TV-Show Ein Millionär als Hauptgewinn
Köln/Berlin - Die Anarchie scheint im deutschen Privatfernsehen ausgebrochen zu sein. Am Sonntag soll es bei Sat.1 endlich so weit sein für die Show "Wer heiratet den Millionär?". Aber plötzlich zaubert RTL ein ähnliches Format aus dem Hut. Am Mittwoch um 20.15 Uhr hieß es "Ich heirate einen Millionär". Eigentlich sollte zu dieser Zeit den Programmzeitschriften zufolge der TV-Film "Das schwangere Mädchen" laufen. Doch statt einer Frau in anderen Umständen begrüßte RTL-Urgestein Werner Schulze-Erdel ("Familienduell") die Zuschauer zur neuen Kuppelshow.
Das Konzept: Ein Millionär darf sich aus 50 Frauen eine aussuchen. Dieser Mann hat laut "Bild" die Initialen T. T. und soll ein norddeutscher Einzelhandelskrösus sein. Aus den Damen in Abendkleidern darf er sich zehn Stück auswählen für die nächste Runde. Eine vierköpfige Jury aus Freunden und Verwandten hilft ihm dabei.
Die zehn Damen sollen in unterschiedlichen Outfits persönliche Fragen beantworten. Mit Hilfe der Jury bleiben noch fünf Damen übrig. Sie dürfen schon mal ihr Brautkleid anziehen. Eine von ihnen wird die Auserwählte sein. Heiraten wird sie den "Einzelhandelskrösus" aber dann doch noch nicht. Er schiebt der Glücklichen zunächst einen Brilliantring im Wert von 20.000 Mark auf den Finger. Danach sollen sie sich erst mal genauer kennen lernen.
Sat.1 hat bereits seit dem Herbst an dem Konzept herumgewerkelt. Ein Millionär war gefunden, das Studio schon gebucht. Doch kurz vor der Show verliebte sich der Millionär in eine andere Frau, brauchte entsprechend die Sendung nicht mehr - alles über den Haufen geworfen. Dann wollte Jörg Wontorra auch nicht mehr die Show moderieren. Da RTL nun schneller ist als Sat.1, fühlt sich der Berliner Sender mit den bunten Bällen schon an die Anfangszeiten des Privatfernsehens erinnert. Also eine späte Rache für die Serie "Twin Peaks"? Damals, vor zehn Jahren, verriet Sat.1 in seinem Teletext, wer nun der Mörder in der RTL-Serie gewesen ist.
RTL-Sprecherin Layla Karsak wollte nichts Genaues zu der Kuppel-Show verraten. Informierte Kreise berichten jedoch, dass allein vier Casting-Agenturen gebraucht wurden, um den Millionär und die 50 Frauen zusammenzubekommen. RTL habe die Rechte vom amerikanischen Sender Fox erworben. Für Sat.1 produziert Endemol die Show. In Holland konnte die Show bereits im Oktober ein Paar verkuppeln. Sie gaben sich vor laufenden Kameras das Ja-Wort.
Das Konzept ist umstritten. In Amerika lief die Show "Who wants to marry a multimillionaire?" auf dem TV-Sender Fox zum ersten Mal im Februar vergangenen Jahres. Die blonde Krankenschwester Darva Conger, 35, heiratete den Multimillionär Rick Rockwell. Rockwell war zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er hatte seiner ehemaligen Verlobten gedroht, sie umzubringen. Rockwell erhielt daraufhin die richterliche Anordnung, sich der Verlobten nicht näher als 100 Meter zu nähern. Beim Casting zur Show hatte der Millionär dies jedoch verschwiegen. Danach wollte der Sender keine Neuauflage der Show.
Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, kritisiert die Show: "Das ist ein trauriger Abstieg auf der nach unten offenen Qualitätsskala. Es wird ein weiterer Tabu-Bruch inszeniert, um möglichst hohe Zuschauerquoten zu erreichen."
Für den TV-Film "Das schwangere Mädchen" hat RTL übrigens noch keinen Ausweichtermin genannt.