SPIELHALLEN Unschuldiger Kassenzettel
Das öffentliche Bild vom erfolgreichen Automatenaufsteller entspricht längst nicht mehr der Realität, ist aber immer noch festgefügt: Einmal pro Woche erscheint der Geldeintreiber in den Kneipen und Spielhallen, hängt einen Leinensack unter das Daddelgerät und läßt die Münzen hineinrauschen. Dann trägt er das Bare mit immer länger werdenden Armen davon - und überlegt sich auf dem Weg zur Bank, wieviel vom Gewinn er denn diesmal dem Finanzamt angeben soll.
Doch mit dem Siegeszug der modernen Elektronik wurden aus den einstigen Groschengräbern gläserne Kästen, die den Schummeleien ein Ende machen sollten. Die neuen Automaten, bei denen ein Spiel nicht mehr 30, sondern 40 Pfennig kostet, sind mit einem kleinen elektronischen Speicher ausgerüstet. Der registriert penibel, wieviel Mark am Ende eines jeden Tages in der Kasse geblieben sind.
Die Daten, von einem Kleincomputer ausgedruckt, verlangt das Finanzamt als Nachweis für die Steuererklärung. Das Verfahren galt als sicher, eine Buchführung nach Gutdünken als fast unmöglich.
Doch inzwischen gibt es ein Computerprogramm, das die harmlose Bezeichnung »Idprint.exe« trägt. Es fällt auch nicht weiter auf, da der Name vermuten läßt, daß es sich um die Komponente eines Druckertreibers handelt, der ja nur dafür sorgt, daß Dateien so ausgedruckt werden, wie sie sich im Speicher befinden.
Tatsächlich aber kann Idprint.exe einer ganzen Branche auf dem Weg zurück in die geldselige Vergangenheit helfen. Alleiniger Zweck des Programms ist es, die Einspielergebnisse von Geldautomaten praktisch beliebig zu reduzieren und damit die Steuerlast geschickt zu drücken - die Gefahr, erwischt zu werden, ist relativ gering.
Die im Automaten gespeicherten Daten werden mit einem handelsüblichen Kleincomputer, einem sogenannten Organizer, ausgelesen. Beliebt ist dafür der etwa brieftaschengroße Psion HC 100, der neben seiner Kalender- und Adressenfunktion auch kleinere Datenmengen speichern und weiterleiten kann. Mit Psion lassen sich auch Tabellen ausdrucken, etwa die Lese-Ergebnisse aus der Daddelhalle.
Die Finanzämter haben sogar erlaubt, den Psion an einen PC anzuschließen und die Daten mit einer richtigen Tabellenkalkulation aufzubereiten. Das macht auch Sinn, denn der Aufsteller kann dann sehr schnell ausmachen, welcher Automat vom Publikum angenommen wird und welcher rasch durch ein attraktiveres Modell ersetzt werden muß.
Beim Bearbeiten der Daten auf dem PC könnte zwar theoretisch manipuliert werden. Die Quoten eines jeden Tages von Hand zu ändern wäre aber sehr aufwendig und fehlerträchtig - diese Arbeit übernimmt nun das Programm Idprint.exe.
Nach Eingabe einer fünfstelligen Kennzahl wird der Benutzer gefragt, welche Datei er bearbeiten will. Dann darf er noch frei wählen, um welchen Faktor er die echten Zahlen reduzieren möchte - zwischen 10 und 90 Prozent ist alles möglich. Auf dem PC wird anschließend die gefälschte Buchhaltung gespeichert, dabei achtet Idprint.exe sogar darauf, daß keine krummen Zahlen entstehen, daß also der Automat nicht etwa eintausend und ein halbes Spiel abrechnet.
Wenn der Spielhallenbesitzer beim Runterrechnen nicht übertreibt, schöpfen die Prüfer vom Finanzamt keinen Verdacht. Will er noch harmloser wirken, kann der Steuerbetrüger die manipulierten Daten sogar auf den Psion zurückübertragen und dort einen unschuldig aussehenden Kassenzettel ausdrucken.
Das kann sich lohnen: 1997 machte die Branche nach Berechnungen der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren einen Gewinn von 4,3 Milliarden Mark. Ein attraktiver Daddelautomat kann im Monat gut 5000 Mark einspielen. Wer zehn solcher Geräte hat und mit Idprint.exe die Ergebnisse um die Hälfte kürzt, lotst im Jahr rund 300 000 Mark Schwarzgeld am Finanzamt vorbei.
Experten der Steuerfahndung gehen davon aus, daß in den rund 6500 deutschen Spielhallen in großem Umfang mit der Software getrickst wird. Würde bundesweit nur jeder zehnte der mindestens 250 000 Automaten manipuliert, gingen - vorsichtig geschätzt - rund 140 Millionen Mark unversteuert in die Kassen der Betreiber.
Die Fahnder sind noch auf Schätzungen angewiesen, da der Betrug nur schwer zu entdecken ist. Auffallen kann die Trickserei eigentlich nur, wenn ein Computerlaie die Originaldaten noch irgendwo herumliegen läßt. Ein Betriebsprüfer mit durchschnittlichen EDV-Kenntnissen könnte das Programm sogar auf dem Rechner eines Daddelhallenbesitzers starten, ohne daß Verdächtiges passiert: Der Bildschirm wird schwarz, was aber nicht ungewöhnlich sein muß. Bei einer normalen Betriebsprüfung wäre die Recherche jetzt zu Ende, die Bilanzen würden anerkannt.
Haben die Finanzbeamten einen begründeten Verdacht, greifen sie mitunter zur rigorosen Kontrolle: Drei Monate lang müssen die Spielgeräte täglich ausge-lesen werden - im Beisein eines Finanzbeamten.
Wer vorher großzügig getrickst hat, muß dann für diese Zeit seine Umsätze auf legalem Wege herunterschrauben, sprich: die Kundschaft vergraulen. So fiel in Spielhallen mal wochenlang die Heizung aus, wurde der Kaffee immer dünner, oder die Lieblingsautomaten der Stammkunden waren »defekt«. Letzter Ausweg der Steuertrickser: Die freundliche, hübsche Spielhallenaufsicht wurde durch einen grantelnden Rentner ersetzt.