USA New Yorker demonstrieren Gelassenheit
New York - Es ist ein ganz normaler Juli-Tag in New York City. Die Terroranschläge von London haben zwar auch in allen US-Millionenmetropolen und vor allem in Manhattan sofort zu diskret verschärften Sicherheitsmaßnahmen geführt, besonders im morgendlichen Nahverkehr. Doch der Alltag der Menschen ging bei all dem nahezu ungestört weiter. Selbst das Heimatschutz-Ministerium in Washington, sonst schnell den Finger am Abzug, sah keinen Anlass, die ohnehin seit 9/11 erhöhte nationale Terror-Warnstufe landesweit weiter anzuziehen.
Stattdessen verordnete Heimatschutzminister Michael Chertoff nur die selektive Erhöhung der Warnstufe von "Gelb" auf "Orange" für alle öffentlichen Verkehrsmittel: U-Bahnen, Busse, Züge. "Wir haben keine glaubhaften Hinweise auf einen drohenden Angriff", sagte er aber.
Nach dem 11. September 2001, zahllosen weiteren Terror-Warnungen und Fehlalarmen seither, nach Übungen, Parteitagen, Großdemos und sonstigen Anlässen für massives Polizeiaufgebot haben gerade die New Yorker in diesen Dingen eine Art Phlegma entwickelt. "Ich fahre im Sommer sowieso immer mit dem Rad zur Arbeit", sagt der Sozialarbeiter Chris Cochran auf dem Weg von Brooklyn nach Chelsea. "Also auch heute."
"Ich habe heute morgen kurz an London gedacht", ergänzt der Jungbankier Andrew Viscardo, der in Little Italy auf die U-Bahn zum Financial District wartet, wo er unweit von Ground Zero arbeitet, dem bis heute klaffenden Loch an der Stelle der 9/11-Anschläge. "Aber ich weiß auch, es gibt keine sicherere Stadt auf der Welt als New York."
Die Szenen in der New Yorker Subway - die täglich von rund 4,5 Millionen Menschen benutzt wird und in den letzten Monaten einen spürbaren Anstieg von Gewalt und Straftaten vermeldet hat - unterschieden sich heute zur Rush Hour denn auch wenig von anderen Tagen. Bewaffnete Cops standen auf den meisten Bahnsteigen. Fast unbemerkt von den Pendlern hatten die ihre Kontrollen verstärkt, wie auch die Kollegen in anderen Großstädten: Jedes Mal, wenn ein Zug einfährt, warfen sie kurz einen Blick in die Waggons, um nach herrenlosen Objekten Ausschau zu halten.
"Angst ist die größte Waffe der Terroristen"
Im Port Authority Bus Terminal, dem Reisebus-Knotenpunkt an der 42nd Street, liefen die Beamten mit Bombenspürhunden herum, aber auch das ein Routine-Anblick hier. Selbst an die niedrig fliegenden Hubschrauber, die seit dem frühen Morgen über vielen US-Bahnhöfen patrouillierten und zum Beispiel an der Newarks Penn Station alle Gleise aus der Luft ausspähten, sind die Leute längst gewöhnt.
"Wir bitten die Menschen darum, umsichtig zu sein und alle verdächtigen Aktivitäten oder Päckchen, Rucksäcke und Kartons der Polizei zu melden", erklärte New Yorks Gouverneur George Pataki - ein hierzulande seit 9/11 gebetsmühlenartig beschworenes Mantra. Zugleich aber könnten "die Leute Vertrauen haben" in ihre Sicherheit. "Angst ist die größte Waffe der Terroristen. Wir dürfen nicht in Angst leben, sondern müssen unseren Tagesgeschäften nachgehen." Auch diese Weitermach-Parolen hören die Amerikaner schon seit dem Horror des 11. September.
Selbst der Dow-Jones-Aktienindex, der in der ersten halben Stunde nach Börsenauftakt um über 64 Punkte stürzte, hielt seine Verluste in Grenzen. Am meisten litten erwartungsgemäß Versicherungs-, Luftverkehr- und Reisewerte. Analysten waren zuversichtlich, dass die US-Börsen die Anschläge ohne Panik verkraften würden. "Wir lernen, mit dem Terror zu leben", sagte der Investmentbanker Hugh Johnson fast lakonisch. Ein Sprecher der New York Stock Exchange (NYSE) - die nach 9/11 für drei Tage geschlossen geblieben war - verwies darauf, dass die Börse inzwischen über 100 Millionen Dollar investiert habe, "um Unterbrechungen des Handels zu verhindern oder zu verkraften".
Experten warnen vor Attacke auf Chemiefabriken
Wenn die Amerikaner akute Terror-Sorgen haben, dann liegen die dieser Tage eher woanders. Experten warnten heute in einem Bericht an den US-Kongress vor einem bisher kaum beachteten Terror-Szenario - einem Chemie-Angriff mit Todesopfern in Millionenhöhe.
Mindestens 100 Chemiefabriken mit großen Mengen an hoch giftigen und brennbaren Substanzen seien für Terror-Anschläge verwundbar, hieß es in dem Report des Congressional Research Service. "Diese Einrichtungen stehen ganz oben auf der Zielliste der Terroristen", erklärte der demokratische Abgeordnete Edward Markey.
In der Tat liegt etwa jede fünfte aller rund 10.000 US-Chemiefabriken in unmittelbarer Nähe von Großstädten mit über einer Million Einwohnern - weitgehend ungeschützt. Die Gegend mit der größten Ballung solcher chemischen Pulverfässer: Texas, der Heimatstaat von Präsident George W. Bush.