Familienalbum, 1956 »Der Literpreis wurde ungefähr einmal im Jahr verändert«
Auf dem Foto sieht man mich im Alter von fünf Jahren vor einer Super-Zapfsäule an der Tankstelle meiner Eltern. Wenn mich nicht alles täuscht, war es der Winter 1956/57. Die Tankstelle stand in Westkirchen, einem Dorf im Münsterland.
Der Klassensprecher
Mit seiner ungewöhnlichen Art, zu den Menschen zu sprechen, ist Robert Habeck in der Krise einer der beliebtesten Politiker der Bundesregierung geworden. Ist der Wirtschaftsminister authentisch? Oder steckt eine Masche dahinter? Im Koalitionsstreit um die Gaskrise muss er seine Widersacher erst überzeugen.
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Mein Vater war Schmied und beschlug die Pferde der Bauern. Doch er wusste: Die Zeit der Pferde war vorüber. Die Zukunft gehörte dem Auto. Also baute er eine Tankstelle, Marke BP, in der Stadt verballhornt zu »bald pleite« und »Bullenpisse«. Samstags, wenn keine Schule war, musste ich mitarbeiten. Dann saß ich im Tankstellenhäuschen hinter der großen Glasscheibe, lauschte Frank Elstner auf Radio Luxemburg – und wartete stundenlang auf Kundschaft. Auf der B 475 fuhren damals nur wenige Autos. Manchmal kamen an einem Tag 20, manchmal nur 10. An der Tankstelle wurden die Autofahrer bedient: Ich musste die Wagen betanken, die Scheiben wischen, den Luftdruck prüfen. Der Tagesumsatz lag im Schnitt bei etwa 300 Litern Benzin – waren es 400, war es ein gutes Geschäft. Fuhr ein Lkw vor, war es ein Riesengeschäft. Wenn ich Glück hatte, bekam ich 20 Pfennig Trinkgeld. Den Geruch der Tankstelle werde ich nie vergessen. Eine ganz spezielle Mischung aus Benzin, Pferden, Eisen und Kohle. Heute träume ich noch manchmal davon, wie ich vergesse, die Putzeimer im Tankraum einzuschließen.
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Mein Vater interessierte sich wenig für seine Tankstelle. Meine Mutter orderte also das Benzin, besorgte das Wechselgeld, notierte den Umsatz in einem Vokabelheft. Sonntags bediente sie die Kunden. Ich sehe sie heute noch vor mir, an der Tanke mit ihrer weißen BP-Schürze voller Soßenflecken vom Kochen. Der Literpreis wurde ungefähr einmal im Jahr verändert – meistens am Neujahrstag. Dafür musste ich zusammen mit meiner Mutter die Außenverkleidung der Zapfsäulen abbauen und jeweils drei schwergängige Rädchen im Inneren drehen – eine Tortur. Die Schmerzen spüre ich bis heute. Am Ende hat sich die Tankstelle nicht gerechnet, sie wurde im Jahr 1970 aufgegeben. Heute steht sie zwar noch, wird aber nicht mehr betrieben, eine Industriebrache in Klein: abblätternde Farben, herabhängende Gardinen, besprühte Wände. Wenn ich mit meinem Auto an ihr vorbeifahre, tut mir der Anblick jedes Mal ein bisschen weh.