WM-BÖRSE Virtueller Strohmann
Es macht Spaß, Millionär zu sein. Ich kann es beurteilen, denn seit kurzem habe ich gut 6,4 Millionen auf dem Konto. Das alles mit ein paar Maus-Klicks, durch geschickten Handel im Internet.
In einem Crashkurs habe ich es zum Börsenexperten gebracht und dank meiner Fähigkeiten (und etwas kleinkrimineller Energie) sogar ein T-Shirt gewonnen.
Leider aber ist mein Reichtum rein virtuell - wie die Börse, an der ich ihn gescheffelt habe. Alles nur Bits und Bytes aus dem Internet. Echt ist nur das T-Shirt - und ganz fürchterlich real ist auch meine Telefonrechnung für Hunderte von Einwahlversuchen ins Netz.
Rund 50 000 Internet-Nutzer haben an der Fußballbörse während der Weltmeisterschaft mitgezockt - ein vergleichbares Ereignis hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Hinzu kommt, daß die Spekulationsspielwiese nicht dem sinnlosen Bereichern, sondern hehren akademischen Zwecken diente. Wirtschaftswissenschaftler der Uni Witten/Herdecke wollen den virtuellen Handel mit dem an realen Börsen vergleichen und daraus ihre Schlüsse ziehen. Dank der riesigen Teilnehmerzahl sind nun genügend Daten für eine ganze Armada von Doktoranden zusammen.
Jeder Teilnehmer bekam beim Einstieg hundert »Aktien« von jeder der 32 Nationalmannschaften. Nun mußte gehandelt werden. Für einen Sieg winkte eine Dividende, ausgezahlt in der Währung WM. Damit war klar: Die potentiellen Nieten wie Tunesien, Japan oder Saudi-Arabien blieben billig, die Favoriten wurden teuer.
Am ersten Tag bewegte ich mich auf dem Börsenparkett wie Andy Möller auf dem Spielfeld, also nach dem Prinzip Angsthase. Die Favoriten Brasilien, Frankreich, Italien lagen bei etwa 1800 WM, Bertis Rentnertruppe wurde sogar noch etwas höher gehandelt. Iran und andere Exoten krebsten bei 200 bis 300.
Ich verkaufte erst mal 100 Saudi-Arabien-Aktien zum Kurs von 230 WM. Das schien mir ungeheuer klug, denn die Mannschaft hätte zweimal gewinnen und ein Unentschieden erreichen müssen, um diesen Wert tatsächlich zu bekommen. Das war unwahrscheinlich, also weg damit.
Eine Stunde später stand die Aktie bei 305. Ich begann, das Wesen der Börse zu begreifen. Die Preise von Aktien bemessen sich offenkundig nicht nach dem tatsächlichen Wert der Firmen, sondern nach den Erwartungen der Händler. Und die Erwartungen richten sich auf mögliche künftige Kurssteigerungen, weniger auf realistische Einschätzungen. Wenn nur genügend Leute glauben, der Kurs sei zwar überhöht, werde aber trotzdem weitersteigen, dann steigt er auch. Ich kaufte meine hundert Saudi-Arabien teuer zurück.
Eines der Ziele der Wissenschaftler in Witten/Herdecke war es, herausfinden, ob an der Börse sogenannte Spekulationsblasen entstehen, Aktien also jenseits des gesunden Menschenverstands gehandelt werden. Das dürfte nunmehr als hinreichend bewiesen gelten, schließlich saß ich mit meinem Saudi-Arabien-Paket mittendrin in so einer Blase.
Aus technischer Sicht war die Börse ein kleines Wunderwerk. Computerfirmen und das ZDF sponserten einen gewaltigen Rechner, der mit 4 Prozessoren und 1,75 Gigabyte RAM Speicherkapazität ausgestattet war. Das ist immens viel. Normale Heim-PCs müßten ihre gesamte Festplatte vollschreiben, um sich so viele Daten zu merken, wie der Börsenrechner sozusagen im Kopf behalten kann.
Beim virtuellen Handel merkten die Wissenschaftler schnell, welche Typen von Anlegern es gibt und wie die Anfänger aus ihren Fehlern lernen. Fußballexperten kaufen Favoriten und freuen sich am stetigen Wachstum ihres Depots - große Kurssprünge sind da nicht zu erwarten. Börsenexperten geht es vor allem darum, Umsätze zu machen, mit welcher Aktie ist ihnen egal. Die Anfänger tun es ihnen nach, nur eben später und mit weniger Gewinn.
