Übergewichtsdebatte: Die dicken Kinder von der Insel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Übergewichtsdebatte Die dicken Kinder von der Insel

Sie essen mit Vorliebe Süßigkeiten, wiegen mehr als Erwachsene und sind weder satt noch glücklich. Das Schicksal des achtjährigen Connor McCreaddie hat eine Debatte über das Leid übergewichtiger Kinder in Großbritannien entfacht - an vorderster Front meldet sich nun Prinz Charles zu Wort.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - "Wohin hat McDonald's uns gebracht? In einem Verbot von McDonald's liegt der Schlüssel zu einer besseren Ernährung", empörte sich der Thronfolger während eines Besuchs in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein weltweites Verbot der Kette würde die Gesundheit von Kindern verbessern. Prinz Charles stellte in Abu Dhabi eine Gesundheitskampagne vor und nutzte die Gelegenheit, um sich aus der Ferne in die in Großbritannien geführte Debatte einzumischen.

Auf der Insel regt sich unterdessen Widerstand gegen die Bemerkung des 58-Jährigen. Wenn er schon gegen die Fastfood-Industrie wettere, dann wenigstens gegen alle Ketten und nicht nur gegen McDonald's, zitiert der "Daily Mirror" den Sterne-Koch Giorgio Locatelli.

Ernährungsexperten betonen dagegen, jeder einzelne sei verantwortlich für das, was er esse. Sehr fett- und salzhaltige Speisen seien allgemein problematisch. Die fänden sich allerdings nicht nur bei McDonald's, sondern auch in den vom Prince of Wales selbst vertriebenen, biologischen Lebensmitteln der Marke "Duchy Originals".

Eine McDonald's-Sprecherin bezeichnete die Äußerungen des britischen Thronfolgers als "enttäuschend". Charles Söhne hätten "wahrscheinlich ein aktuelleres Bild" der Schnellrestaurants und seinen häufiger dort Gäste als ihr Vater. Vor allem Prinz Harry scheint die Meinung seines Vaters nicht zu teilen: Er isst häufig die Burger der Kette.

Eltern protestieren gegen Vernachlässigungsvorwurf

In Großbritannien hat unterdessen ein weiterer Fall eines stark übergewichtigen Kindes für Aufsehen gesorgt: Die neunjährige Samantha Hames wiegt fast 90 Kilogramm. Ihre Mutter, Angela Collins, protestiert in einem Bericht der "Sun" gegen den Vorwurf, die Eltern übergewichtiger Kinder würden ihren Nachwuchs vernachlässigen.

"Niemand wünscht sich mehr als ich, dass Sam abnimmt. Es ist eine Qual zu beobachten, dass meine Tochter immer weiter zunimmt", so Collins. "Die Menschen starren uns an und denken, wir seien faul und versuchten erst gar nicht, abzunehmen, aber das stimmt nicht. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schmerzhaft es für eine Mutter ist, wenn man ihr vorwirft, sie schade ihrem eigenen Kind."

"Eigentlich mag ich Sport, aber das Atmen fällt mir schwer"

Wie die Mutter des fast 100 Kilogramm schweren Connor McCreaddie behauptet auch die 42-Jährige, sie versuche immer wieder vergeblich, ihrer Tochter Obst und Gemüse zu geben, um sie beim Abnehmen zu unterstützen. "Ich weiß, ich bin abhängig von der Schokolade, aber sie ist so schön cremig und lecker, und ich kann einfach nicht damit aufhören, sie zu essen", zitiert die "Sun" das rund 1,50 Meter große Mädchen. "Schokolade ist das Einzige, was mich interessiert. Ich lebe für Schokolade."

Das Mädchen esse pro Tag eine 500-Gramm-Tafel ihrer Lieblingsschokolade - pro Woche dreieinhalb Kilogramm. Sam sei schon immer ein properes Kind gewesen, aber nach der Trennung ihrer Eltern habe sie weiter zugenommen, berichtet ihre Mutter. Vor allem wenn sie traurig sei, greife sie zur Schokolade. Und traurig sei sie oft - vor allem, wenn ihre Mitschüler sie als "fette Schlampe" bezeichnen. "Ich will nicht immer so hässliche Kleidung tragen müssen, und ich wäre auch gerne so wie die hübschen Mädchen in meiner Klasse. Eigentlich mag ich Sport, aber das Atmen fällt mir schwer. Ich möchte nicht früh sterben - ich möchte doch später einmal mindestens 12 Kinder bekommen."

han/Reuters/dpa