Uups! - et orbi: Miss Kitty XVI. - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Uups! - et orbi Miss Kitty XVI.

Das letzte Tabu der postsäkularen Gesellschaft ist ein freundlich lächelnder Papst in Unterwäsche, mit Haarspange und einem Brillanten im Ohr. Die Terrakotta-Figur des Künstlers Paolo Schmidlin wird in Florenz allerdings nur hinter einem Vorhang gezeigt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Florenz - "...und machte den Menschen aus Erde vom Acker", so steht es im ersten Buch Mose, und der 43-jährige Mailänder Konzeptkünstler Paolo Schmidlin hat mit seinem Opus "Miss Kitty" nicht viel anderes gemacht als seine Meister Gott oder Donatello.

Er nahm kalkhaltigen gelben Ton und modellierte den Torso eines älteren Mannes, brannte und bemalte ihn, all dies so kunstfertig, dass unverzüglich "Blasphemie" gerufen wurde. Denn der so sympathisch, wenn auch ein wenig kokett, lächelnde Herr im Tanga trägt die Gesichtszüge und auch den Fischerring des amtierenden Papstes Benedikt XVI.

In der Kunsthalle "Palazzina Reale", gleich am Bahnhof von Florenz, sind allerlei homoerotische Kunstwerke und Gebilde ausgestellt. Man sieht Mapplethorpe, Witkin, Warhol, man sieht einen Norbert Bisky, die sizilianischen Epheben des Herrn von Goeben und überhaupt primäre Geschlechtsmerkmale in allen Farben und Aggregatzuständen.

Joseph Ratzinger, nur etwas kleiner und nackiger als sonst

Der Skandal jedoch wartet verborgen hinter einem Vorhang. "Wir mussten es tun. Die Kirche wollte es so", sagt der Jüngling am Eingang. In anderen Ländern, sagt er, hätte wohl niemand auch nur eine Braue gehoben, in Italien dagegen wird die Ausstellung "Vade retro – Kunst und Homosexualität", die noch bis zum 6. Januar 2008 zu sehen ist, praktisch und sehr zu Unrecht totgeschwiegen. Ein Vorhang zähmt die Neugier nicht. Also weg damit.

Der erste Anblick ist irritierend und der zweite noch viel mehr. Das ist Joseph Ratzinger, dieser scheue Blick, dieses Lächeln aus der Reserve. Nur etwas kleiner und etwas nackiger als sonst. Das im Sophie-Scholl-Schnitt gebändigte Haar wird von einer "Miss Kitty"-Spange gehalten, im linken Ohr glitzert ein Diamant.

In klassischer Bramantino-Geste zeigt die Rechte auf die Brust, wie um auf das Herz oder ein unsichtbares Stigma hinzudeuten. Die Statue ist nicht ganz lebensgroß, doch detailgenau bemalt, bis hin zu Altersflecken, gesprungenen Äderchen und Falten. Ein wunderbares oder, wie mancher sagen würde, hemmungslos entartetes Kunstwerk steht da vor einem, ein ikonoklastisches Spiel mit einem der meistfotografierten und meistinszenierten Körper überhaupt.

"Miss Kitty" wohnt ein eigener Zauber inne

Florenz hat der Ausstellung Asyl gewährt. Aus Mailand, wo sie für den "Palast der Vernunft" angekündigt war, ist sie vertrieben worden, die bereits gedruckten Kataloge mit "Miss Kitty" wurden allesamt aufgekauft: "Die Ausstellung verletzt jeden, der noch Werte hat", erklärte Letizia Moratti, die Bürgermeisterin von Mailand.

Vermutlich hätte "Miss Kitty" als Fotografie keinen größeren Skandal ausgelöst. Aber dem dreidimensionalen Bild wohnt immer noch ein eigener Zauber inne. Im Mittelalter wurden Marienstatuen zerschlagen, weil sie Angstzustände auslösten. Es wurde von gezielten Verführungen durch weibliche Statuen berichtet. Deswegen rasch ein Vorhang davor.

Paradoxerweise macht der Vorhang das Bild nur um so mächtiger. "Als Stifter von Fetischismus", so würde der Zeichentheoretiker Louis Marin sagen, verleiht ein Schleier der Figur, die er verhüllen soll, stattdessen eine überwältigende Kraft.