Unterwasser-Stunt: Der Zauberer im Goldfischglas - DER SPIEGEL
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Unterwasser-Stunt Der Zauberer im Goldfischglas

Der Magier David Blaine hat seinen jüngsten Stunt begonnen: Mitten in Manhattan verbringt er eine Woche in einem Aquarium und riskiert dabei zur besten Sendezeit sein Leben. Die New Yorker registrieren es mit Neugierde und Gelassenheit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Dem menschlichen Goldfisch, berichtet Kirk Krack, gehe es den Umständen entsprechend. Will heißen: nicht besonders gut. "Unglücklicherweise", sagt Krack, einer der weltbesten Freitauchtrainer und Weltmeister im Unterwasser-Luftanhalten, "hat ein Maß an Ermüdung eingesetzt, das ihn beeinträchtigt."

Gestern, am Lincoln Center in Manhattan. Die Frühlingssonne erwärmt den Platz vor dem Metropolitan Opera House. Krack, in Jeans und schwarzem T-Shirt, hat sich vor einer Glaskugel aufgebaut, die gut zweieinhalb Meter im Durchmesser ist. Die Kugel, in der sich das Mittagslicht blendend bricht, ist bis oben mit Wasser gefüllt, und in dem Wasser treibt er, der menschliche Goldfisch: David Blaine.

Blaine, 33, Magier, Illusionist, Performance-Künstler, Sex-Symbol. Der Mann, der sich sieben Tage lang lebendig begraben ließ, 61 Stunden in Eis gefroren verbrachte, 35 Stunden auf einem neun Meter hohen Pfahl balancierte und 44 Tage lang fastend in einer Plexiglaskiste über der Themse baumelte, was ihm die Londoner dankten, indem sie ihn mit Eiern, Würstchen und Farbbeuteln bewarfen.

Notdurft durch den Schlauch

Und nun also, eine Woche im Goldfischglas. In dieser Stadt, die schon viele selbstmörderische PR-Stunts gesehen hat - "death-defying", sagen sie: Seiltänzer zwischen Skyscrapern, Fallschirmspringer am Empire State Building, Akrobaten hoch über dem Times Square, Liza Minellis letzte Bühnenshow mit Kunsthüfte. Guck mal, sagen sie hier dazu, ohne den Schritt zu verlangsamen. Man ist viel gewöhnt.

Doch dies ist anders. Zum Anfassen. Dutzende Schaulustige scharen sich um die Acryl-Kugel. Auf einer Brücke können sie ganz dicht herangehen. Sie klopfen ans Glas, drücken sich die Nasen platt, halten die Hand dran, wie man das an einem Aquarium im Zoo macht, in dem Haie schwimmen oder lustige Delphine.

Lustig schaut Blaine nicht aus. "Mir macht das Spaß", hatte er am Vormittag noch übers Mikro verkündet. Doch jetzt ist sein Gesicht verzerrt und seine Stirn zerfurcht, die Augen sind zusammengekniffen. Aus den Nasenlöchern blubbern Blasen, seine Wangen flattern wie Karpfenkiemen. Im Mund steckt ein Schlauch, durch den ihm Luft und Flüssignahrung zugeführt wird. Sein Oberkörper ist nackt, seine Beine sind in eine Gummihose gehüllt. Aus einem Hosenbein ragt noch ein Schlauch. Der dient der Ausfuhr von Notdurft, die von Düsen am Boden der Kugel aufgesaugt wird.

100.000 Gaffer

Seit Montagmittag treibt Blaine bereits im Goldfischglas. Wie ein Astronaut im All. Bis kommenden Montag noch, wenn er die Aktion beenden will, indem er obendrein den Weltrekord im Unterwasser-Luftanhalten einzustellen versucht, der bei 7:58 Minuten liegt. Gleichzeitig werden ihm Hand- und Fußketten angelegt, aus denen er sich à la Houdini befreien muss. "Er könnte sterben", erklärt Blaines Tauchtrainer. Und das natürlich zur besten TV-Sendezeit, live vom Network ABC in Millionen Haushalte gefunkt.

Eine Frau im Sweatshirt schiebt sich vor und presst einen Zettel ans Glas, auf den sie etwas geschrieben hat. Sie klopft. Blaine öffnet müde die Augen, ringt sich ein Grinsen ab und hält zustimmend den Daumen hoch. Die Frau ist ekstatisch. Auf dem Zettel steht: "I Love You."

Mehr als 100.000 Menschen sind nach Angaben der Blaine-Crew bisher vorbeidefiliert, um das Spektakel zu begaffen, vor dem berühmten Opernhaus. Das Pressefräulein weiß noch andere Statistiken: 7570 Liter Wasser fasse die Kugel, die wiederum 6800 Kilo wiege und mit einem 2268-Kilo-Stahlfuß verankert sei.

"Kein Picknick im Park"

"Ich habe David wegen des medizinischen Risikos abgeraten", sagt Murat Gunel, ein Neurochirurg und guter Freund Blaines. Gunel wirkt leicht genervt, als wolle er sich von jeder Verantwortung freisprechen. Oder er trägt einfach auch nur dick auf, für die Kameras. "Lebendig ertränkt" heißt die ABC-Sendung.

Das "medizinische Risiko" ist unbestreitbar. "Dies ist kein Picknick im Park", sagt Gunel. Der Hunger allein: Bei seinem Stunt in London verlor Blaine 25 Kilo und landete hinterher im Krankenhaus. Auch jetzt schon wirkt er mager. Seine Hände sind bereits, trotz Schutzhandschuhe und einer zweimal täglich applizierten Creme, zu Backpflaumen verschrumpelt. Zwei Tage, in denen Blaine allenfalls drei Stunden geschlafen hat.

Eine Frage drängt sich auf: Warum? "Als Kind", hat Blaine vor dem Tauchgang erklärt, "war ich von Houdini besessen." Der begann einst mit Kartentricks. "Mein größter Ausbruchtrick war es, Appleton in Wisconsin zu verlassen", hatte Harry Houdini über den Ort gesagt, aus dem er zu stammen behauptete. Und: "Mein Gehirn ist der Schlüssel, der meinen Geist freisetzt."

Klaustrophobische Kunststücke als Ausdruck geistiger Abnabelung also? Für manchen New Yorker ist die Sache weniger kompliziert. "Dies ist ein Ort der Kultur", erbost sich ein Herr im Anzug. "Und 'La Bohème' ist das wohl kaum."