wir Älteren haben geschwiegen. Werbung, viele Jüngere unddie schlauen Quoten-Fouchés der Sender mochten den faulenZauber. Und war es nicht die "Zeit"-Journalistin BarbaraSichtermann, die Gralshüterin des TV-Wahren und TV-Edlen,die den Segen über die Nachmittagstalks also sprach:"Überhaupt funktioniert das Kummerkastenfernsehen nach derDevise 'Jedem Tierchen sein Pläsierchen' und ist insoferneine Schule der Toleranz. Noch vor 20 Jahren wäre das allesunmöglich gewesen nicht weil der Geschmack des Publikumsbesser war, sondern weil die meisten Menschen viel zubigott und verbiestert gewesen wären, um über Bisex undPornos gelassen zu debattieren. Es musste erst eine neueGeneration heranwachsen." Da war er wieder, der alleszermalmende Altersrassismus, hier ihr im Licht der Jugend,dort wir Alten, die zum stillen Abnörgeln hinter den Ofengeschickt wurden. Trendviehhaltung von jungen Leuten Dann kamen die Käfige. Die Trendviehhaltung von jungenLeuten. Die leise getalkten und zum Schweigen gesoaptenDaddys und Muttis trauten sich nicht, ernsthaft an denStäben der Teleknäste im Namen der Humanität zu rütteln.Ging es den Big Brothers und Big Sisters nicht gar um dieErkundung von Authentizität unter den Bedingungen derentfesselten Medienmoderne?Wieder schien der Zeitgeist als erste Altenpflicht zuverlangen, dem Geldsack John de Mol und seinerJugendabzocke eine kulturelle Rechtfertigunghinterherzuwerfen. Denn wer wollte schon somoralinzauselbärtig auftreten wie der rheinland-pfälzischeMinisterpräsident Kurt Beck (SPD), der ein generellesVerbot des TV-Strafvollzugs forderte? Wir sind zwar alt,aber doch noch lange keine Spielverderber mit Sozi-Mief. Esist ja so verdammt schwer, im Medienzeitalter Nein zusagen.Besonders wenn es um Entertainment geht. Niedlich undneckisch wackelte Hugo Egon Balders legendäresTutti-Frutti-Ballett, chin-chin und chauvi-chauvi, das neueZeitalter der kommerziellen TV-Unterhaltung ein. Waren sonette Früchte, der Greis wurde heiß, lüstern vergaßen dieAlten ihr Wächteramt. Böse Jungs haben die guten verdrängt Schnell kam die Quittung. Denn hinter den Tutti-Fruttiskamen die Brutalos die Showtreppe herunter. Ein jetzt inder Edition Suhrkamp erschienenes Buch nennt sie"Bühnendespoten", gnadenlose Rampensäue, die um der Pointewillen Gäste schlecht behandeln, ihr ungehobeltes Ego inder ganzen Fülle seiner Macken und Ungezogenheiten vor derKamera ausbreiten*. Diese bösen Jungs wie Karl Dall, HapeKerkeling, Harald Schmidt und Stefan Raab haben diefreundlich-harmlosen Spielleiter der großen Samstagabendunterhaltung wieRudi Carrell, Frank Elstner und Kurt Felix verdrängt. NurThomas Gottschalk behauptet seine "Wetten, dass...?"-Insel.Der Bühnentyrann steht für den hemmungslosen Narzissmus derEpoche. In allem und jedem muss er sich spiegeln, die Weltscheint nur für ihn da zu sein. Ohne Distanz zu sich und zuanderen malträtiert er sein Publikum mit seinem Größenwahnund seinen Anfällen von Gekränktheit.Liebe Jungen, ihr und wir Alten wissen, von wem wir reden:von Harald Schmidt. Wir haben seine Flegeljahre bewundert,wir haben uns mescaleromäßig klammheimlich mit unbotmäßigemGefühl gefreut, als er Moderatorin Bettina Böttinger miteiner Kloschüssel verglich: Kein Mann würde sie anfassen.Wir waren unfähig, uns zu schämen, weil Rabaukentum damalsin irgendeinem Trend lag. Der Despot Schmidt hat uns mitseinem Hypochondertum lustvoll gequält. Wir bewundertenseine anarchischen, zwanghaften Assoziationen als Bildung.Der Mann hat sich vor uns ausgekotzt, ausgezotet,ausgekaspert wir waren gern die Psychiatercouch. Wirfingen an, Polenwitze und politische Indifferenz für dieangesagte Haltung zu nehmen.Doch schließlich ist aus Dirty Harry der weise Haraldgeworden. Die Flegeljahre sind vorbei, der despotischePatient hat alles vor seinem stummen und hingerissenenTherapeuten namens Publikum herausgelassen, auf dass erjetzt mild und freundlich neben seinem Assi Andrack sitzt,Gäste manierlich behandelt, der abendländischen Kulturseinen Respekt erweist: Willkommen, Herr Schmidt. Schluss mit dem "Pulleralarm" Deshalb, Kiddis, sagen wir Nein zu Stefan Raab. Noch einenKomiker durch die Pubertät zu bringen, stehen wir nichtdurch. Das Verständnis für Pennälerwitze ist aufgebraucht.Ja, auch wir haben gern in der Jugend gefurzt und gerülpstund in der Musikstunde statt "Alles, was Odem hat" "Alles,was Hoden hat, lobe den Herrn" gesungen.Aber nun wollen wir im Fernsehen keinen mehr ertragen, der"Pulleralarm" gibt, die Treppe rekordverdächtigherunterrutscht, Verona eine Wichsvorlage nennt,unbeholfene Ossis in den Maschendrahtzaun laufen und seinPublikum "Scheiße" brüllen lässt.Lieber Zeitgeist, geschätzte Werber, bigge Brothers, süßeSisters, Knuddis und Kiddis, wir haben's getragen somanches Jahr. Wir sagen Nein. Ach, es ist plötzlich soschön, keine 15 mehr sein zu müssen. Gruß undKuss.
* Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 272 Seiten; 21,90Mark.