TV-Kritik Girlscamp - biedere Fleischbeschau
Die Enttäuschung war nicht wirklich groß. Denn natürlich sehen die zehn Single-Frauen im Alter zwischen 19 und 34, die jetzt für sieben Wochen in einen Luxusbungalow auf der Kanareninsel El Hierro ziehen, um dort der fürs Wochenende einfliegenden Männer aus Deutschland zu harren, nicht gut aus.
Zumindest nicht so gut, wie der Fernsehsender Sat.1 uns Jungs das in den letzten Wochen in einem exzessiven Bikini-Werberausch mittels TV-Trailern, Zeitungsanzeigen und überdimensionaler Häuserplakatierung für sein neues Reality-Format "Girlscamp" hat weismachen wollen. Gut gemacht, Fred Kogel.
Stutenbiss wie in der Bäckerei
Nach der zweistündigen Eröffnungssendung, die am Freitagabend live aus einem Hamburger Fernsehstudio übertragen wurde, ist ungefähr Folgendes für die wochentags laufende Sendung (montags und freitags live, von Dienstag bis Donnerstag aufgezeichnet) zu erwarten: Ein biederer Stilmix aus 0190er-Sextelefonie bizarr gepaart mit "Charlie's Angels 2000"-Ästhetik und - wenn er sich dann binnen sieben Wochen überhaupt entwickeln wird - dem ganz alltäglich lähmenden Stutenbiss. Szenen, wie man sie im wirklichen Leben auch unter den Kundinnen in jeder Bäckerei hier zu Lande erleben darf.
Im günstigsten Fall also werden die 57 installierten Kameras im gut ausgestatteten Anwesen auf den Kanaren (Swimming-Pool, Fitnessraum, Großraumbadewanne) die aus "Big Brother" bekannten kleinbürgerlichen Zickereien und Ränkespiele für die Voyeure vor dem Fernseher und im Internet übertragen. Mit der möglicherweise angenehmen Ausnahme, dass man im "Girlscamp" auf Harrys, Zlatkos und Guido Westerwelles verzichten muss.
Bettenrascheln statt Sex
Ist stattdessen mit mehr Sex zu rechnen? "Ich glaube nicht, dass es zu expliziten Darstellungen von Geschlechtsverkehr oder dem entsprechenden Vorspiel kommt. Die Sendezeit um 20.15 Uhr gibt Inhalte vor", hatte Präsentatorin Barbara Schöneberger dazu in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" vorab erklärt. In der Trailer-Show am Freitag wurde das Thema dann auch nur angedeutet. Wir werden Betten rascheln sehen.
Die alles entscheidende Frage, ob das Konzept "Girlscamp" im Sinne der Quote funktionieren wird, ist leicht zu beantworten. So, wie die vom Moderatoren-Duo Schöneberger und Kena Amoa banal in die Öffentlichkeit eingeführten Girls ihre Vorstellungen vom Traum-Boy offenbarten, wird es mächtig rattern. Oder glauben Sie nicht auch, dass es beim Kennen- und Liebenlernen immer noch auf "Charakter", "tolle Ausstrahlung", "Spaß", "Humor" und "schöne Augen" ankommt?
Auch dramaturgisch ist seit Freitag eines schon klar. Die tragische Rolle der Mädels im Camp wird die Schweizerin Daniela, 34 Jahre und Mutter eines fünfjährigen Sohnes, übernehmen. "Für mich zählt Liebe mehr als Geld", sagte die Tänzerin und wirkte dabei so unglücklich und fatalistisch, als wittere sie auf El Hierro die letzte Chance, ihrem Leben noch einen Sinn zu geben.