Verkehr Tickende Zeitbombe San Bernardino
Lostallo - Auf der San-Bernardino-Route kam es seit der Sperrung des Gotthard-Tunnels vor einer Woche bereits zu mehreren schweren Unfällen. Die Folge war jedes Mal ein Verkehrschaos auf den Anfahrtswegen. Parkplätze im Tessin oder im Rheintal sind mit Lkw voll gestellt.
Erst am Mittwochabend war ein Lkw in Brand geraten. Der in Richtung Bellinzona fahrende Sattelschlepper hatte in der Region von Lostallo nach einer Reifenpanne Feuer gefangen. Aus den geladenen Autobatterien floss stark ätzende Schwefelsäure auf die Fahrbahn. Die Bergung machte erhebliche Probleme. Zum starken Verkehr auf den Schweizer Straßen trug auch der Feiertag Allerheiligen bei, weil in Italien keine Lkw abgefertigt wurden.
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Fachleute gaben inzwischen zu bedenken, die Bernadino-Route sei zu einer der gefährlichsten Strecken Europas geworden. Die nur zweispurige Röhre sei dem neuen Verkehrsansturm nicht gewachsen. Seit dem Unglück im Gotthard am Mittwoch vor einer Woche hat sich der Schwerverkehr durch das 34 Jahre alte und 6,6 Kilometer lange Bauwerk versiebenfacht. Bisher fuhren 2,2 Millionen Fahrzeuge im Jahr durch den Tunnel, ein Fünftel davon waren Lkw.
Der Tunnel verfügt über keinen Sicherheitsstollen. Die Polizei stellte fest, dass die Sicherheitsabstände und die Geschwindigkeitsbeschränkungen kaum eingehalten würden. Die Lkw-Fahrer stünden durch die Umleitungen unter enormem Zeitdruck. Der ADAC hatte den Tunnel als "mangelhaft" eingestuft. Die Schweizer Regierung erwägt nun, den San Bernadino nur für den Verkehr innerhalb der Schweiz offen zu halten.
Die eigentlichen Bergungsarbeiten im Gotthard bleiben nach Angaben der Behörden mindestens bis zum Wochenende unterbrochen. Man wolle sichergehen, dass keine Gefahr für die Bergungskräfte bestehe, sagte der Kommandant der Chemiewehr des Kantons Uri, Benno Bühlmann, der Zeitung "Blick". Es seien Reifen, Plastik und Autolacke verbrannt. Vom Ergebnis chemischer Untersuchungen hänge ab, welche Schutzkleidung die Rettungskräfte tragen müssten.
Die Zahl der offiziell bekannt gegebenen Todesopfer am Gotthard liegt unverändert bei elf. Neun Menschen wurden noch vermisst. Unklar ist weiterhin das Schicksal des 45-jährigen türkischen Unglücksfahrers. An seinem Lastwagen war am Mittwoch vergangener Woche vermutlich ein Reifen geplatzt, so dass er in den Gegenverkehr schleuderte, wo er mit einem anderen Lkw zusammenprallte. Es wird nicht ausgeschlossen, dass der Mann, ebenso wie der Fahrer des anderen Unfall-Lkw noch aussteigen konnte. Spekulationen über eine Flucht des Mannes, dessen belgische Firma keine Transportlizenz besaß, hielten sich aber auch am Donnerstag hartnäckig.