Umleitung - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Umleitung

Ein Chinese sucht auf der A 99 nach der U-Bahn - mit dem Rad.
• aus DER SPIEGEL 26/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lin Jinfeng sitzt in seinem Zimmer im Studentenwohnheim am Stadtrand von München und soll Worte finden für das, was ihm geschehen ist. War es eine Odyssee? Lin Jinfeng rutscht auf seinem Stuhl hin und her, er schämt sich.

Er fragt: »Odyssee, was heißt das?«, er schlägt das Wort im Langenscheidt-Wörterbuch nach: lange Reise mit Abenteuern und Schwierigkeiten.

Noch so ein Wort, das neu ist für ihn.

Ein Wort wie »Umleitung«. Er schreibt alle neuen Wörter auf seine kleinen gelben Vokabel-Karteikärtchen, die er immer mit sich herumträgt, er muss gewappnet sein für weitere Abenteuer.

Lin Jinfeng, Student aus China, holpriges Deutsch, 26 Jahre alt, ist fleißig, ehrgeizig und flexibel genug, sein Glück in der Fremde zu suchen. Seit sechs Monaten lebt er in München, nach dem Studium der Elektrotechnik will er zurück in die Heimat, als Entwicklungshelfer in den armen Provinzen Westchinas Stromleitungen installieren, Schulen bauen. Seine Familie, sagt er, sei stolz auf ihn. Er liebe Deutschland, sagt er. In Theorieprüfungen erzielt er Höchstleistungen.

Der Tag, an dem Lin Jinfengs Liebe zu Deutschland auf die Probe gestellt wird, ist ein Samstag.

Er steht um sieben Uhr auf, es ist ein schöner Frühlingsmorgen. Studier nicht nur, treib auch mal Sport, hatte seine Mutter am Telefon gesagt. Er plant einen Ausflug ins 70 Kilometer entfernte Augsburg, mit dem Fahrrad.

Gegen 20.15 Uhr melden sich drei Anrufer bei der Verkehrspolizei Fürstenfeldbruck: Auf der A 99 rase ein Irrer. Man müsse ihn aus dem Verkehr ziehen, sonst geschehe ein Unglück.

Hauptkommissarin Melanie Habersetzer, blond, Ende dreißig, hat Dienst an diesem Abend. Es ist ihre letzte Streife auf der Autobahn, bald wird sie versetzt. Die Schicht ist ruhig, bisher.

Auf dem Autobahnstück Eschenrieder Spange sieht sie den Irren, er strampelt auf einem schwarz-gelben Mountainbike, die Stöpsel seines MP3-Players im Ohr. Er tritt mit hoher Frequenz, überquert einen Autobahnzubringer, mit Tempo 100 rasen die Autos an ihm vorbei, noch 500 Meter, dann kommt ein Tunnel. Hauptkommissarin Habersetzer gibt Gas, schaltet das Blaulicht an und schneidet ihm den Weg ab. Lin bremst auf dem Seitenstreifen, springt vom Rad, wirkt überrascht, fast erleichtert.

»Habe verlauft«, keucht Lin, er sei auf dem Rückweg von Augsburg, seit zwölf Stunden unterwegs, erschöpft und hungrig, deshalb wolle er die letzte Etappe mit der U-Bahn zurücklegen. U wie U-Bahn, sagt er und fragt, was er falsch gemacht habe, er sei doch bloß den blauen U-Schildern gefolgt.

Habersetzer braucht einen Moment, bis sie begreift. U steht für U-Bahn, aber auch für Umleitung. Deshalb also ist der Chinese auf der A 99 gelandet, er ist den Umgehungsschildern gefolgt.

Die Hauptkommissarin hat ein gewisses pädagogisches Talent; man muss die richtigen Fragen stellen. »Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass Sie weit und breit der einzige Fahrradfahrer sind?« Ja, sagt Lin, aber das gehe ihm in Deutschland öfter so. In China gebe es Millionen Fahrräder, und die Autobahnen seien sechsspurig. »Tut mir leid, dass ich Arbeit mache, verzeihen Sie bitte sehr.«

Weil er nur seinen Studentenausweis dabeihat, nimmt Habersetzer ihn mit auf die Wache, eine vorläufige Festnahme. Über Funk ordert sie einen Polizeibus für Lin und sein Rad. Lin soll sich anschnallen im Bus. Umständlich fummelt er die Gurtschlaufe um den Hals, drückt das Gurtende zwischen die Polster der Sitzbank. Noch eine Premiere, denkt Habersetzer, der ist noch nie in einem Auto gefahren.

Auf der Dienststelle sind Lins Personalien schnell überprüft, alles ist korrekt. Habersetzer druckt ihm eine Wegbeschreibung für den Nachhauseweg aus, Landstraße. Sie hat jetzt beste Laune. Ein schöner letzter Einsatz, kein Auffahrunfall wie sonst, keine maulenden Deutschen. Nein, ein höflicher Chinese, einsichtig und dankbar. Es ist weit nach Mitternacht, als Lin im Wohnheim ankommt, er schläft tief.

Ein paar Tage nach seinem Abenteuer ist Lin noch immer zerknirscht. Das Motto für sein Leben in Deutschland lautet: »Ich muss das Beste aus mir herausholen, nur so kann ich meiner Heimat dienen.« Er sagt, er habe versagt an jenem Tag. Er zeigt die Quittung, die sie ihm auf der Wache mitgegeben haben. »Verwarnungsbescheid über 10 Euro. Wegen der Ihnen mündlich erläuterten Ordnungswidrigkeit werden Sie nach Belehrung über Ihr Weigerungsrecht verwarnt.« Das klinge so schön deutsch, sagt Lin, und dass er eine Weile gebraucht habe, diese schönen neuen Wörter auf seine Vokabelkärtchen zu schreiben. Er habe die Strafe verdient.

Aber eines will er klarstellen, natürlich sei er schon mal Auto gefahren in China, nur meist ohne Gurt. Schließlich stamme er aus Wenzhou, einer Millionenstadt 400 Kilometer südlich von Shanghai, modern und global.

An diesem Tag bleibt Lins Fahrrad angekettet vor dem Wohnheim, er hat genug von Ausflügen. Er fährt mit der U-Bahn in die Uni-Bibliothek. Zum Abschied wiederholt er das Wort Umleitung. Nach seinem Abenteuer habe ihm jemand erklärt, dass dieses Wort für deutsche Ohren chinesisch klinge. Er fragte Lin, wie der Verkehrsminister von China heiße. Lin kam nicht auf den Namen. »Minister Um Lei Tung«, sagte der Deutsche und lachte. Lin lächelte verhalten, er hat den Witz nicht verstanden, bis heute eigentlich nicht.

FIONA EHLERS

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