US-Ölkatastrophe: Der Fluch von New Orleans - DER SPIEGEL
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Ölpest nach dem Hurrikan: Déjà-vu in New Orleans

Foto: Chris Graythen/ AFP

US-Ölkatastrophe Der Fluch von New Orleans

Angst um Arbeit, Essen, Umwelt: Die Folgen des Hurrikan "Katrina" sind in New Orleans noch nicht überwunden, da droht mit dem Öl aus der gesunkenen Plattform "Deepwater Horizon" das nächste Desaster. Ein BP-Vertreter versucht, wütende Bürger zu beruhigen. Vergeblich.
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Nicht schon wieder. "'Katrina' hat mich fertig gemacht", sagt Damon Jones. "Fünf Jahre hat es gedauert, bis ich halbwegs wieder flott war. Und jetzt das." Jones' Lippen beben. "Ich bin wirklich wütend. Wir alle sind wütend!"

Jones' Gesicht ist ledern und braun, er hat sein Leben auf See verbracht. Der Hurrikan "Katrina" hat 2005 New Orleans verwüstet und rund 1800 Menschen in den Tod gerissen. Der Krabbenfischer aus St. Bernard, einem Vorort von New Orleans, hätte damals fast alles hingeschmissen. Dann rappelte er sich doch noch auf.

Nun kommt das Öl. Die diesjährige Krabbensaison ist bereits komplett kaputt. Nicht nur Jones steht erneut vor dem Nichts. Der 57-Jährige macht seinem Ärger gemeinsam mit Leidensgenossen in einem Gemeinderatssaal an der östlichen Stadtgrenze von New Orleans Luft. Das Lower Ninth Ward, das von "Katrina" am schlimmsten betroffene Viertel, ist gleich nebenan. Hier sind immer noch viele Häuser mit Brettern verriegelt oder verfallen.

Rund 200 weitere Leute sind gekommen an diesem Abend: Fischer, Gastronomen, Hoteliers, Touristenführer, Verkäufer. Charlie Melancon, der hiesige Kongressabgeordnete der Demokraten, hat zum Town-Hall- Meeting geladen, um Fragen zur Ölpest zu beantworten - und er hat einen Top-Manager von BP mitgebracht, der sich der Menge nervös stellt.

"Ich verstehe Ihre Wut"

Der BP-Mann heißt Dave Rainey und ist Vizepräsident für die Ölförderung im Golf von Mexiko. Rainey - grauhaarig, hemdsärmelig - wippt unentwegt auf den Zehenspitzen. Sein irischer Akzent verrät ihn als Außenseiter. "Ich verstehe Ihre Wut", sagt er zu Jones. "Ich verstehe Ihre Frustration." Der Saal stöhnt.

Nicht schon wieder - das ist dieser Tage überall das Klagelied in New Orleans. In der Tat erinnert vieles an "Katrina", den Jahrhundertsturm. Wie damals wälzt sich das Unheil von Südosten auf New Orleans zu, nur diesmal in Zeitlupe. Wie damals handelt es sich um eine fatale Kombination aus natürlichen, menschlichen und technischen Faktoren. Wie damals gibt es kaum Informationen, wenig Geld und keine Gewissheit, was noch kommt.

"Nach all den Tiefschlägen, nach denen du gebettelt und gestohlen hast, vor denen du weggekrochen und weggerannt bist, kommt das nächste Unglück und schlägt dir übers Haupt", sagt die Geologin und New-Orleans-Bloggerin Maitri Erwin. "Es ist herzzerreißend."

Sicher, im Vieux Carré, dem Touristen- und Kneipenherz der Stadt, ist von der Katastrophe nichts zu spüren. Im Restaurant Stanley, das von "Katrina" verwüstet wurde, sitzen die Gäste wieder am Fenster und blicken auf die Wahrsagerinnen am Jackson Square. Die Royal Street lockt mit Antiquitätenläden. Und an der St. Ann Street strahlen die Holzfassaden der kleinen Pensionen in frischen Pastellfarben.

Erst "Katrina", dann "Rita", jetzt die Ölpest

Doch das Öl ist näher, als man denkt. Die Bohrinsel "Deepwater Horizon" ist etwa 100 Kilometer vor dem Mississippi-Delta gesunken. New Orleans liegt zwar weitere 120 Kilometer landeinwärts, ist aber mit der Küste durch Kanäle, Seen und Seitenflüsse eng verwoben. Die Kommunalwirtschaft hängt am Tropf des Tourismus und der Gastronomie. Die wiederum leben von Ökofeuchtgebieten und Bayous, die sie umgeben, schützen, ernähren. Wer von St. Bernard aus weiter nach Osten fährt bis zum Ende, landet an der Black Bay. Hinter deren Horizont liegen die Chandeleur Islands, wo das erste Öl inzwischen angekommen ist.

Die Bemühungen, New Orleans vor dem Öl zu schützen, kommen nur schleppend voran. Arbeiter haben schwimmende Absperrungen verlegt, um den Lake Pontchartrain und den Lake Borgne abzuriegeln, die die Stadt mit dem Golf verbinden. Dann ging ihnen das Material aus. "Der Strom aus Öl ist direkt vor unserer Haustür", sagt Erwin. "Das fühlt sich sogar noch ein bisschen entsetzlicher an als die unmittelbaren Folgen der Ereignisse von 2005."

