US-Visum: Todes-Pilot Atta bewarb sich um Green Card - DER SPIEGEL
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US-Visum Todes-Pilot Atta bewarb sich um Green Card

US-Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die Version der 9/11-Anschlagsplanung. So bemühte sich Mohammed Atta bereits im Spätsommer 1999 per Lotterie um ein US-Visum - Monate bevor er sich erstmals mit Qaida-Führern in Afghanistan traf. Die neuen Details könnten die Hamburger Terror-Anklage stützen.
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Berlin - Dass der Hamburger Todespilot Mohammed Atta nicht schon im Jahr 1999 ohne Probleme in die USA reisen konnte, war reiner Zufall - oder schlicht fehlendes Glück im Spiel. Zweimal bemühte sich der junge Hamburger Student laut neuen Erkenntnissen beim amerikanischen National Visa Service um eine der 55.000 Green Cards, die jedes Jahr unter Millionen von Einsendern aus aller Welt verlost werden. Diese Green Card umschließt neben der Einreiseerlaubnis auch eine Arbeitsgenehmigung für ein Jahr.

Um die beiden Anträge mit Hilfe einer Firma zu stellen, überwies der Hamburger Student 1999 übers Internet 50 Dollar von seiner Visa-Kreditkarte. Dieses neue Detail wurde den deutschen Ermittlern erst kürzlich vom amerikanischen FBI mitgeteilt. Demnach erhielt Atta nur deshalb keines der begehrten Visa, weil er nicht per Zufallsverfahren aus den vielen Bewerbern um die Green Card gezogen wurde. Deshalb musste er seine USA-Reise - und möglicherweise sogar die ersten Planungsschritte für den größten Terrorangriff in der Geschichte am 11. September 2001 - verschieben.

So lapidar sich die neuen Erkenntnisse um Attas fehlendes Glück anhören, so wichtig könnten sie für die Hamburger Verfahren gegen die beiden mutmaßlichen Helfer der Hamburger Zelle, Mounir al-Motassadeq und Abdelghani Mzoudi, sein. Die Bemühungen Attas um ein Visum könnte die Anklage-Hypothese der Bundesanwaltschaft stützen, wonach die Grundidee für terroristische Anschläge in Amerika schon im Frühjahr 1999 entstanden ist. Bisher mangelte es an Beweisen für diese These. Deshalb hat das Gericht per Rechtshilfeersuchen in den USA um mehr Details über Attas vergebliche Versuche bei der Lotterie gebeten.

Zweifel an der "Hamburg-Version"

Besonders war die Anklage mit der "Hamburg-Version" unter Druck geraten, als vor dem Gericht der deutsche Verfassungsschutzchef Heinz Fromm aussagte. Er verortete die Initialgedanken für den Anschlag auf die USA statt in die Hamburger Marienstraße klar bei Top-Leuten der Qaida in Afghanistan. Sie sollten demnach die Hamburger Studenten Atta, Ziad Jarrah und Marwan al-Schechhi im November und Dezember 1999 im afghanischen Kandahar und in Pakistan instruiert haben, als die in den Terrorcamps der Qaida trainiert wurden. Ganz ähnlich ist dies auch in dem kürzlich veröffentlichten Bericht der amerikanischen 9/11-Kommission dargestellt, der Chalid Scheich Mohammed und Mohammed Atef als Urheber der Pläne identifiziert.

Mit dem Rechtshilfeersuchen an die USA wollen die Fahnder nun klären, "ob und gegebenenfalls wann andere Mitwirkende an den Anschlägen des 11. Septembers" - insbesondere die beiden späteren Piloten Jarrah und al-Schehhi oder auch Ramzi Binalshibh - sich um die Lotterie-Visa bemühten. Zudem wollen die Ermittler wissen, "wann und wie Atta erfahren hat, dass seine Teilnahme an der Verlosung nicht erfolgreich war". Eindringlich werden die USA in dem Schreiben um eine "rasche Erledigung" gebeten, da einer der Prozesse, der gegen Motassadeq bereits vor dem Hamburger Oberlandesgericht läuft.

Käme dabei heraus, dass sich mehrere Mitglieder der Hamburger Gruppe per Lotterie um Visa bemüht haben, könnten die Bundesanwälte wieder hoffen. Auf Seiten der Nebenklage wird ebenfalls mit Interesse beobachtet, was an neuen Details aus den USA kommt. "Dass Mohammed Atta die USA schon vor dem Jahr 1999 als erklärten Feind der Muslime betrachtete, ist mittlerweile bewiesen. Dass er dann ohne Hintergedanken ein US-Visum beantragt, erscheint kaum plausibel", kommentierte der 9/11-Opferanwalt Andreas Schulz die neue Erkenntnislage.