US-Flugshow in Travis: Im "Top Gun"-Streichelzoo - DER SPIEGEL
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US-Flugshow in Travis Im "Top Gun"-Streichelzoo

Der Hotdog schmeckt, die Zuckerwatte auch, der Krieg ist weit: Auf dem Stützpunkt Travis inszeniert das US-Militär seine Luftwaffe als familienfreundliche Action-Attraktion. Die Zuschauer machen mit - getreu dem Motto "loud and proud".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Travis - Die ersten waren um kurz vor acht Uhr da. Sie hatten ihre Klappstühle geschultert, die Sonnenschirme unter dem Arm. Jetzt sitzen sie seit Stunden ganz vorne, in der ersten Reihe direkt hinter dem orangefarbenen Absperrband und warten darauf, dass es losgeht. Darauf, dass auf dem in der Hitze flimmernden Asphalt endlich das zu sehen ist, weswegen sie gekommen sind: Flugzeuge.

Nicht irgendwelche Flugzeuge, versteht sich. Sie wollen die Thunderbirds sehen, die berühmte Kunstflugstaffel der United States Air Force. Jene in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau lackierten Kampfjets, die sich in Überschallgeschwindigkeit am Himmel überschlagen, Formationen fliegen und wie keine andere Einheit für das Motto der Luftwaffe "Fly, fight and win" stehen.

200.000 Besucher haben die Thunderbirds an diesem langen Wochenende - Labour Day in den USA - auf den Militärstützpunkt in Travis, etwa 80 Kilometer nordöstlich von San Francisco, gelockt. Mitten im platten, heißen Land liegt die Air Base, die bis heute mehr Personal und Frachtgut ein- und ausfliegt als jeder andere Militärflughafen der USA. Über 7000 aktive Militärmitglieder, mehr als 4000 Reservisten und rund 3700 Zivilisten leben hier, mit rund einer Milliarde Dollar Umsatz ist der Stützpunkt nicht nur der größte Arbeitgeber der Stadt, sondern auch der wichtigste in der gesamten Region.

Nun hat die Travis Air Force Base ihre Türen geöffnet, wo sonst Transportflugzeuge starten und landen, tummeln sich Massen an Menschen. Sie schlendern zwischen alten Propellermaschinen, ausgemusterten Düsenjägern und den riesigen Transportmaschinen umher. Trotz der prallen Sonne stellen sie sich geduldig in langen Schlangen an, um zum Beispiel ins Cockpit einer C-5 Galaxy Transall-Maschine zu klettern, die mit ihrer vorne aufgeklappten Ladeluke aussieht wie ein gestrandeter Wal.

Und es sind beileibe nicht nur alte Flugzeugtüftler und begeisterte Hobbypiloten mit ihren Söhnen, die sich darum drängen, einen der vielen seitlichen Flugzeugsitze im Inneren der Maschine zu ergattern. Oder sich mit stolzgeschwellter Brust vor einer U-2 Dragon Lady, einem der bekanntesten Spionageflugzeuge der Welt, fotografieren zu lassen. Im Gegenteil: Es sind ganze Großfamilien, die ihr Wochenende hier verbringen und T-Shirts tragen, auf denen unter einem Air-Force-Logo "loud and proud" zu lesen steht. Karawanen aus Kinderwagen, Tiefkühlboxen und Klappstuhlgeschwadern ziehen von einem Flugzeug zum nächsten.

Vom Kampfjet zum Super-Jumbo-Hotdog

"Ich hatte das erste Date mit meiner Frau beim Abschlussball der Highschool - und schon damals sind wir nach dem Ball auf eine Air Show", sagt David Balderrama und lacht. Er sei einfach ein "hardcore airhead" und wolle das auch seinen beiden Söhnen nicht vorenthalten. Die sind vier und sechs Jahre alt und rasen begeistert von einem Flugzeug zum anderen. Mit Krieg, mit den aktuellen Einsätzen der Air Force, nein, damit bringe er das hier nicht in Verbindung: "Ich denke da noch nicht mal dran."

Tatsächlich scheinen die Kriege im Irak und in Afghanistan hier sehr weit weg - auch wenn der unermüdliche Moderator, dessen Echo das ganze Gelände beschallt, nicht müde wird, von den Kriegen zu erzählen: Vom Ersten und Zweiten Weltkrieg, vom Korea-Krieg und natürlich dem Krieg in Vietnam. Und auch Afghanistan und Irak werden immer wieder erwähnt, wenn es darum geht, mit welchem Flugzeugtyp welche Einsätze möglich sind.

Und doch: In Travis gerät das schwere Kriegsgerät zur Kulisse eines "Top Gun"-Streichelzoos. Wer das Warten in der Sonne nicht mehr aushält, der nutzt die breiten Tragflächen als Schattenspender, die Stände mit "Super-Jumbo-Hotdogs", Burgern oder Taccos sind mindestens genauso begehrt wie das Cockpit der C-5. Selbst die Kleinsten scheinen die Begeisterung schon zu teilen, sie reagieren kaum auf den Lärm, den die startenden und landenden Flugzeuge um sie herum machen. "Ich will jetzt aber nicht fliegen", nörgelt eine Fünfjährige an der Hand ihres Vaters, mit dem sie im Frachtraum einer Transportmaschine steht. Der lacht nur - "keine Sorge, wir heben nicht ab."

"Mit dem Krieg hat das hier doch überhaupt nichts zu tun"

"Ich denke dabei tatsächlich eher an die Technik als an den Krieg", versucht der 27-jährige Richard seine Begeisterung zu erklären. Ganz spontan ist er mit ein paar Freunden hergekommen, sie alle finden es einfach "cool", sich die alten und die neuen Flugzeuge anzusehen. Auch Michael Morgan, der seinen 18 Monate alten Sohn im Arm hält, versteht die Frage nach dem Krieg irgendwie nicht. "Ich komme, weil ich selbst Modellflugzeuge bastle und mir dann gerne die Originale anschaue. Mit dem Krieg hat das hier doch überhaupt nichts zu tun."

Ein paar Besucher finden sich immerhin, denen klar ist, dass die Maschinen, mit denen jetzt die bunten Muster in den tiefblauen Sommerhimmel gezeichnet werden, durchaus auch andere Einsätze fliegen. "Zwei meiner Töchter sind in der Air Force, die eine wird im nächsten Jahr nach Afghanistan gehen", sagt Angelika Lindburg, die einen überdimensionierten Hut trägt, auf dem ein Adler, das Wappentier der Luftwaffe, sitzt. Natürlich wolle niemand diesen Krieg, aber man müsse ihn eben einfach führen. "Ich werde zwar vor Angst um meine Tochter sterben, aber ich verstehe sie: Das ist eine Mission!"

Heute aber freut sich Angelika einfach auf den Einsatz der Thunderbirds, seit halb neun Uhr morgens ist sie schon hier. Am ohrenbetäubenden Lärm, den die sechs Maschinen machen, als sie um kurz nach 15 Uhr endlich starten, stört sie sich nicht. Sie sei daran gewöhnt, da sie nicht weit von der Air Base entfernt wohne, und die Flugzeuge immer höre, aber nicht sehe. "Im Gegenteil, ich mag das Geräusch: Das ist der Sound der Freiheit."