USA Das Hundeleben des Präsidenten
Washington - Wenn Bill Clinton, 53, in diesen Tagen abends ausgeht, wird es meistens spät. Überraschend ist das nicht, schrieb die "New York Times" kürzlich, schließlich findet der amerikanische Präsident im Weißen Haus nur eins vor: leere Räume. Tochter Chelsea studiert an der Stanford Universität im US-Bundesstaat Kalifornien. Ehefrau Hillary ist ausgezogen, um eine eigene Karriere zu starten, und sein Stellvertreter Al Gore ist unterwegs auf Wahlkampftour - er will Clintons Nachfolger werden. Der einzige Gefährte, der ihm treu geblieben ist, heißt Buddy und ist sein Hund. Seit die First Lady in New York wohnt, teilt der braune Labrador die einsamen Nächte des Präsidenten, berichtet das Blatt. Dass im politischen Washington ein wahrer Freund nur ein Hund sein kann, hatte schon Clintons Amtsvorgänger Harry Truman vor rund einem halben Jahrhundert erkannt.
Zu Hause greift der Verlassene dann oft mitten in der Nacht zum Telefon und redet stundenlang mit alten Bekannten. "Wenn du diese einsame Stimme hörst", wird ein Freund Clintons zitiert, "dann weißt du, dass es Zeit ist, sich aufzusetzen und das Licht anzumachen, weil das Gespräch eine Weile dauern wird." Stimmt, sagt der nachtaktive Präsident. Die Abwesenheit seiner Frau fördere seine Angewohnheit lang aufzubleiben und endlos zu telefonieren. "Hillary ist wie ein Anker für mich. Wenn ich bis spät in die Nacht arbeite, erinnert sie mich, dass ich die notwendige Menge Schlaf brauche."
Seine Einsamkeit hat sich der höchst richterlich überführte Ehebrecher zum größten Teil selbst zuzuschreiben. Nach dem Lewinsky-Skandal wechselte die First Lady Medienberichten zufolge acht Monate kein Wort mit ihrem Gatten. Dann folgte ihr Entschluss, eine eigene Karriere zu starten. Ihr Wunschberuf: Senatorin des Bundesstaates New York. Voraussetzung dafür: ein ständiger Wohnsitz in der Region. Um seine Wahlchancen zu erhöhen, suchte auch Vizepräsident Al Gore Distanz zum Chef. Ihm wurde Kumpanei mit dem Schwerenöter vorgeworfen, schließlich hatte Gore ihn verteidigt. Dass mochten die Wähler nicht.
Es sei nicht so, dass der Präsident wie Hamlet durchs Weiße Haus schleiche - grübelnd, innerlich zerrissen oder depressiv, sagte Clintons Büroleiter John Podesta. "Ich glaube nicht, dass er die Tage zählt, bis er in Rente geht." Der Präsident selbst sagt, er habe so viel zu tun, dass keine Zeit bleibe, sich mit dem neuen Loch in seinem Leben zu befassen. Offenbar beschäftigt ihn das Ende seiner Amtszeit am 20. Januar 2001 aber doch stärker, als er zugeben will. In kaum einer Rede versäumt er derzeit, darauf hinzuweisen, wie wenig Zeit ihm noch bleibt und wie viel noch zu tun ist. "Was werdet ihr Bürger machen, wenn ich nicht mehr hier bin. Wenn ich ein Bürger bin, so wie ihr?", fragte er neulich das Publikum.
Clinton, zum Ende seiner Amtszeit 54 Jahre alt, wird der jüngste Altpräsident seit Theodore Roosevelt (1901 - 1909) sein, auch wenn er manchmal betont, dass er sich nicht mehr jung fühlt. Als er vor zwei Wochen den Grand Canyon Nationalpark besuchte, klagte er über sein schwindendes Augenlicht. Er könne während der Fahrt nicht mehr lesen, was auf den Schildern am Straßenrand stehe. Wenig später legte er sich die Hand hinters Ohr. Ob der Journalist die Frage wiederholen könne? Sein Gehör lasse nach. Bei so viel Altersbeschwerden dürfte es für den Präsidenten wohl mehr als tröstlich gewesen sein, als seine Frau vor wenigen Tagen öffentlich erklärte, sie bleibe bei ihm. Bis zum Ende ihres Lebens.