Uups! - et orbi: 498 Selige und eine Handvoll Bohnen - DER SPIEGEL
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Uups! - et orbi 498 Selige und eine Handvoll Bohnen

Als der nüchterne Joseph Ratzinger Papst wurde, erwarteten viele Vatikanisten einen Rückgang der Heilig- und Seligsprechungen. Weit gefehlt - Benedikt XVI. hat den Rekord seines Vorgängers jetzt schon gebrochen.
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Rom - Kardinal Ratzinger war die Heiligsprechungsfreude seines Papstes nie ganz geheuer. Johannes Paul II. sprach Menschen selig und heilig, als müsste der Himmel komplett neu besiedelt werden. Die Relatoren arbeiteten Akkord und prüften Wunder in Sonderschichten.

Kaum war nun Ratzinger als Benedikt XVI. zum Papst gewählt, verkündete er, in Zukunft nicht mehr derartigen Zeremonien vorsitzen zu mögten. Viele sahen darin ein Beatifizierungs-Moratorium.

Weit gefehlt. Allein im jahr 2007 wurden in zehn verschiedenen (von Kardinälen geleiteten) Zeremonien zehn neue Selige ernannt, darunter der Linzer Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter.

Am Sonntag nun wurde sogar Karol Wojtylas Beatifizierungsrekord gebrochen: 498 Märtyrer des spanischen Bürgerkriegs rückten en bloc auf in den Stand der Seligkeit. In Spanien hatte das zu heftiger Kritik geführt. Schließlich hatte die katholische Kirche während und nach dem Bürgerkrieg immer zum Putschistengeneral Franco gestanden. Francos Diktatur waren Zigtausende politische Gegner zum Opfer gefallen, darunter etliche Geistliche, die insofern ebenfalls Anspruch auf Seligkeit hätten.

Gewiss. Die spanische Bischofskonferenz hat nun ein 524 Seiten dickes Buch über die Märtyrer zusammengestellt. Es ist ein nüchternes, herzzerreißendes Dokument, vergleichbar mit den Fotoserien aus dem kambodschanischen Vernichtungsgefängnis "S 21". In dem Buch finden sich Fotos von vergewaltigten Oberinnen, von bebrillten 18-Jährigen, von katalanischen Bauernjungs, die schlicht nur Priester werden wollten und dafür von republikanischen Sansculotten gemartert wurden. Der Dichter Gregorio Sanchez Sancho aus Salamanca wurde im August 1936 aus seinem Kloster geholt, vor ein antiklerikales Volkstribunal gebracht und erschossen. Nur weil er seinem Glauben nicht abschwören wollte. Da ist nicht viel anarchistische Romantik zu spüren, und jeder einzelne der 498 Getöteten hat seine Viertelstunde Ruhm und Erinnerung gestern Mittag mehr als verdient.

Papst Benedikt blieb der Zeremonie wie versprochen fern, spendete lediglich aus seinem Arbeitszimmer winkend den Segen. Am Abend zuvor hatte er in der Audienzhalle Beethovens Neunte gehört, zusammen mit seinem Bruder, Doris Dörrie, Günther Beckstein, Fürstin Gloria und rund 8000 weiteren Gästen, das Ganze spendiert vom Bayerischen Rundfunk.

Anschließend traf man sich im Hotel Columbus, plauschte über die trotz miserabler Akustik glänzende Aufführung. Im Nebenzimmer stand Professor Arnold Nesselrath, der sich für den Papst um die Sixtinische Kapelle und die Raffael-Stanzen kümmert. Er berichtete, dass bei der Restaurierung von Raffaels Fresko "Brand im Borgo" ein Techniker aus Versehen durch den Putz gebrochen sei. Offenbar war die Konsistenz des Mörtels eine andere gewesen als erwartet.

Zur Überraschung Nesselraths fand man gekochte Bohnen in den Putz gemischt: Einem von Raffaels Handwerkern war wohl sein Mittagessen in den Kübel gekippt. "Daran ist etwas höchst erstaunlich", sagte Nesselrath. "Die Bohne ist erst durch Kolumbus aus Amerika nach Europa gekommen. Raffael arbeitete schon 1514 an diesem Fresko. Offenbar reichten knapp 15 Jahre, damit aus einer völlig unbekannten Pflanze das Mittagessen römischer Handwerker wurde."

Positivistische Moral: Wenn etwas gut ist, setzt es sich durch, egal ob die Kirche oder sonst irgendjemand seinen Segen dazu gibt. Für die 498 spanischen Märtyrer ist das allerdings nur ein schwacher Trost.

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