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Volle Deckung

Ortstermin: Der Satiriker Wiglaf Droste beschimpfte deutsche Soldaten. Jetzt durften die Krieger zurückschimpfen.
• aus DER SPIEGEL 51/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Soldat ist: ja was? Ein Faxgerät, eine Schnabeltasse, eine Käsesocke, ein Mörder, ein Elektriker aus Coesfeld, ein Waschbrettkopf? Der Schriftsteller Wiglaf Droste, 43, schlägt diese Definitionen vor, er weiß auch nicht genau, was ein Soldat ist. Doch er weiß: Soldaten sind böse. Soldaten wurden zum Kriegführen erfunden, für den Krieg vermieten sie ihr Leben, im Krieg werden sie zu Zinksarg-Füllmasse, aber bevor sie sterben, foltern sie. Weil Soldaten in jedem Krieg foltern. Die Bundeswehr an und für sich ist eben dies: Folter.

Das alles weiß Wiglaf Droste, das alles schreibt er, und gleich wird er es erzählen; das weiß Ulf Papenfuß, 25, Leutnant der Feld- jäger, und der will den Streit. Leutnant Papenfuß wünscht sich einen Dialog, er möchte Wiglaf Droste dazu bringen, nicht nur zu zerstören, sondern Lösungen zu benennen. Wiglaf Droste bekommt 856 Euro inklusive Mehrwertsteuer für seine Lesung beim Bund.

Die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg-Jenfeld wurde gegründet, um Offizieren »Bildung durch Wissenschaft für das 21. Jahrhundert zu vermitteln«. Der Senatssaal der Helmut-Schmidt-Universität, rot der Teppich und schwarz die Stühle, ist nicht voll, 90 Menschen sind da. Einige tragen Uniform, sie wollen »ein bisschen provozieren«, sagt Melanie Riedel, Leutnant zur See, »oder reizen, vielleicht ist provozieren ein zu starkes Wort«.

Solche Skrupel hat Wiglaf Droste selten. Der kann mit Worten zaubern, er kann aber auch ganz und gar grobschlächtig sein. Man müsse die Waffen »je nach Zumutung« wählen, sagt er, also wählt er Kanonen, sobald es gegen die Bundeswehr geht. Und Leutnant Papenfuß, Sprecher des Studentischen Konvents, fühlt sich dann »persönlich natürlich angegriffen«, zum Beispiel, wenn Droste sagt, dass die Bundeswehr keine Soldaten mehr hätte, wenn Peter Struck, diese »Ein-Mann-Mundgeruch-Armee«, all jene entließe, die foltern.

Gemein? Sehr gemein.

Wiglaf Droste, »männlich, lebend« (Munzinger-Archiv), trägt Nadelstreifen und Weste, darunter ein Hemd, das eine seltsame Farbe hat, nicht ganz rosa und nicht ganz orange. Er hat kurze Haare, hohe Schläfen, weit auseinander liegende Augen. Droste ist gebürtiger Herforder, war Zivildienstleistender beim Arbeiter-Samariter-Bund in Bielefeld, und heute ist er Berliner und schreibt für die »tageszeitung« und viele Bücher. Sieben seiner Werke und seinen Laptop trägt er zum Lesetisch.

Droste erzählt vom Krieg. Einmal, 1980 beim Bundeskanzlerfest, tanzte ein Soldat die Liebste des Schülerzeitungsredakteurs Droste an, und der eifersüchtige Droste »ironisierte« den Rivalen, und deshalb schlug der Rivale beim Gang zum Klo Droste viermal mit der Faust ins Gesicht. Ein anderes Mal, bei einem Gelöbnis in Bielefeld, demonstrierte Droste mit Holzschwert und Papierhütchen, er rief »Bravo, weiter so, Bundeswehr ist prima«, aber die Bundeswehr glaubte ihm nicht. Wieder gab es Schläge; ein älterer Herr feuerte den prügelnden Feldjäger an, Opfer Droste sah hoch und erblickte seinen Onkel Hans-Jürgen. Betroffen ist sein Publikum, nun kann es den Dichter verstehen, die schwere Jugend.

Als Wiglaf Droste deutsche Soldaten 1999 für seine Verhältnisse zart, eben als »Waschbrettköpfe« bezeichnete, wurde er angezeigt (wegen Beleidigung der Bundeswehr). Das Wort »Waschbrettköpfe« war eine Erfindung Drostes, fast so hübsch wie »Mösenstövchen«, Drostes Übersetzung von »Sitzheizung« und sein Vorschlag zur Wahl des Wortes des Jahres (es siegte »Habseligkeiten"). Jedenfalls: »Waschbrettköpfe« stand nicht im Duden, war gar kein Schimpfwort, nicht offiziell, aber dem Richter war das egal. Droste wurde verurteilt zu 2100 Mark auf Bewährung.

Es begann eine dieser seit Tucholsky wiederkehrenden Debatten darüber, was Satire über das Militär sagen darf und was nicht, und Droste wurde beinahe berühmt. Und jetzt liest er. Über Johannes Rau, den Beweis dafür, »dass Weißbrote sprechen können«. Über Handwerker, Zugschaffner, Brandenburg und Soldaten. Den Schaffner mag er sehr, alle anderen weniger.

Die Soldaten haben sich vorbereitet. Aber sie fragen nach Kochbüchern, sie sind höflich, sie scheuen das Gefecht. Nur Leutnant Papenfuß traut sich und fragt nach Drostes Verantwortung. Und Droste sagt, dass er Leutnant Papenfuß durchaus sehr nett finde, dass sich jedoch »ehrliche Überzeugung und eine zugespitzte literarische Form« nicht ausschlössen. Er sagt, dass er »Elfmeter, die hingelegt werden«, so etwas wie den Folterskandal, natürlich reinschießen müsse. Er will keine Lösungen anbieten. »Die Aufgabe der Kritik ist die Kritik«, sagt er, und auf die Frage »Wo bleibt das Positive?« könne er nur antworten: »Ja, wo bleibt es denn?«

Es ist Nikolaus. Man kichert, man klatscht. Vielleicht möchte eine Bundeswehr, die solche Gäste einlädt, eine Kuschelarmee werden. Ein Masochistenheer? Droste weiß übrigens doch, was Soldaten sind, nämlich: »Sportler. Fairplay ist ihr höchstes Gut, auch beim Umbringen.« Aber das schreibt er nur, das sagt er nicht. KLAUS BRINKBÄUMER

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