Verzweifelter Brief Werner Wallert fleht um Freilassung seiner Frau
Jolo - In einem verzweifelten Brief hat der Göttinger Werner Wallert um die Freilassung seiner kranken Frau Renate aus der seit elf Wochen andauernden Geiselhaft auf der philippinischen Insel Jolo gebeten. In dem Schreiben an den philippinischen Präsidenten Joseph Estrada, dessen Inhalt am Sonntag bekannt wurde, bittet der 57-Jährige, die Lösegeldforderungen der Entführer zu erfüllen.
Diese verlangen für die Freilassung von Renate Wallert 40 Millionen Pesos (rund 2,05 Millionen Mark). "Ich flehe Sie an, alles zu tun, damit meine Frau - und wenn möglich, auch ich - bald frei gelassen werden", schrieb Wallert. Am Samstag war der Göttinger nach der Geburtstagsfeier für seinen Sohn Marc zusammengebrochen.
In dem Brief hieß es weiter: "Wir beide sind 56 und 57 Jahre alt und leiden extrem unter den Bedingungen unserer Gefangenschaft." Der Erdkundelehrer appellierte an den philippinischen Präsidenten, die Lösegeldsumme aus "Gründen der Menschlichkeit" zu akzeptieren.
Die Regierung in Manila lehnt es bislang strikt ab, auf die Lösegeldforderungen der Moslemgruppe Abu Sayyaf einzugehen. Der Brief, der auch von zwei Mitgliedern der Abu Sayyaf unterschrieben war, wurde Reportern einer örtlichen Fernsehstation übergeben. Die Abu Sayyaf hatte am Ostersonntag außer der Familie Wallert auch 18 weitere Menschen vom malaysischen Taucherparadies Sipadan entführt.
Nach Angaben der Ärztin Ramla Jailani, die am Sonntag zu den Geiseln gelassen wurde, wirkte das Ehepaar Wallert ausgezehrt, schwach und gealtert. Renate Wallert leide zudem unter Beklemmungszuständen; sie sei nicht in der Lage gewesen, ohne fremde Hilfe zu laufen und habe während der gesamten Untersuchung geweint.
Bei ihrem Mann diagnostizierte Jailani niedrigen Blutdruck, konnte aber keine Anzeichen für eine Herzattacke finden. In einem Brief baten die Entführten um Schlaftabletten, Grippemedikamente, Hustentropfen und mehr Lebensmittel, unter anderem Tunfisch, Käse, Tomaten und Spaghetti.
Am Samstag hatten die Entführer zehn Geiseln für zwei Stunden erlaubt, den Geburtstag von Marc Wallert zu feiern. "Ich wünsche uns Freiheit", sagte der 25-Jährige, nachdem er die Kerzen der Geburtstagstorte ausgeblasen hatte. Diese wurde ihm vom Regierungschef der Provinz Sulu, Abdusakur Tan, in das Dschungellager auf der Insel Jolo geschickt.
Der Chefunterhändler der philippinischen Regierung, Robert Aventajado, sagte am Sonntag, er rechne mit der baldigen Freilassung einiger Geiseln. Einzelheiten nannte er jedoch nicht. Seinen Angaben zufolge stehen drei Verhandlungsteams mit den Entführern in Kontakt. Er erwarte, dass diese bald Erfolge erzielen würden.
Unterdessen sind drei französische Journalisten von islamischen Extremisten auf Jolo entführt worden. Nach Angaben der philippinischen Polizei handelt es sich bei den neuen Geiseln um ein Team des französischen Fernsehsenders TV 2, die von Rebellen der Gruppe Abu Sayyaf in dem Dorf Samak entführt wurden.
Seit einer Woche ist auch SPIEGEL-Redakteur Andreas Lorenz in der Gewalt von Guerilleros auf Jolo. Offenbar war er einer Abu-Sayyaf-Splittergruppe in die Hände gefallen.