US-Grubenunglück Abschiedsgrüße aus der Tiefe
Sago - In seinen letzten Stunden griff Martin Toler Junior in seine Tasche, zog einen Füller und ein Stück Papier heraus und begann zu schreiben: "Sagt allen, dass ich sie auf der anderen Seite wieder sehen werde." Seine Blockschrift wurde schon krakelig: "Es war gar nicht so schlimm, ich bin einfach eingeschlafen." Daneben schrieb der 51-Jährige: "Ich liebe Euch. J.R."
US-Minenunglück: Letzte Grüße vor dem Tod
Kurz darauf wurde in dem Stollen, in dem Bergmann Toler und seine Kollegen eingeschlossen waren, die Luft so knapp, dass die Männer bewusstlos wurden. Sie wachten nicht wieder auf. Als die Rettungsteams nach 42 Stunden zu ihnen durchdrangen, lebte noch einer von zwölf Kumpeln. Der 27-Jährige liegt im Koma in einer Spezialklinik. Ärzte zweifeln daran, ob er jemals wieder das Bewusstsein erlangen wird.
Martin Toler Junior konnte dagegen nur noch tot geborgen werden. Er starb an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Sein Brief wurde gefunden und seinen Angehörigen übergeben. "Ich wusste, dass er eine Nachricht hinterlassen würde." Sie habe ihn traurig gemacht, "aber ich bin froh, sie erhalten zu haben", sagte Tolers Bruder Tom.
Der US-Sender CNN zitiert Martin Tolers Neffen Randy mit den Worten: "Ich glaube, er wollte uns den Abschied leichter machen, indem er schrieb, dass er nicht gelitten hat." Sein Onkel habe sich niemals unterkriegen lassen und sei immer gut gelaunt gewesen. Seit über 30 Jahren habe er unter Tage gearbeitet. "Ich denke, Gott hat ihm am Ende Frieden geschenkt."
Wie der Betreiber der Kohlenmine im US-Bundesstaat West-Virginia bekannt gab, wurden auch bei anderen Toten Briefe gefunden. Vermutlich habe sein Onkel als Vorarbeiter seinen Mitarbeitern den Füller gegeben, vermutet Randy Toler. "Bergleute tragen normalerweise keinen Tintenfüller bei sich. Mein Onkel hat ihnen wahrscheinlich gesagt, dass es nicht gut aussieht und dass sie mit ihrem Schöpfer Frieden schließen sollten."
Die Bergleute waren erstickt, nachdem eine vermutlich von einem Blitzschlag ausgelöste Explosion am Montag das Kohlebergwerk Sago 160 Kilometer nordöstlich von Charleston in West Virginia erschüttert hatte. Dabei war die Mine teilweise eingestürzt. Sechs Bergarbeiter konnten sich retten. Die Angehörigen hatten zunächst ein Wechselbad der Gefühle durchleben müssen: Wegen eines Missverständnisses hatte die Bergwerksleitung zuerst mitgeteilt, dass es nur einen Toten gegeben habe, alle anderen Verschütteten seien gerettet worden. Erst rund drei Stunden später hatten die Betreiber eingeräumt, dass es sich um eine Falschmeldung gehandelt habe.
In dem Bergwerk werden nach Angaben der Betreiberfirma ICG jährlich 800.000 Tonnen Kohle produziert. Bei einer Betriebsprüfung Ende vergangenen Jahres waren 46 Sicherheitsmängel aufgedeckt worden.