Nach acht Tagen kaufte auch ich jede Aktie, immer die Favoriten der Spiele von übermorgen. Die meisten Mitspieler orderten erst später - und ich stieß mein Paket mit Gewinn wieder ab. In der Spielerrangliste rückte ich vor auf Platz 800.
Manche waren gerissener als ich. In der ersten Woche wurde eine Frau Tagessiegerin: Sie hatte den besten Depotzuwachs von allen. Tags darauf wurde sie disqualifiziert wegen massiver Manipulationen mit der Japan-Aktie. Sie hatte mit den E-Mail-Adressen erfundener Leute gezockt.
Die Idee war verlockend: Ich mußte nur mit besser getarnten virtuellen Strohmännern arbeiten. Sie sollten für mich durch Massenkäufe den Kurs einer Aktie in die Höhe treiben. Schnell fand ich einen Kollegen, der für mich seinen guten Namen hergab. Gemeinsam kauften wir mit all unserem Geld Iran. Der lag bei 263 und stieg auch prompt ein paar Punkte an.
Jetzt war die Gier erwacht, jede Hemmung dahin. Wir brauchten noch viel mehr Strohmänner. Mit frei erfundenen Namen und immer neuen E-Mail-Adressen meldeten wir uns nochmals beim WM-Spiel an. Die Neuen waren merkwürdigerweise ausschließlich an Iran-Aktien interessiert. Andere Teilnehmer stiegen in den Boom ein, der Kurs kletterte auf 480.
Leider kann man während der Arbeitszeit nicht unbegrenzt spielen. So verpaßten wir den Zeitpunkt zum Ausstieg. Plötzlich kostete Iran nur noch 374. Wir verkauften in Panik. Dennoch: Wir hatten einen hübschen Schnitt gemacht, in der Rangliste stand ich auf Platz 570. Begeistert rief der Kollege an: »Jetzt alles auf Jamaika!«
Doch die karibische Aktie war ein Totalausfall. Offenbar hatten zu viele Mitspieler beschlossen, dieses überbewertete Luschen-Team zu verkaufen. Wir kauften und kauften, aber der Kurs war wie festbetoniert. Auch drei eilig herbeigeschaffte neue Strohmänner ruinierten ihr Depot mit Jamaika, ohne daß es half. Ich verkaufte ohne Gewinn und setzte solide auf Dänemark. Der Kollege wettete alles auf Marokko und war nach der Vorrunde pleite.
In Spitzenzeiten wollten 1800 Teilnehmer zur gleichen Sekunde ihre Orders abwickeln. Die Börsenleitung sorgte nun dafür, daß man nach einer Order bis zu fünf Minuten warten mußte, bevor man weiter handeln konnte. Das erwies sich als böse Falle, insbesondere bei den Spielen der Holländer. Die hatten sich ja darauf spezialisiert, immer erst in der letzten Minute das entscheidende Tor zu schießen. Wer zu dem Zeitpunkt die gegnerische Mannschaft gekauft hatte, mußte tatenlos zusehen, wie die vermeintliche Siegeraktie ins Bodenlose stürzte.
Mit den Achtelfinals waren die Zeiten wildester Spekulationen vorbei, die Gewinnspannen wurden kleiner. Am Freitag vor dem Finale spekulierten der einzige treue Strohmann, dessen Depot ich noch nicht ruiniert hatte, und ich ein bißchen mit Kroatien. Die Aktie bewegte sich minimal, aber bei ein paar tausend Stück in meinem Depot machte sich das bemerkbar. Ich war unter den drei Tagesbesten und bekam ein T-Shirt geschenkt.
Vor dem Endspiel orderte ich dann haufenweise Frankreich. Ich glaubte zwar nicht, daß die Blauen Weltmeister würden. Aber die Brasilien-Aktie hatte ihren Maximalwert bereits erreicht: Mehr als sie jetzt kostete, konnte sie, alle Dividenden zusammengenommen, nicht mehr abwerfen.
Bei Frankreich aber war nach oben noch Luft, »da ist Phantasie drin«, wie wir Börsianer sagen. Nach dem Zidane-Kopfball zum 1:0 für Frankreich stieg die Aktie tatsächlich, und ich warf mein Paket freudig und zu früh auf den Markt. Das brachte mir in der Schlußabrechnung Platz 162.
Hätte ich die Aktie behalten, so hätte ich dank der ausgezahlten Dividenden noch mehr verdient und wäre womöglich sogar unter die besten Hundert gekommen. So wie mein erfundener Strohmann. Der endete auf Platz 96.