Vermisstensuche Hilfszentrale im Wohnzimmer
Duisburg - Erst spät begriff Dagmar Sall-May das Ausmaß der Katastrophe. Am dritten Tag nach dem Weihnachtsbeben sah sie bis tief in die Nacht fern, und die Bilder der immer zahlreicher werdenden privaten Videoaufnahmen ließen sie nicht mehr los. "Fürchterlich geheult" habe sie, sagt die 44-jährige Programmiererin.
Dann schritt sie zur Tat: Morgens um halb fünf stand sie auf und begann zu programmieren. "Alle Infos im Internet waren so versprengt", erzählt sie. "Da habe ich mir gedacht: Du kannst helfen". Wenige Stunden später ging die erste Seite des Portals www.fluthilfe-deutschland.de online.
Die Hilfszentrale befindet sich im Erdgeschoss eines Reihenhauses im grünen Duisburger Süden. Aus dem Terrassenfenster blickt man auf einen Gartenteich. Hier arbeitet Sall-May normalerweise an Internetauftritten für mittelständische Firmen. Jetzt ist das halbe Dutzend Rechner ausschließlich der Fluthilfe gewidmet.
Serverkapazität und Datenbanksoftware wurden von Internet-Firmen gespendet. Nur die Deutsche Telekom hat noch nicht reagiert, deshalb fehlen kostenlose Telefon-Hotlines. Gestern kamen RTL, Sat.1 und verschiedene Radiosender zu Besuch. Daraufhin vervielfachte sich der Verkehr auf 500.000 User am Tag.
"Sie hat ein Helfer-Syndrom"
Das Portal ist schlicht gehalten. Angehörige oder Freunde von Vermissten können ihre Vermisstenanzeige aufgeben, es gibt einen Live Chat und eine Linkliste. Das thailändische Tsunami Information Center hat seine Listen eingestellt, auch das Bundeskriminalamt (BKA) guckt laut Sall-May regelmäßig auf die Seite.
Zusammen mit ihrem Mann Thomas May und einer Handvoll ehrenamtlicher Helfer versucht sie, die Listen der Vermissten, Toten und Gefundenen auf dem neuesten Stand zu halten - angesichts der Informationsflut eine Mammutaufgabe, die wohl nie wirklich gelingen wird. Doch es ist ein Anlaufpunkt, und die vielen Telefonate mit Betroffenen geben Sall-May den Eindruck, tatsächlich zu helfen.
Es ist kein Zufall, dass das Portal in Sall-Mays Kopf entstanden ist. In Duisburg ist die Dampfplaudererin und Kettenraucherin ein Begriff. "Sie hat ein Helfer-Syndrom", sagt ein guter Freund. "Wenn ich emotional von etwas betroffen bin, dann muss ich was machen", erklärt Sall-May. "Ich bin nicht der Typ, der wegguckt."
Egal, ob Skinheads in der Kneipe SA-Lieder singen, die Twin Towers in New York einstürzen oder gegen Hartz IV protestiert werden soll: Die ehemalige Konzertmanagerin und Bekannte der Kelly Family äußert Betroffenheit, organisiert Lichterketten und Mahnwachen. In den Duisburger Lokalredaktionen fällt das Urteil über Sall-May weniger vorteilhaft aus. Hier gilt sie als Publicity-versessen.
Riesige Spendenbereitschaft
Sall-Mays Aktionen sind in der Stadt berüchtigt. Im März etwa saß sie zwei Wochen lang bei Eiseskälte mit einem Pappschild um den Hals vor ihrer Bank, um gegen die neuen Kreditvergaberegeln (Basel II) zu protestieren. Damals war sie noch in der FDP. Andere kleine Unternehmer schlossen sich ihr an. Am Ende entstand daraus die Partei Aufbruch Mittelstand, die kurzfristig bei den Kommunalwahlen im Oktober antrat und trotz Minimalwahlkampf einen Sitz im Stadtrat errang. Ratsfrau, logisch, wurde die Parteivorsitzende Sall-May. Nächstes Ziel ist die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai.
Der damalige Wahlkampfslogan "Gemeinsam, nicht einsam" ist jetzt das Motto der Fluthilfe-Aktion. Damit erregt die gebürtige Duisburgerin zum ersten Mal auch überregionale Aufmerksamkeit. Am Dienstag unterbricht sie kurz ihre Arbeit am Computer, um sich im Nebenzimmer auf n-tv zu begutachten. "Oh, wie ich wieder aussehe", sagt sie. Die Ringe unter den Augen sind Folge der Übernächtigung. Seit das Portal online ging, hat sie kaum geschlafen.
Während ihr Mann ins Bett geht, wacht sie vor dem Bildschirm. Wobei sie auch sonst nur vier Stunden pro Nacht schläft, erzählt sie. Anders könnte sie ihr Pensum kaum bewältigen: Neben ihrem Ratsmandat und ihrem Aktivismus hat sie schließlich auch noch Kunden zu betreuen. Heute morgen hat sich schon einer beschwert. Mit dem Hinweis auf die Fluthilfe ließ er sich jedoch vertrösten.
Ihr sechs Jahre jüngerer Mann erträgt die Hektik, die sie verbreitet, mit Gleichmut. Erst war er, wie häufig, skeptisch gegenüber der Fluthilfe-Idee, doch jetzt ist er voll eingespannt. Er ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Menschen. Neben der Vermisstensuche hat das Ehepaar auch tonnenweise Spenden gesammelt, die derzeit zwischengelagert sind. Die Fluggesellschaften haben vorerst alle Hilfsflüge gestoppt, weil die Spenden überhand nehmen. Doch ein Doktor mit Kontakten nach Thailand hat sich angeboten, eine Maschine zu organisieren und die Hilfsgüterverteilung vor Ort zu organisieren.
Im Moment übersetzt Sall-May die Seite auf Englisch. Auch sollen die Listen übersichtlicher strukturiert werden. "Das Portal soll langfristig im Netz bleiben", verspricht ihr Mann. Oder so lange sie es sich finanziell leisten können, ihre Tage mit ehrenamtlicher Arbeit zu verbringen. Doch das scheint Sall-May weniger zu bekümmern. "Die Firma wird überleben", lacht sie. "Ich mache mir mehr Sorgen um meinen Haushalt".