US-Katastrophenschutz: Aus 9/11 nichts gelernt - DER SPIEGEL
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US-Katastrophenschutz Aus 9/11 nichts gelernt

Die Chefs der New Yorker Polizei und Feuerwehr sollen mit Fehlentscheidungen die Katastrophe des 11. September noch verschlimmert haben. Eine weitere überraschende Erkenntnis des unabhängigen Terror-Untersuchungsausschusses: Weder New York noch der Rest der USA sind auf einen neuen Anschlag vorbereitet.
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New York - Selbst heute, über zweieinhalb Jahre später, quält er sich noch. "Die Leere, die durch die Verluste jenes Tages entstanden ist, hat mich nie verlassen", sagt New Yorks früherer Feuerwehrchef Thomas von Essen über den 11. September 2001. "Nicht für einen Moment." Doch es ist ein anderer Gedanke, der dem altgedienten Firefighter fast die Tränen in die Augen treibt - das Motto seiner Zunft: "Erst rette ich die Zivilisten. Dann rette ich meine Jungs. Und erst dann kann ich selbst gehen."

Von Essen stockt, bricht ab, seufzt. 343 seiner Jungs, viele davon gute Freunde, starben an jenem Tag für dieses Motto. "Ich war nie in meinem Leben mehr am Boden zerstört", sagt der kantige Mann, der seine Karriere einst in den fast täglich brennenden Slums der South Bronx begann und sie, 32 Jahre später, vier Monate nach den Terroranschlägen von 2001 vorzeitig beendete, von Kontroversen und Kritik umtobt. "Aber ich war auch nie stolzer."

Stolz, Trauer, Wut. Gefühlsaufwallungen waren unvermeidlich, als der unabhängige Terror-Untersuchungsausschuss gestern zu einer zweitägigen Anhörung von Washington nach New York reiste, um die Vorfälle des 11. September 2001 zu untersuchen. Diesmal im Kreuzfeuer: Polizei, Feuerwehr und Notdienste der Millionenstadt, deren Chefs sich schärfster Vorwürfe erwehren mussten, sie hätten durch interne Pannen und Fehler zum enormen Ausmaß der Katastrophe beigetragen.

Schmerzhafte Details im Auditorium

Die eigentliche Erkenntnis der Sitzung aber, die heute mit der öffentlichen Vernehmung des damaligen Bürgermeisters Rudolph Giuliani und seines Nachfolgers Michael Bloomberg weitergeht, ist noch erschreckender: Der nächste Terroranschlag auf die USA kommt bestimmt und unweigerlich - doch weder New York noch der Rest des Landes ist dafür gewappnet.

Der Tag im überfüllten Auditorium der New School University, nicht weit von Ground Zero, begann mit einer bitteren Rückschau auf den Alptraum, der sich tief in die Seele dieser Stadt gegraben hat. "Wir möchten das Publikum darauf hinweisen, dass die Details, die wir Ihnen präsentieren, schmerzhaft anzusehen und anzuhören sein könnten", warnte ein Kommissionssekretär die Anwesenden, darunter viele Hinterbliebene. "Bitte überlegen Sie sich, ob Sie weiter zuschauen wollen."

Dieser düsteren Einleitung folgte ein neuer Untersuchungsbericht zu den Ereignissen jenes Morgens, samt Videos und Fotos, auf eine große Leinwand projiziert. Die meisten dieser Bilder waren zwar bekannt, trotzdem begannen viele Zuschauer im Saal bald zu schluchzen: Amateuraufnahmen vom Einschlag der Flugzeuge, vom Inneren der Lobby des brennenden World Trade Centers, von Feuerwehrmännern auf dem Weg zu ihrem letzten Einsatz, vom Einsturz der Türme, von Trümmern und Leichenteilen auf der Straße.

Tödliche Sackgasse

Mehrere hundert Augenzeugen hatte die Kommission bereits vorab hinter verschlossenen Türen vernommen. Das Ergebnis, gestern erstmals in minutenpräziser Rekonstruktion der Abläufe präsentiert, war niederschmetternd.

Für die fast 100.000 Menschen, die täglich im World Trade Center verkehrten, habe es keinen konkreten Rettungsplan gegeben, trotz des früheren Anschlags von 1993, bei dem sechs Menschen ums Leben kamen und rund tausend verletzt wurden. "Es wurden weder komplette noch teilweise Evakuierungsübungen abgehalten", kritisierte der Ausschuss die Eignerin des Komplexes, die Hafengesellschaft Port Authority (PA). Keine der in den Zwillingstürmen ansässigen Firmen habe außerdem gewusst, dass die Stahltüren zum Dach aus Prinzip abgeschlossen waren. Viele seien so in eine tödliche Sackgasse geflüchtet.

Im Nordturm habe das hausinterne Durchsagesystem für Notfälle offenbar nicht funktioniert. "Wir haben nie wirklich eine Durchsage gehört oder Informationen bekommen", berichtete Claire McIntyre, die Verwaltungschefin der Ingenieurs- und Schiffsfirma ABS, in einer per Video zugespielten Aussage. McIntyre entkam dennoch zu Fuß aus dem 90. Stock, bewaffnet mit einer Taschenlampe und einer Trillerpfeife.

Ein ganz normales Hochhausfeuer

Härter noch fiel das Urteil der Kommission über die Einsatzkräfte aus. Das New York Police Department (NYPD) und die Feuerwehrbehörde FDNY - "the finest and the bravest", legendär und ruhmreich - seien in "lang anhaltender Rivalität" zerstritten gewesen, die bisweilen sogar zu Faustkämpfen geführt und wegen der Revierstreitigkeiten auch zum Chaos des 11. September mit beigetragen habe.

