Uups! - et orbi Vatikanisches Reinheitsgebot
In der Eucharistie wird aus der Hostie der Leib Christi und zwar der tatsächliche. Nach der Kommunion muss sie aufgegessen oder im Tabernakel ehrenhaft verwahrt werden. Deswegen sind die handelsüblichen Hostien auch weitgehend krümelfrei.
Die konsekrierte, also geweihte, Hostie ist kein Symbol sondern the real thing.
Benedikt XVI. hat das in Lourdes am 14. September mit Woitylaesker Wortgewalt ausgedrückt, so mystisch schon, dass viele Gläubige während der Meditation zu Boden sanken, um die Worte in sich aufzunehmen: "Seigneur Jésus, tu es là! Und Ihr, meine Brüder, meine Schwestern, meine Freunde, auch Ihr seid mit mir hier vor Ihm zugegen! (...) Jesus Christus ist gegenwärtig, weil Er uns sagt: 'Nehmet und esset alle davon, das ist mein Leib, das ist mein Blut.' Der Ausdruck 'Das ist' steht im Präsens, hier und jetzt, wie in allen 'hier und jetzt' der Menschheitsgeschichte. Reale Präsenz, Gegenwart, die unsere armen Lippen, unsere armen Herzen und unsere armen Gedanken übersteigt. (...) Jedes Mal, wenn wir Ihn essen, aber auch jedes Mal, wenn wir Ihn betrachten, verkünden wir Ihn, bis Er kommt in Herrlichkeit."
Laut des vatikanischen Reinheitsgebots darf eine Hostie nur aus zwei Zutaten bestehen: "Das Brot muss aus reinem Weizenmehl bereitet und noch frisch sein, so dass keine Gefahr der Verderbnis (periculum corruptionis) besteht" (CIC 924 § 2).
Damit ist das Angebot eiweißarmer, Gluten-freier Hostien aus Mehl des Typs "Wheatex 9010 Special" natürlich nicht ausgeschlossen.
Die Bäckerei "St. Johannes" im Kloster Vinnenberg etwa wirbt mit hoher Brechpräzision ihrer Hostien durch Vorritzung und betont "den hervorragenden Geschmack", der durch die Verwendung von "hochreinem Wasserdampf", "Befeuchtesteuerung" und "mikroprozessorgesteuerte Temperaturfühler" gesichert werde. Beutelverpackt gibt es 500 weiße Brothostien (3,2 Zentimeter im Durchmesser, 1,3 Millimeter dick) schon für sieben Euro, zuzüglich Mehrwertsteuer und Versand.
Das ist günstig. Der ideelle Wert einer Hostie steigt allerdings beträchtlich, wenn es sich um eine konsekrierte handelt. Kaum hatte der Papst bei seiner Eucharistiefeier in Lourdes am 14. September die Szene verlassen, bedienten sich Pilger aus den herumstehenden Ziborien und nahmen Hostien als Souvenir nach Hause.
Das sorgte unter katholischen Ultras für Empörung. Von "schweren Sakrilegien" am Rande des Papstbesuchs schrieb etwa "kreuz.net" und folgerte: "Der Glaube an das angeblich Allerheiligste Altarsakrament - Zentralgeheimnis der katholischen Kirche - ist futsch." Leser erkundigten sich, in welcher Entfernung die Hostien vom Altar gelegen hätten und ob sie tatsächlich schon per Priesterwort in den Leib Christi verwandelt.
Vielleicht lagen sie ja in einer Art Windschatten, gleichsam im toten Winkel der Transsubstantiation und könnten so als schlichtes Backwerk angesehen werden?
Völlig ungeklärt scheint die Frage, wie weit eine Konsekration wirkt (zehn Meter? zwanzig?), ob sie vom kirchenhierarchischen Status des Zelebranten abhängig ist und ob man sich ihren Wirkungsbereich als glocken- oder eher kegelförmig vorstellen muss. Die später stibitzten Hostien in Lourdes jedenfalls lagen während der Liturgie etwa drei Meter vom Altar entfernt. Sie waren übrig geblieben, weil die französische Polizei die zulässige Zahl der Messbesucher in Lourdes aus Sicherheitsgründen kurzfristig verringert hatte.
Ein Leser, selbst namhafter Autor und Dozent an einer päpstlichen Hochschule, wies darauf hin, dass die "Wandlungswolke" nicht allein räumlich verstanden werden darf, sondern im Zusammenhang mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums 1963 ("Sacrosanctum Concilium") gesehen werden muss: "Das wirklich Problematische bei Eucharistiefeiern, an denen Massen von Menschen teilnehmen, besteht darin, dass die gemeinsame Gebetsrichtung und Zelebrationsintention sowohl der Priester als auch der Menge nicht mehr klar ist." Es entstehe die Frage, ob die von Christus gewollte Struktur noch gegeben sei.
Die Wirkung der Wandlung ist also nicht allein von Signalstärke (Papst) und Distanz (Meter) abhängig, sondern wesentlich von der Übereinstimmung der Vektoren Gebetsrichtung und Intention. Wenn Priester mit dem Gesicht zur Gemeinde ("versus populum") zelebriert, statt gemeinsam dem Altar entgegen ("versus absidem"), kann es so gesehen zu Wirbelbildungen und ähnlichen chaotischen Phänomenen kommen. Dem Papst sind Massenmessen ohnehin seit jeher suspekt. Als Verflachung und Gefahr der Verderbnis.