Verpasstes WM-Finale Portugal trauert
Lissabon - Die letzten Kommentare zu Portugals Ausscheiden flimmerten noch über die Fernsehschirme, doch die Angestellten des Straßencafés im Park der Nationen fegten schon zwischen den Stühlen. Die Begeisterung war schnell verflogen in Lissabon, Tränen flossen, die Menschenmenge verflüchtigte sich schnell. Zehntausende hatten das Spiel zuvor gebannt auf Großleinwänden verfolgt, doch viele von ihnen waren nun schon wieder auf dem Heimweg.
Nur vor einem Karaoke-Lokal tanzten noch Fans mit Schals in den Landesfarben. Sie bewegten sich zu südamerikanischen Rhythmen, stimmten aber "Portugal, Portugal"- Sprechchöre an, sobald sich Fernsehkameras auf sie richteten.
Es sollte wieder einmal nicht sein. Dabei wären selbst Portugals Staatsdiener gut auf eine Feier nach einem Sieg gegen Frankreich vorbereitet gewesen. Just für den Tag nach dem Spiel hatten die sonst miteinander rivalisierenden Gewerkschaften für den öffentlichen Dienst in seltener Eintracht zum Streik aufgerufen.
Der Präsident der Stiftung für Kardiologie hatte den Portugiesen vor dem großen Spiel gar eine gewisse Zurückhaltung empfohlen - zur Sicherheit. Seine Landsleute müssten das Ergebnis akzeptieren können und sollten das Spiel möglichst ohne Alkohol und Qualm verfolgen. Doch einen Tag nachdem unzählige Menschen Fahnen schwenkend und jubelnd durch die Straßen gezogen waren, herrscht in Lissabon geradezu gespenstische Normalität.
"Bravo, Portugal" titelt eine portugiesische Tageszeitung nach der Halbfinal-Niederlage gegen Frankreich. Nach der übereinstimmenden Ansicht der Kommentatoren in den Medien wie auch der Anhänger auf den Straßen hatte sich die Nationalelf überaus wacker gehalten. Um so größer war die Enttäuschung über das 0:1. Hinzu kam der Groll mancher Fans, die sich um einen Elfmeter nach einem angeblichen Foul an Jungstar Cristiano Ronaldo geprellt fühlten.
Die Aussicht für Portugal, im Spiel gegen Deutschland noch den dritten Platz erreichen zu können, so wie bei der WM von 1966 in England die damalige Nationalelf mit der Fußballlegende Eusébio, ist offenbar ein schwacher Trost. Anders als nach den voran gegangenen Siegen bei dieser WM gab es nun also keine hoffnungslos verstopften Straßen mit hupenden Autos, fahneschwenkenden Fans und ohrenbetäubendem Lärm.
Am Morgen des Spieltages hatte an den Flughäfen von Lissabon und Porto noch ein kräftiger Andrang von rotgrünen Fans geherrscht, die nach München fliegen wollten, um ihre Mannschaft anzufeuern. Am späten Nachmittag erlebte Lissabon sogar eine vorgezogene Hauptverkehrszeit. "Niemand will bei Anpfiff des Spiels noch im Stau stehen", so ein Taxifahrer.
"Selbst wenn wir verlieren, haben wir schon alles gewonnen", hatte die Tageszeitung "Público" am Tag des Spiels getitelt. Für Portugal ist dies die vierte WM-Teilnahme, und erst zum zweiten Mal kam die Nationalelf über die Gruppenspiele hinaus.
Was hätte ein Sieg für Portugal bedeutet? Finanzminister Fernando Teixeira dos Santos erwartete realistischerweise keine Lösungen für die schweren wirtschaftlichen Probleme des Landes, hoffte jedoch auf Impulse gegen einen verbreiteten Pessimismus. Wirtschaft und Politik war WM-bedingt bis jetzt freilich Nebensaison. Am Freitag letzter Woche hatte Regierungschef Sócrates etwa die Ablösung der Minister für Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung bekannt gegeben. In den Medien ging der Wechsel im Kabinett angesichts der Spannung vor dem Viertelfinalspiel Portugal gegen England fast unter.
"Für dieses Volk, das sonst so wenig Grund zur Freude hat, wäre ein Sieg in der Weltmeisterschaft eine große Freude gewesen", sagte eine 67-jährige pensionierte Sekretärin in Lissabon. An der Dauerkrise im Land hätte sich nach ihrer Ansicht nach freilich nichts verändert. "Dieses Land hofft ständig auf einen Dom Sebastião, und das war jetzt Scolari", so die Rentnerin. Sie erinnerte so an den Mythos um den jungen portugiesischen König, der 1578 auf dem Schlachtfeld in Marokko verschollen ging, an einem nebeligen Morgen aber auf einem weißen Pferd zurück kehren soll, um Portugal zu erlösen.
Schon mit dem Einzug ins Halbfinale sei die Rentnerin zufrieden gewesen. Aber sie glaube nicht, dass die Mehrheit ihrer Landsleute ähnlich denkt: "Für sie gibt es nur Euphorie und Depression, dazwischen nichts."
Entgegen einer gängigen Vorstellung scheint sich allerdings in Portugal nicht alles um den Fußball zu drehen. Obwohl der private Fernsehsender SIC im Juni die Spiele der portugiesischen Nationalmannschaft ausstrahlte, lagen seine Einschaltquoten insgesamt noch knapp unter denen des Konkurrenten TVI, jenes Senders, der das Publikum ebenfalls mit kleineren und größeren Dramen unterhält. Sein Spezialgebiet sind poppige Jugendserien und "Telenovelas" um Eifersucht und Herzschmerz.