Auch sei das Transponder-System für die Funkgeräte nicht ordnungsgemäß eingeschaltet gewesen, weil ein Feuerwehrmann vergessen habe, den Hauptschalter zu drücken. Dutzende Beamte hätten deshalb den lebenswichtigen Evakuierungsbefehl nicht gehört, bevor die Türme einstürzten. Die Polizei der Port Authority, die 37 Beamte verlor, sei ebenfalls nicht ausreichend ausgerüstet gewesen.

Auch der Notrufdienst 911 kam schlecht weg. Die Mitarbeiter seien überfordert und nicht informiert gewesen und hätten "Standard-Verhaltensprozeduren" für ganz normale Hochhausfeuer heruntergebetet. Deshalb hätten zahlreiche Menschen den tödlichen Rat bekommen, "sich nicht von der Stelle zu bewegen" und auf Hilfe zu warten, die nie kam. Darunter seien auch mindestens hundert Personen gewesen, die den Einschlag im 88. und 89. Stock des Südturms zunächst überlebt hätten.

"Wir haben unser Bestes getan"

Der Bericht enthielt auch herzzerreißende Passagen. In einer Video-Einspielung war der Feuerwehrmann Joseph Pfeifer zu sehen, damals Chef des 1. Bataillons des FDNY. Pfeifer kommentierte wacklige TV-Bilder von jenem Vormittag, aufgenommen vom französischen Filmemacher Jules Naudet. "Was wir hier sehen", sagte Pfeifer zu einer Szene aus der Lobby des Nordturms, "ist mein Bruder, wie er nach oben geht. Wie so viele Firefighters war dies das letzte Mal, dass wir ihn sahen."

Pfeifer beklagte, wie die Kommission in ihrem Gesamturteil auch, akuten Mangel an Koordination mit der NYPD und lebenswichtigen Informationen in jenen dramatischen Momenten. "Wir hatten wenig Information", sagte er. "Wir bekamen keine Berichte über das, was man von den Helikoptern aus sehen konnte." (Bereits um 10.08 Uhr, 18 Minuten vor dem Einsturz des Nordturms, warnte der Pilot eines Polizeihubschraubers, dass das Gebäude bald zusammenstürzen werde; diese Meldung wurde aber nie weitergeleitet.) "Was Sie im Fernsehen sahen", fügte Pfeifer hinzu, "diese Information hatten wir nicht."

Die damaligen Behördenchefs verteidigten sich vehement. "Wir haben unser Bestes getan", beharrte der vorgeladene Ex-Polizeipräsident Bernard Kerik. Sein Feuerwehrkollege von Essen wollte die Kritik ebenfalls nicht annehmen: "Die Männer und Frauen dieser Stadt, Rettungsleute wie Zivilisten, haben an jenem Tag phänomenale Arbeit geleistet."

Anhaltendes Kompetenzwirrwarr

Doch viele der Missstände sind offenbar selbst zweieinhalb Jahre später nicht behoben.

Auch heute noch, sagte Kerik aus, gebe es weiter keine Kommunikationstechnik für die Notdienste, die bei einem neuerlichen Anschlag hundertprozentig funktionieren würden. Keriks Nachfolger Ray Kelly stimmte zögernd zu: Trotz eines 200 Millionen teuren Anti-Terror-Programms und des Schutzplans "Operation Atlas", der pro Woche rund eine Million Dollar koste, trotz regelmäßiger Ernstfallmanöver, trotz neuer Ausrüstung stehe die NYPD im Kampf gegen den Terror "praktisch alleine" da. Hauptgrund seien unzureichende, neuerdings sogar gekürzte Gelder aus Washington.

"Es müssen noch viele Änderungen vorgenommen werden", räumte auch Alan Reiss ein, ein Vizedirektor bei der Port Authority und damals für das World Trade Center zuständig. "Wir arbeiten weiter nach den alten Denkmustern." So gebe es für andere Wolkenkratzer - etwa das neue Time-Warner-Center am New Yorker Central Park, aber auch den Sears Tower in Chicago, das höchste Gebäude der USA - bis heute keine umfassenden Evakuierungspläne.

Joseph Morris, der am 11. September 2001 als PA-Polizeichef Dutzende Kollegen sterben sah, berichtete mit brechender Stimme, es herrsche weiter Kompetenzwirrwarr zwischen den Behörden. "Das ist für mich sehr frustrierend." Kommissionsmitglied Jamie Gorelick hielt eine Grafik hoch, die für einzelne Notfälle - Brände, biochemische Angriffe, Hochhauseinstürze - bis zu fünf Ämter als "kommandoführend" auswies: "Ist so was etwa hilfreich?"

Immerhin 25.000 Menschen gerettet

"Dies ist ein Skandal", empörte sich Gorelicks Kollege John Lehman. "Stolz kommt vor dem Fall", bellte er die vor ihm sitzenden Zeugen an. "Dies ist nicht mal der Pfadfinder würdig, geschweige denn dieser großartigen Stadt." Ein Wutausbruch, der später zwar von einigen hier, darunter auch von Angehörigen der Opfer, als unangemessen und zu harsch kritisiert wurde. Mindy Kleinberg jedoch, die bei dem Anschlag ihren Mann Alan verlor und im Auditorium saß, pflichtete Lehman bei: "Ich komme mir vor, als spielen wir russisches Roulette".

Denn in einem waren sie sich gestern doch alle einig: Der nächste Anschlag kommt mit Sicherheit, und er kommt hier. "New York City bleibt das Ziel Nummer eins für Terroristen", sagte Ober-Cop Kelly. Hoffnung gibt nur, was Ex-Feuerwehrchef von Essen zum Ende seiner emotionalen Aussage hervorhob: "Immerhin haben wir 25.000 Menschen gerettet."