USA: Ausläufer von "Sandy" erreichen US-Ostküste - DER SPIEGEL
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Jahrhundertsturm: "Sandy" wütet an der US-Ostküste

Foto: Spencer Platt / AFP

Hurrikan Ausläufer von "Sandy" erreichen US-Ostküste

Der gewaltige Supersturm "Sandy" trifft bald auf die US-Küste. Die Ausläufer sind bereits in den Straßen von New York zu spüren: Stromausfälle, überspülte Straßen, eingedrückte Fenster. Wer kann, bringt sich in Sicherheit.
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Manhattan bekommt die pralle, nasse Vorhut von "Sandy" erstmals um 8.31 Uhr früh zu spüren. Das ist die exakte Uhrzeit, zu der der Gezeitenpegel hier Hochwasser erreicht. Es ist auch der Moment, in dem der Hudson River, angeschwollen von den Wassermassen, die "Sandy" vor sich hertreibt, über die Ufer tritt. Trübe Wellen beginnen die Promenade an Manhattans West Side zu fluten. Auch weiter südlich, am Battery Park, gibt es schon kleine Überschwemmungen. Windzerzauste TV-Reporter posieren im knöcheltiefen Wasser.

Drüben in Brooklyn, da bleibt das Wasser zunächst noch knapp unter der Flutkante. In Williamsburg überspringen Schaulustige die gelben Absperrbänder am grau aufgewühlten East River und schießen Erinnerungsfotos. Noch lachen sie. Das Schlimmste kommt erst noch.

Nach der Flut vom Morgen bringt die Ebbe eine kleine Atempause und dann, um 19.53 Uhr, folgt das zweite Hochwasser des Tages - wenige Stunden nach dem Vollmond, der das Wasser seinerseits noch höher zieht. Es sieht böse aus. Denn bis dahin soll auch der Monstersturm Land erreicht haben, mit einer Flutwelle von bis zu dreieinhalb Metern. Genug, um alle tieferliegenden Stadtteile New Yorks unter Wasser zu stellen. "Was wir jetzt sehen", sagt Meteorologe David Stark, "ist nur der Anfang".

Eine bizarre Atmosphäre prägt New York City in den bangen Stunden davor. Manhattan hält den Atem an: Geschäfte, Theater, Büros und die Börsen sind geschlossen, U-Bahn, Nah- und Fernverkehr liegen still, die Tunnel sind seit dem Mittag verbarrikadiert, die Hängebrücken werden mit wachsender Windstärke ebenfalls gesperrt. Dann ist die Insel vollends vom Rest der Welt abgeschnitten.

Überall Sandsäcke

Sandsäcke liegen vor dem verbarrikadierten Steinbunker der New York Stock Exchange und der Glasfront der Rohstoffbörse in Lower Manhattan, als wolle man das virtuelle Geld vor dem Wasser bewahren. Die Börsen sollen auch Dienstag geschlossen bleiben, erstmals seit dem Terror des 11. September 2001.

Sandsäcke liegen überall, vor Schaufenstern und Kellereingängen, vor Garageneinfahrten, vor dem 9/11-Memorial am Ground Zero, in dessen Grube zusätzliche Pumpen installiert wurden. Sandsäcke liegen auch, in geradezu dekorativem Halbkreis, vor dem gläsernen Kubus, der den Eingang des unterirdischen Apple Stores an der Fifth Avenue bildet.

Eine dramatische Szene bietet sich an der West 57th Street: Dort knickt der Sturm einen Baukran an der Spitze von "One57" um, Manhattans neuestem, höchstem, teuerstem Luxuswolkenkratzer. Wie ein loses Spielzeug baumelt der lange Kranarm in fast 300 Metern Höhe über der Straße im Wind. Glassplitter regnen herab, die Polizei sperrt den Block ab.

Nicht weit entfernt, auf der West 48th Street, liegt ein entwurzelter Baum und versperrt die Fahrbahn. Die wenigen Fußgänger, die noch unterwegs sind, beeilen sich, um in sicheren Gebäuden Deckung zu suchen. Hotels warnen ausdrücklich davor, das Haus zu verlassen. Doch immer noch trotzen Menschen in den Straßen den immer stärker werdenden Böen. Die Zahl der Abenteuerlustigen wird aber zusehends weniger, das Wetter spürbar unerträglicher. In Lower Manhattan bekommen die Anwohner schon automatische Anrufe der Stromgesellschaft Con Edison: Zur Sicherheit werde der Strom womöglich bald abgestellt.