Als liege ein Fluch über dieser Stadt. Erst "Katrina", vier Wochen später dann der Hurrikan "Rita". Nun "Deepwater Horizon". "Dieser Ort, den wir Heimat nennen, verheißt Chancen und Hoffnung", sagt Bürgermeister Mitch Landrieu. "Doch zugleich leidet er an Versagen, Sorge, Angst, dass wir unseren Weg nie aus der Wüste ins gelobte Land finden."

Landrieu spricht diese Worte am Montag, als er unter offenem Himmel seinen Amtseid ablegt. Es ist ein heißer Tag, Tausende feiern auf dem Lafayette Square, mit Jazz, Gumbo und Mint Julep. Es ist eine neue Ära: Landrieu löst den "Katrina"-Stadtchef Ray Nagin ab. Er ist der erste weiße Bürgermeister seit 1978, als sein Vater Moon Landrieu das Amt innehatte.

"Heute ist New Orleans ein neuer Ort", ruft der neue Stadtvater. "Im Herzen, in Gedanken, im Körper, in der Seele, im Geist." Doch das Öl durchkreuzt diese Hoffnung, ausgerechnet in Landrieus Antrittswoche. "Vor unserer Küste lauert eine Herausforderung", sagt er. "Der Ölteppich bedroht die Lebensart eines Volkes, das auf dem Wege zur Besserung war."

In der Tat hatten sie sich gerade erst zu erholen begonnen. Viele der von "Katrina" zerstörten Viertel sind im Wiederaufbau. Die alte Polit-Garde ist aus dem Amt gescheucht. Neue Geschäfte haben eröffnet. Der Tourismus boomt. Im Februar gewann das lange verlachte Footballteam der "Saints" - dessen Stadion, der Superdome, zum Symbol der "Katrina"-Katastrophe wurde - das Super-Bowl-Endspiel. "New Orleans ist wieder da!", rief Teambesitzer Tom Benson, als er die goldene Trophäe hochhielt.

Hauchdünne Glanzschicht über maroder Substanz

So weit weg scheinen die "Katrina"-Qualen hier inzwischen, dass sie sich bereits als TV-Serie vermarkten lassen. In "Treme" fiktionalisiert der Sender HBO die harten Monate nach dem Sturm zum bittersüßen Psychodrama.

Dabei handelt es sich bei New Orleans' Comeback ohnehin nur um eine hauchdünne Glanzschicht über einer ansonsten maroden Substanz. Die Kriminalität ist weiter hoch, die Amtsbürokratie beispiellos verfahren, die berüchtigte Polizei so korrupt, dass Landrieu das US-Justizministerium gebeten hat, beim Aufräumen mitzuhelfen.

Und jetzt das Déjà-vu. Über die lokalen Fernsehnachrichten flimmern abermals Landkarten mit einem ominösen Fleck im Golf, der immer größer wird und sich näher schiebt. Die Meldungen der Behörden sind mal positiv, mal negativ. Am Ende glaubt man keinem - wie damals, als die Nation die Stadt im Stich ließ.

"Wir tun alles in unserer Macht, Ihnen zu helfen", beteuert der BP-Gesandte Rainey in St. Bernard. "Wir werden jedem legitimen Schadensersatzanspruch gerecht werden. Ich verspreche es." Die Leute im Saal schütteln ungläubig die Köpfe. Was heißt denn "legitim"? Ist das wieder so ein Hintertürchen, durch das sich die Verantwortlichen drücken wollen wie vor fünf Jahren das Ingenieurskorps der US-Armee, das die maroden Deiche gebaut hatte?

BP hat den Fischern und anderen Betroffenen auch hier in New Orleans je 5000 Dollar Soforthilfe angeboten. Die Leute wittern eine Falle. 5000 Dollar kann ihre Not nicht abgelten.

Regierung stellt bereits Care-Pakete zusammen

Denn nicht nur die Fischer selbst leiden. Die Industrie, so krisenanfällig wie die Wall Street, ist die Lebensader der Stadt und des Staates. Dessen Regierung schätzt, dass rund 47.000 Familien wegen der Ölpest in eine Notlage geraten werden. Sie stellt bereits Care-Pakete zusammen.

Schon berichten die Lebensmittelmärkte von Kunden, die horten wie vor einem Sturm - vor allem Fisch. "Wer weiß, wie lange es das gibt", sagt Jeanne Benoit, die sich bei Big Fisherman Seafood mit Krabben, Krebsfleisch und Shrimps eindeckt. "Was soll man kochen, ohne Fisch?"

Die Wetter- und Meeresbehörde NOAA hat die Fangverbotzone am Freitag ausgeweitet, um je rund 50 Kilometer nach Norden und nach Westen. Sechs der 30 Austernreviere sind bereits gesperrt. Allein der lokalen Shrimp-Industrie drohen Milliardenverluste. Die Preise steigen, und an den Docks blüht der Schwarzhandel.

Bei der Bürgerversammlung in St. Bernard prasseln die Fragen stundenlang auf die Vertreter von BP, der Küstenwache und der NOAA ein. Sind die Meeresfrüchte jetzt schon giftig? Was ist mit dem Öl-Lösungsmittel, das BP versprüht? Was geschieht mit den Leuten, die noch ihre "Katrina"-Notkredite abstottern?

"Ich brauche Arbeit", ruft ein Mann. "Ich kann Öl aufsammeln oder Absperrungen auslegen. Ich habe mich angeboten. Keiner ruft mich zurück." Viele nicken zustimmend. "Wir tun, was wir können", sagt BP-Mann Rainey müde.

An der Wand des Saals hängt unbeachtet ein Werbeposter der Gemeinde: "Historische Vergangenheit - vielversprechende Zukunft."

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