Vatikan Gebete im Apostolischen Palast
Rom - Eindrucksvoller hätte die katholische Kirche ihren ungeheuren Einfluss nicht demonstrieren können als am Tag, nachdem der Papst starb. In den Sonntagsmessen von abertausend katholischen Gemeinden rund um den Globus wurde des verstorbenen Johannes Paul II. gedacht.
"Noch nie ist ein Mensch so öffentlich gestorben", sagte Pfarrer Michael Brock in seiner Predigt in der Stuttgarter Domkirche. Die Todesnachricht, die der Vatikan per E-Mail verschickte, erreichte binnen wenigen Minuten Milliarden Menschen. Regierungschefs kondolierten, etliche Staaten ordneten Trauerbeflaggung an. Im kommunistischen Kuba wurde eine dreitägige Staatstrauer verkündet. Selbst die islamistischen Taliban in Afghanistan zeigten sich betroffen von dem "spirituellen Verlust".
Zu Hunderttausenden strömen die Pilger nun nach Rom, um Abschied von ihrem geistlichen Oberhaupt zu nehmen. Ab Montagnachmittag wird der Leichnam des Papstes für die Öffentlichkeit im Petersdom aufgebahrt. Bisher liegt der einbalsamierte Leichnam in der "Sala Clementina" im Vatikan. Hier haben nur Kardinäle, Bischöfe und hohe Politiker Zutritt. Der Pontifex trägt seine Amtsgewänder mit Mitra und Bischofsstab. 1996 hatte er verfügt, dass seine Leiche nur in der Amtstracht fotografiert werden dürfe.
Abschied: Die Welt trauert um den Papst
Das italienische Kabinett kam heute zu einer Krisensitzung zusammen, um über den Pilgeransturm zu beraten. Die Regierung rechnet mit bis zu zwei Millionen Pilgern. "Das ist, als ob wir das Heilige Jahr in 48 Stunden vorbereiten müssten", sagte Roms Bürgermeister Walter Veltroni in Anspielung auf die Feierlichkeiten im Jahr 2000, die binnen zwölf Monaten mehrere Millionen Gläubige in die Stadt brachten.
Zur Messe auf dem Petersplatz am Vormittag waren bereits 50.000 Menschen gekommen. Das Fernsehen zeigte Bilder von ergriffenen Menschen, viele hatten Tränen in den Augen. Einige weinten und hielten Fotos des Verstorbenen in ihren Händen. "Er hat uns gerufen und wir sind gekommen", sagte ein Pilger, der aus Neapel angereist war.
"Unserem unvergesslichen Vater sagen wir hier - unter dem Haus, in dem er ruht - dass ihn die Engel ins Paradies führen werden", erklärte Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano in seiner Predigt. In dieser Stunde verwandele sich der Schmerz der Menschen in "tiefe Heiterkeit". Er selbst sei am Krankenbett des Papstes Zeuge dieser Heiterkeit geworden, "der Heiterkeit der Heiligen", sagte Sodano.
Die ganze Nacht über hatten Zehntausende auf dem Petersplatz mit Gebeten und stiller Trauer des Papstes gedacht. Gegen Mitternacht waren nach Polizeiangaben rund 130.000 Menschen auf dem Platz versammelt. Auch in vielen anderen Ländern läuteten nach Bekanntwerden des Todes lange die Kirchenglocken.
Die Nachricht hatte sich in Minuten um die ganze Welt verbreitet. Sie erreichte Milliarden Menschen, die den Todeskampf des Papstes in den vergangenen Tagen verfolgt hatten, die gebetet oder nur respektvoll Anteil genommen hatten. Sie versetzte die Menschen weltweit in Trauer, ließ sie innehalten, ergriffen von der Wucht der Nachricht, bevor ihnen die Tränen, Gebete oder einfach nur Momente der Stille die Verarbeitung des Schmerzes erleichterten. In Lateinamerika versammelten sich hunderttausende Gläubige. Zwischen Mexiko und Feuerland beteten sie in Kathedralen und Kirchen für den Verstorbenen. Präsidenten, Kardinäle und Menschen auf der Straße zeigten sich erschüttert. In fast allen Staaten des tief katholischen Subkontinents wurde Staatstrauer ausgerufen - selbst im kommunistischen Kuba. Präsident Fidel Castro ordnete eine dreitägige Staatstrauer vom 3. bis 5. April an. Die geplanten kommunistischen Jugend-Festivitäten wurden abgesagt. Schätzungen zufolge weit mehr als 400 Millionen Bürger Lateinamerikas bekennen sich zur katholischen Kirche.
Staats- und Regierungschefs aus aller Welt würdigten den charismatischen und konservativen Papst, der mehr als 26 Jahre an der Spitze der 1,1 Milliarden Katholiken stand, als historische Persönlichkeit. Sie verwiesen insbesondere auf seine zentrale Rolle beim Fall des Eisernen Vorhangs in Europa Ende der achtziger Jahre. "Die katholische Kirche hat ihren Hirten verloren. Die Welt hat einen Verfechter der menschlichen Freiheit verloren", sagte US-Präsident George W. Bush. Sein Vorgänger Bill Clinton würdigte ihn als "Leuchtfeuer" für alle Menschen - über alle Glaubensgrenzen hinweg.
Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte über die russische Nachrichtenagentur Interfax: "Mit seinem Namen war eine ganze Epoche verbunden." Israels Außenminister Silwan Schalom sagte: "Israel, das jüdische Volk und die ganze Welt haben einen großen Vorkämpfer der Versöhnung und der Brüderlichkeit zwischen den Religionen verloren." Die offizielle katholische Kirche Chinas, die den Papst nicht als Oberhaupt anerkennt, übermittelte ihr "tiefes Beileid".
Bundeskanzler Gerhard Schröder würdigte den Papst als historische Persönlichkeit: "Papst Johannes Paul II. hat Geschichte geschrieben", erklärte er. Bundesaußenminister Joschka Fischer wies insbesondere auf die Verdienste des Papstes um den demokratischen Umbruch in den ehemaligen Ostblock-Staaten und damit zur Wiedervereinigung Deutschlands hin.
Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche starb nach tagelangem Todeskampf gestern Abend in Rom im Alter von 84 Jahren. Seit seiner Wahl 1978 leitete Karol Wojtyla die katholische Christenheit mehr als 26 Jahre - nur zwei Päpste regierten in 2000 Jahren Christentum länger.
Der schwer kranke Papst erlag seinen Leiden um 21.37 Uhr in den päpstlichen Gemächern im Vatikan. Nach den Worten von Vatikansprecher Joaquín Navarro-Valls starb er im Beisein seiner engsten Vertrauten. Diese hätten noch eineinhalb Stunden vor dem Tod eine Messe am Sterbebett gelesen. Dann habe der Papst nochmals die Sterbesakramente erhalten.
Frühestens morgen wird erstmals die Kardinals-Kongregation zusammentreten, die die römisch-katholische Kirche in der Übergangsphase provisorisch leitet. Die Kongregation hat unter anderem zu bestimmen, wann der Papst beerdigt wird. Dies werde vermutlich nicht vor Donnerstag geschehen, hieß es. Bis zu zwei Millionen Menschen werden zu den Trauerfeiern erwartet.
Die Wahl eines Nachfolgers im Konklave soll 15 bis 20 Tage nach dem Ableben des alten Pontifex beginnen, der die Weltkirche in das dritte Jahrtausend geführt hatte.