US-Kneipen-Launch: Bochum mag kein Busen-Bier - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US-Kneipen-Launch Bochum mag kein Busen-Bier

Kann man ein erfolgreiches US-Gastronomie-Konzept 1:1 auf Deutschland übertragen? Was bei Burger-Brätern funktionierte, versucht nun die Kneipenkette "Hooters". In der Bochumer Dependance will der Funke bislang nicht richtig zünden - trotz leichtgeschürzter Kellnerinnen.
Von Annika Joeres
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bochum - Das Konzept ist denkbar schlicht, doch in Amerika funktioniert es prächtig: Leicht bekleidete Frauen, Chicken Wings und Football - fertig ist die Hooters-Kneipe. "Unsere Girls sollen schon was hermachen", sagt Thomas Fiedler, Geschäftsführer der Bochumer Niederlassung. Ohne die jungen Frauen in hautfarbenen Strumpfhosen, orangefarbenen Hot Pants und weit ausgeschnittenen Tops sähe der Kneipensaal im Ruhrpott schließlich wie eine biedere Vorstadtpinte aus.

Vierhundert Hooters gibt es in den USA – nun will die Kneipenkette auch in Deutschland Fuß fassen. Die erste deutsche Filiale in Neunkirchen war noch für die im nahe gelegenen Ramstein stationierten amerikanischen Soldaten gedacht, in Bochum begann im vergangenen Januar der erste freie Feldversuch in einer deutschen Großstadt.

Düsseldorf folgt im Oktober, Frankfurt am Main und Köln im Frühjahr 2009. Dabei ist Hooters Bochum acht Monate nach seiner Eröffnung immer ein bisschen leerer als die umliegenden Bars. "Das Ergebnis ist zufriedenstellend", sagt Marek Klein von der Geschäftsführung des deutschen Lizenznehmers, der "Wings of Germany AG" in Saarbrücken, und klingt dabei verhalten. Die AG, fügt Klein hinzu, wolle zukünftig mehr auf das japanische Publikum in der NRW-Landeshauptstadt und auf amerikanische Kunden in Frankfurt am Main setzen. "Wir sind auf Touristen angewiesen", sagt Klein. Bochum sei auch "kein so leichter Standort".

Kurz nach der Eröffnung drängelten sich die Neugierigen noch in einer langen Schlange bis auf die Straße, Tische wurden Tage vorher reserviert. "Zu Beginn hat eine hübsche Bedienung natürlich eine gewisse Originalität", sagt Franz-Rudolf Esch, Leiter des Lehrstuhls für Marketing an der Universität Gießen. Ob dieser neue "Talk of the Town" auch langfristig die Kunden interessiere, sei aber fraglich.

"Amerikaner leben in einer vergleichsweise spröden Umwelt, deswegen funktionieren dort die leicht bekleideten Damen auch besser", so der Betriebswirt. Er prognostiziert, dass die Konzepte europäischer Nachbarländer, zum Beispiel spanische Tapas-Läden, in Deutschland viel erfolgreicher sein könnten als die amerikanischen Bars. "Die sind attraktiver als ein neuer amerikanischer Fast-Food-Laden."

Der Protest gegen den "sexistischen Schuppen" ist verstummt

In Bochum ist der Protest gegen das Hooters-Projekt - und seine Bedienung - mittlerweile verstummt. Im Bermudadreieck, einer regional bekannten Kneipenmeile fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, teilen sich kleine Bars und schrammelige Bierlokale die Laufkundschaft aus der Fußgängerzone.

Ihre Besitzer wollten den "sexistischen Schuppen" in der Nachbarschaft verhindern und verwehrten den Eintritt in ihre Standortgemeinschaft.

Auch in den USA protestieren Feministinnen immer wieder gegen die "Ausbeutung von jungen Frauen". Hooters-Chef John Weber antwortet auf die Vorwürfe mit der immer gleichen Formel: "Wenn wir angeblich hübsche Frauen ausbeuten, dann beutet die National Football League auch große und schnelle Männer aus."

Maria Rodriguez ist eine der besagten hübschen Frauen und seit dem Eröffnungstag in Bochum dabei. Früher hat sie in einer Eisdiele Bananasplit und Früchtebecher serviert. Bei Hooters gefällt es der gebürtigen Venezolanerin besser. "Hier kann ich auch mal tanzen", sagt die 27-Jährige. Sie ist eine der Ältesten unter den 22 Mitarbeiterinnen.

Alle wurden von amerikanischen Gute-Laune-Teams gecoacht. Lächeln sollen sie immer, gelegentlich ihre Hüften schwingen lassen und bei Bedarf den Gästen zuhören.

