Unendliche Gerechtigkeit
Es ist der 272. Verhandlungstag. Irgendwann ist eine Richterin schwanger geworden und musste ersetzt werden, das Kind kann inzwischen sprechen.
Eine andere beisitzende Richterin hat sich in die Krankheit geflüchtet, ein Verteidiger sitzt jetzt im Bundestag, und ein Schöffe wurde im Gerichtssaal von einem Schlaganfall niedergestreckt. So geht das Leben dahin.
»Morjn«, sagt der Wachtmeister zum Oberstaatsanwalt. »Na George, wie geht's?«, sagt der Staatsanwalt zum Nebenkläger. »Schönes Wochenende gehabt?«, sagt die Mitverdächtigte Andrea H. Wie jeden Dienstagmorgen um neun Uhr im Saal 700 des Berliner Landgerichts in Moabit. Seit fast vier Jahren wird hier das Aktenzeichen 1 Js 2/92 verhandelt, die Welt gegen den Terror, der Bombenanschlag auf die Discothek »La Belle«. Andrea H. hat sich ein dickes Taschenbuch mit in die Verhandlung genommen: »Der Schamane« steht darauf.
15 Jahre sind seit dem Anschlag vergangen. Damals waren Ronald Reagan und Erich Honecker mächtige Namen. Seither hat es viele Stunden null gegeben, Staaten verschwanden und erstanden neu, das Jahrtausend wechselte, Ronald Reagan versank ins Vergessen der Alzheimer-Krankheit, Erich Honecker in den Orkus der Geschichte. Im Saal 700 wurden unbeeindruckt davon Beweisanträge gestellt, Zeugen vernommen, Befangenheiten verhandelt: »Morjn« - »Tschüs, bis nächsten Dienstag.«
In der Mitte des Saals sitzen die Anwälte der Nebenkläger, zwei Dutzend Juristen, gedrängt wie eine Schulklasse. An manchen Tagen sind noch mehr da. Links sitzt ein Mann mit langem Bart und Kopfhörer in einem Glaskasten. Das ist der Hauptangeklagte Jassir Chraidi aus Palästina, früher einmal im Besitz eines Diplomatenpasses des libyschen Volksbüros in Ost-Berlin.
Gegenüber steht ein anderer Glaskasten. Darin sitzt ein junger, dunkelhaariger Mann und lässt seinen Blick finster über die Anwälte wandern. Er wird eingerahmt von zwei gepflegten Herren, einer in einer Wollweste, die sich konzentriert Notizen machen. Der düstere junge Mann ist der Vollzugsbeamte. Er soll verhindern, dass die beiden ehemaligen Gefährten Musbah Abulgasem Eter aus Libyen und der Palästinenser Ali Chana, aufeinander losgehen.
»Ich beantrage die Verlesung der Vernehmung vom 15. Oktober 1990«, beginnt eine Verteidigerin und fängt an, aus ihren Akten vorzulesen. Sie ist groß und erinnert an eine bekannte Schauspielerin. Wenn sie in die ungewohnte Sprache der Verhörprotokolle gerät, verspricht sie sich. Jeder Satz wird simultan ins Arabische und Englische übersetzt. Von sehr diplomierten, sehr geprüften, sehr gut bezahlten Dolmetschern.
Dann verlangt ein Kollege die Vernehmung des ehemaligen Botschafters auf Malta. »Der ist doch hier schon persönlich gehört worden«, sagt ein Dritter.
Das Gericht wird über alles befinden, spätestens bis nächsten Dienstag, neun Uhr im Saal 700. Vermutlich ist »La Belle« der einzige Strafprozess, für den es eine eigene Website gibt: www.labelletrial.de.
Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft haben die drei Männer in den Glaskästen am Küchentisch der Mitangeklagten Verena Ch. einen Sprengsatz gebastelt. In wessen Auftrag ist bis heute unbewiesen. Die Explosion am 5. April 1986 um 1.50 Uhr dauerte den Bruchteil eines Herzschlags. 272 Tage dauert die Verhandlung bisher. Seit 272 Tagen werden Nebenkläger aus den USA oder Japan eingeflogen, ermitteln Staatsanwälte und nehmen sich Schöffen frei; Verteidiger arbeiten sich in die Geschichte Libyens ein, es wird hinübersetzt und herübersetzt, abgelichtet, beglaubigt, beantragt und auf die Gebote des Ramadan geachtet. Immer dienstags und manchmal donnerstags im Saal 700.
Die Verteidigerin liest jetzt eine Telefonrechnung vor. Einschließlich aller Abkürzungen und der Unterschrift des Postbeamten. Natürlich, es ist Meryl Streep, mit der sie Ähnlichkeit hat. Die Gesichter der Schöffen sind in einem Ausdruck hoffnungsloser Langeweile erstarrt, als letzte sichtbare Spur der Erkenntnis, wie leer Lebenszeit doch vergehen kann.
Aber wie sonst? Erst musste die Mauer fallen, damit die Stasi-Archive sich öffneten. Aber weil Stasi-Akten nicht beweisfähig sind, mussten die Stasi-Offiziere vernommen werden. Es hätte schneller gehen können, wenn die westlichen Geheimdienste ihr Wissen mitgeteilt hätten. Taten sie aber nicht. Es musste übersetzt werden, den Zeugen zugehört und alles in ausreichender Zahl abgelichtet werden.
»Seit sechs Monaten sind wir auf der Zielgeraden«, sagt ein Verteidiger und dass es allen reiche, jetzt. Der Oberstaatsanwalt könnte sein Plädoyer jeden Moment beginnen und das Urteil Mitte November gesprochen sein. Selbst bei einer Verurteilung der drei Hauptangeklagten wären sie bei Anrechnung der Untersuchungshaft und guter Führung in zwei, drei Jahren wieder auf freiem Fuß.
Ist es das, was von einer Terrorbombe bleibt? Ein Schreckensblitz, viel Leid und der unendlich lang ausrollende Donner eines rechtsstaatlichen Verfahrens, dass irgendwann einmal, Jahre später, ausläuft und nur noch dumpf ans Ohr der Welt dringt, wenn das Urteil gesprochen wird?
Es bleiben auch 3 Tote, 5 Tatverdächtige und mehr als 200 Verletzte. Und bislang 272 Tage, an denen sich ein ewiger Verlierer in Zeitlupe nach vorn schob: das Recht. ALEXANDER SMOLTCZYK