Unsichere Sicherheit: Fliegen nach 8/10 - DER SPIEGEL
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Unsichere Sicherheit Fliegen nach 8/10

Ein Tag hat alles verändert. Der Terroralarm in London-Heathrow sorgt an vielen Flughäfen weltweit für Wirrwarr. Die Erkenntnis: Die bereits reichlich strengen Sicherheitsvorkehrungen reichen nicht aus. Doch die neuen Bestimmungen sind manchmal sogar von Schalter zu Terminal unterschiedlich.
Von Brenda Strohmaier und Hasnain Kazim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Kaum Verspätungen, so lautet die gute Nachricht am ersten Tag nach dem großen Terrorchaos auf europäischen Flughäfen. Allerdings funktioniert insbesondere in London, wo nach wie vor die höchste Alarmstufe gilt, der Flugverkehr alles andere als reibungslos. Rund dreißig Prozent der British-Airways-Flüge wurden gecancelt, noch immer gibt es enorme Warteschlangen, etliche Passagiere verpassen ihren Flug, darunter auch Lufthansa-Kunden. "Einige Sitze blieben heute leer, weil die Passagiere es einfach nicht durch die Sicherheitskontrollen schafften", erklärte der Unternehmenssprecher Michael Lamberty. Wegen großen Gedränges wurde das Terminal 2 in Heathrow gar kurzzeitig gesperrt.

Die deutsche Fluggesellschaft Air Berlin hat wegen der aufwendigen Kontrollen drei innerbritische Verbindungen vorläufig vom Flugplan streichen müssen, die normalerweise von London Stanstead aus starten. Einer Sprecherin zufolge dauerten die Kontrollen an dem Flughafen so lange, dass die Transitpassagiere aus Deutschland die Maschinen nicht erreichen könnten. "Normalerweise schafft man es in Stanstead, 4000 Menschen in der Stunde zu kontrollieren, derzeit sind es nur 1000", sagte sie.

Der Rat der Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber angesichts der neuen Sicherheitslage: Man solle frühzeitig einchecken. Und wie früh? Mindestens drei Stunden vor Abflug, rät Continental Airlines. Je nach Gepäckmenge empfiehlt die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens Fraport dagegen, eine halbe Stunde bis 1,5 Stunden vorher zu erscheinen. Bei Lufthansa heißt es: "Das können wir nicht genau sagen."

"Leider ist die komplizierte Welt des Fliegens noch komplizierter geworden", entschuldigte Sprecher Lamberty die Unklarheit. Besonders kompliziert sind die neuen Sicherheitsbestimmungen. So gelten je nach Flugrichtung und -ziel unterschiedliche Ansagen. Passagiere dürfen etwa in die USA Laptops und iPods im Handgepäck mitführen, aber keine Flüssigkeiten wie Getränke oder Shampoo. Nach England wiederum darf man den offiziellen Richtlinien zufolge wie gewohnt sein Handgepäck bestücken - falls man nicht von dort aus weiterfliegen will. Passagiere, die von London aus fliegen, dürfen weiterhin so gut wie nichts mit ins Flugzeug nehmen außer Geldbörse und Pass in einer durchsichtigen Plastiktüte.

So weit die Theorie. In der Praxis ist dann doch alles anders, wie man heute am Hamburger Flughafen erleben konnte. Manche Lufthansa-Mitarbeiter erklärten wartenden Passagieren auf dem Weg nach London, sie dürften keinerlei elektronisches Gerät mit an Bord nehmen - auch keine Mobiltelefone, alles müsse eingecheckt werden. Dann wieder hieß es, als die Reisenden ihr Gepäck abgeben wollen, wer von Hamburg nach London fliege, dürfe sehr wohl all das mit sich führen. Die Mitarbeiter an den Flugschaltern telefonierten hin und her, vergewisserten sich bei höheren Stellen, was nun die aktuelle Ansage sein soll. Am Ende hieß es: Nur Flüssigkeiten, auch Mineralwasser, sind nicht erlaubt.

Kein Wunder, dass die Sicherheitskontrollen heute in Hamburg und an anderen deutschen Flughäfen länger dauern als sonst. "Das Handgepäck wird nicht nur grundsätzlich durchleuchtet, sondern auch verstärkt manuell kontrolliert", sagte eine Fraport-Sprecherin. Auch in München und Nürnberg hatte man die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, Behinderungen gebe es deswegen aber keine, hieß es.

"Metalldetektoren und Röntgengeräte reichen nicht aus"

Im Vergleich zu den USA hatten deutsche Passagiere es allerdings noch leicht: Ab heute sollte erstmals an 25 amerikanischen Flughäfen das Handgepäck gleich zwei Mal untersucht werden: Einmal am Check-In und noch einmal direkt am Gate. Der Flugsicherheitsexperte Chris Yates begrüßt derartige Maßnahmen: "Metalldetektoren und Röntgengeräte reichen nicht aus", sagte der Spezialist des Fachblattes "Jane's Intelligence Review". Seiner Ansicht nach müsste noch viel mehr Geld in die Flughafensicherheit investiert werden.

Ähnlich sehen das Analysten wie die NordLB-Mitarbeiterin Martina Noß. "Die Standards werden noch länger auf diesem Niveau bleiben", sagt die Luftfahrtexpertin. Eines ist sicher: Fliegen wird in Zukunft nicht angenehmer. Die Passagiere müssen sich an neue, schärfere Auflagen gewöhnen - und an höhere Reisekosten. "Sobald es der Wettbewerb zulässt, wird sich das im Preis widerspiegeln", sagt Noß.

Dennoch gehen die Experten nicht von einem dramatischen Einbruch der Branche aus. "Zwar wird nur die Zeit zeigen, ob sich das Vertrauen der Passagiere ins Fliegen abschwächt, aber wir sehen keinen anhaltenden Negativtrend", sagt Victor Shum, Analyst bei Purvin und Gertz in Singapur. "Wenn sich die erste Verunsicherung wieder gelegt hat, erwarten wir wieder eine Nachfrage auf normalem Niveau", sagt BNP Paribas-Analyst Nick van den Brul.

Auch bei Lufthansa gibt man sich optimistisch: "Unsere Prognosen für das erwartete Passagierwachstum haben weiter Bestand", hieß es. Passend dazu verkündete die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens heute Rekordzahlen: So hat Fraport im vergangenen Monat über fünf Millionen Fluggäste gezählt, so viel wie noch nie.

mit Material von AFP und Reuters