Uups! - et orbi: Die Teresa-Tagebücher - DER SPIEGEL
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Uups! - et orbi Die Teresa-Tagebücher

Pünktlich zum zehnten Todestag von Mutter Teresa sind ihre "geheimen Tagebücher" veröffentlicht worden. Das "Time"-Magazin widmete dem eine Titelgeschichte - als ob die Ordensgründerin bei den Freimaurern tätig gewesen wäre oder pikante Sonette verfasst hätte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rom - Tatsächlich besteht das Doppelleben der Seliggesprochenen darin, über Jahre hinweg von Phasen des Zweifelns heimgesucht worden zu sein. "In meinem Inneren ist es eiskalt", schrieb sie einmal. Und: "Der Himmel ist allseitig verschlossen." Oder auch: "Ich habe keinen Glauben. Man erzählt mir, dass Gott mich liebt, jedoch ist die Realität von Dunkelheit und Kälte und Leere so überwältigend, dass nichts davon meine Seele berührt."

Die Enthüllungen sind nicht ganz neu. Die "Geheimen Aufzeichnungen" finden sich alle in den drei dicken, märtyrerrot gebundenen Bänden der Seligsprechungs-Akten. Schon im Jahr 2002 veröffentlichte Saverio Gaeta, Redaktionsleiter der lammfrommen "Famiglia Cristiana", ein "Il Segreto di Madre Teresa". Er hatte offenbar Zugang zu den Bänden und veröffentlichte zum Entsetzen der Muttertöchter in Kalkutta die wichtigsten Tagebuchaufzeichnungen und Briefe Teresas.

Das Buch wurde im Vatikan herumgereicht, nicht wie Schmuddelbilder, sondern eher als Beleg, dass auch Selige mal ihre Tage haben. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die Briefe allgemein bekannt würden. So gingen die Schwestern in die Offensive und ließen Teresas "Postulator", ihren Anwalt im Seligsprechungsprozess, Pater Brian Kolodiejchuk, das Buch herausgeben.

Die Veröffentlichung in dieser Woche wird dem Mythos keinen Abbruch tun. Es sind Dokumente einer Grundehrlichkeit und des Selbstzweifels mehr als des Gotteszweifels, nach dem Motto: Bin ich es wirklich wert und fähig, Ihm zu dienen? In der Heiligengeschichte ist solch eine "dunkle Nacht des Geistes" täglich Brot.

Johannes vom Kreuz war sogar der Auffassung, dass ohne zeitweilige "nox animi" - in der Gott schweigt, als würde er gerade Richard Dawkins lesen - ohnehin kein Weg zur Heiligkeit führt. Die Heilige mit den drei Streifen war eine handfeste, knochentrockene Person. Ihre Nummer stand im Telefonbuch, man konnte sie ohne Weiteres anrufen (0091.33.247115), vorbeikommen und mit anpacken, egal ob gläubig oder nicht. Ihr Imperium führte sie mit sechs mechanischen Schreibmaschinen und einem Telefon, dem in ihrer Zelle.

Ich kam einmal zu Lebzeiten Teresas ziemlich naiv und bepackt mit 20 Kilogramm Büromaterial und Medikamenten nach Kalkutta, um sie für ein Interview zu bestechen. Sie nahm die Gaben dankend an, und sagte dann: "Ein Interview mit mir? Reden Sie lieber mit Ihm...", wobei sie mit ihrem Wurzelfinger nach oben, in den rußigen Himmel über Kalkutta zeigte. Am nächsten Morgen um 6 Uhr fing ich an, Sterbende zu waschen. Und brauchte kein Interview mehr.

All das bedeutet nicht, dass Teresas Schwestern nicht auch im Vatikan jede Menge Spötter hätten. Mitten in der "Kongregation für die Sache der Heiligen" etwa, dem TÜV in Rom für Selige und solche die es werden sollen: "Teresa? Das war eine nicht unumstrittene Causa. Ich glaube, 30 Prärogationsverfahren sind ungültig erklärt worden. Aber der vorige Papst wollte es unbedingt so schnell vorantreiben", heißt es dort, in einem Raum voller Karteikästen, in denen die Seligen reifen.

"Ich kenne jemanden in einem Essener Krankenhaus. Da fielen eines Tages die Schwestern aus Kalkutta ein, und als man fragte, was sie wollten, sagten die: Wir bringen Liebe. Aber in Essen liegen die Toten nicht auf der Straße rum. Bis vor kurzem durften die auch keine medizinische Ausbildung haben. Das ist lebensgefährlich, wenn sie, wie hier in Rom, mit Aidskranken arbeiten. In Essen hat die SPD-Stadtverwaltung den Schwestern dann ein Haus gegeben, mit Betten und Küche. Als erstes hat die Prinzipalin den Mikrowellenherd auf den Müll geworfen, dann die Matratzen. Sie wollten lieber auf Stroh schlafen. Aber in Essen ist Stroh sehr viel teurer als Matratzen."

Anmerkung der Redaktion: Durch ein Versehen wurde in einer früheren Version dieses Artikels in der Bildunterschrift eine falsche Jahreszahl genannt. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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