Schon jetzt zeigt die Warnkarte von Con Edison immer mehr Stromausfälle, sie nähern sich Manhattan: Atlantic Avenue, Linden Boulevard, College Point, Long Island City. Auch aus Manhattan werden erste Blackouts gemeldet. Bis zum Nachmittag waren bereits 20.000 New Yorker ohne Strom.

Leuchtstäbe statt Strom

Die Hausverwaltung eines modernen Hochhauses direkt am Ufer des East River in Brooklyn warnt am Nachmittag per E-Mail alle Bewohner: Es gebe erste Glasschäden, Teile des Dachs seien ebenfalls beschädigt. Die Türen des Gebäudes würden ab sofort zugesperrt, niemand dürfe das Haus mehr verlassen: "Dies wird nur schlimmer werden, also bitte hören Sie auf den Rat."

Mindestens ein Hotel am Flughafen Newark bei New York war ebenfalls ohne Strom. Die Hotelleitung verteilte Leuchtstäbchen an die Gäste, damit sie sich im Dunkeln zurechtfänden. Betroffen sind dabei auch rund 60 Reisende aus Deutschland, die mit dem Kreuzfahrtschiff "Aida Luna" unterwegs gewesen waren und nun in dem Hotel gestrandet sind.

Auch einige Außenbezirke stehen schon knietief unter Wasser. Etwa Red Hook in Brooklyns und Meadowmere am Südende von Queens, unweit des Kennedy-Flughafens.

"Dies wird ein großer und mächtiger Sturm für die gesamte Ostküste", warnt Präsident Barack Obama in einer Live-Ansprache an die Nation. "Jeder sollte die angemessenen Vorkehrungen treffen." Obama und sein Rivale Mitt Romney haben ihren direkten Wahlkampf ausgesetzt und die Basisarbeit an ihre Vizes delegiert, Vizepräsident Joe Biden und Paul Ryan.

Notstand ausgerufen

Alle Bundesstaaten im Visier von "Sandy" haben inzwischen den Notstand ausgerufen. Fast 60 Millionen Menschen sind betroffen. Schon jetzt beziffern Beobachter die bisherigen Schäden auf rund 20 Milliarden Dollar. Der verhängnisvollste Hurrikan in der Geschichte der USA war "Katrina" im Jahr 2005, mit 1322 Toten und mehr als 41 Milliarden Dollar Schaden.

Südlich New Yorks sieht es jetzt schon schlimm aus. New Jersey, Delaware und Maryland. "Es wird zweifellos Tote geben", sagt Marylands Gouverneur Martin O'Malley. Atlantic City, dem Spielerparadies an Strand New Jerseys, ist bereits ebenso überflutet wie andere Küstenstädte. Ein Teil des legendären Boardwalks, der Holzpromenade Atlantic Citys, bricht unter den hohen Flutwellen zusammen.

"Ich habe noch nie so viel Wasser in der Bucht gesehen", sagt Bob McDevitt, der Präsident der Casinogewerkschaft in Atlantic City. "Wenn ich denke, wieviel Wasser schon in den Straßen steht und wieviel heute Abend noch mit der Flut kommt - dies wird eine Verwüstung geben."

In Washington ist die Regierung lahmgelegt - mit einer Ausnahme: Der Oberste US-Gerichtshof, wetterbedingten Unterbrechungen immer schon abgeneigt, tritt am Montagvormittag zu einer mündlichen Verhandlung zusammen. Die Dienstagssitzung wird dann freilich vertagt.

Kurz nach Mitternacht (MESZ) stufen die Meteorologen vom US Hurricane Center "Sandy" herunter. Sie bezeichnen den Sturm nun als post-tropischen Zyklon. Er habe zwar immer noch Winde in Hurrikanstärke, verliere aber an Kraft. Bei Kings Point im Staat New York erreichten die Wellen nach Angaben des Hurrikanzentrums eine Höhe von 3,8 Metern.

Mitarbeit: Roland Nelles, Thomas Schulz / Mit Material von Reuters