Denen scheint das offenherzige Dekolleté der Bedienung die Zunge zu lösen. "Die Gäste erzählen mir alles", sagt Jennifer Wieneke. Sie hört in ihrer Schicht Geschichten vom Stress im Beruf, vom Krach mit der Freundin. Erst vor wenigen Wochen hat die alleinerziehende Mutter in der Bar angefangen, vorher bediente sie in einem Supermarkt die Kasse. "Hier ist es nicht so steif", erzählt die 21-jährige Blondine.

Brust raus, Haare über die Schulter, Lächeln an

Ihr großzügiges Make-up trotzt dem grellen Licht der Bar - es garantiert, dass Jennifers Nase auf Fotos nicht glänzt. Denn auch das gehört zu Jennifers und Marias Pflichten: Die Gäste dürfen sich mit ihnen ablichten lassen.

Die Frauen nehmen angeschickerte Rentner und Studenten nach deren drittem Bier an den Busen - und Männer gucken selig in ihre Handy-Kameras. Die Hooters-Girls werfen sich in die immer gleiche Pose: Brust raus, die langen Haare über die Schulter geschmissen, das Lächeln angeknipst. Jeden Abend neu.

Die einstudierte gute Laune zieht Männer an, die bei Hooters beispielsweise in ihren Geburtstag reinsaufen wollen. Dann schallt der Siebziger-Jahre-Klassiker "YMCA" aus den Lautsprechern, die Mädchen stehen auf den Tischen und knallen ihre Holztabletts zum Takt von "Village People" gegeneinander. Wenn schon genug Bier aus den Literkrügen geflossen ist, stehen Teenager und verschämte Jungpapis auf den Stühlen und stampfen in ihren Jeansbeinen zu Trillerpfeifenkommandos von Maria und ihren Kolleginnen.

Am liebsten aber wären die Hooters eine Familienkneipe. Sie wollen weg vom anrüchigen Image einer Rotlichtkneipe. "Hier sehen die Gäste mehr Haut, aber anfassen ist verboten", sagt der Bochumer Chef Thomas Fiedler.

Der 38-jährige gelernte Koch mit dem gegelten Igel-Haarschnitt arbeitet seit 20 Jahren "im Business", wie er sagt: "Jedes Mädel in der Fußgängerzone ist im Sommer knapper bekleidet als unsere Girls." Immerhin mussten schon einige Männer aus dem Lokal entfernt werden, weil sie der Bier-Bringerin an den orangefarben gepamperten Po gefasst haben.

Für "baren Unsinn” hält Marketingexperte Esch das angeblich angestrebte Familienimage. "Wer leicht beschürzte Frauen an den Tresen stellt, will natürlich Männer anlocken." Allein wegen der Hähnchenflügel komme niemand in den Laden. "Hooters sollte dazu stehen, dass es natürlich für ein männliches Publikum gemacht ist."

Das Bochumer Hooters könnte auch in Baltimore stehen

Björn und Dominik gehören zur Zielgruppe. Die beiden Wirtschaftsstudenten sitzen wie ertappt vor ihren tellergroßen Burgern mit Zwiebelringen. "Man kann das alles ganz locker sehen", sagen sie. Ihre vollständigen Namen wollen die beiden nicht angeben.

Klaus Antis ist nicht so scheu. Der 54-jährige Bankkaufmann aus Mannheim beachtet seine "Bild"-Zeitung und sein Bier kaum, seine Augen folgen den Barmädchen. "Hier sind alle freundlich", sagt Antis.

Die Küche ist eine frauenfreie Zone. Hier stehen Jungs an den Fritteusen. Die Hackplatten für die Hamburger sind viermal so schwer wie bei McDonalds. Kalte mehlbestäubte Hähnchenflügel sind zu einer kniehohen Pyramide aufgeschüttet. Nach den Burgern sind die fettigen Chicken Wings der größte Hooters-Renner.

Die Speisekarte ist ein Kompromiss mit dem deutschen Geschmack: Meeresfrüchte wie Austern, in den USA sehr beliebt, wurden in Bochum gestrichen - dafür sind ein paar Salate mehr auf der Karte.

Davon abgesehen könnte das Bochumer Hooters auch in Baltimore stehen. Zahlreiche holzgerahmte Fotokopien von Stars in amerikanischen Hooters-Bars untermauern die Achtziger-Jahre-Ästhetik. Andre Agassi mit Vokuhila-Frisur findet sich neben orangefarbenen Pos ebenso wie Bill Walten. Im Bochumer Hooters sollen schon der Schauspieler Ralf Richter und ein paar Spieler des VfL aufgetaucht sein.

Beweisfotos fehlen an der Wand.

Mehr lesen über