Voodoo im Kölner Dom - DER SPIEGEL
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UNTERHALTUNG Voodoo im Kölner Dom

Seine Romane verkaufen sich hunderttausendfach, doch ihren Autor kennt keiner - nun verfilmt RTL Helmut Rellergerds »John Sinclair«-Geschichten.
Von Jörg Böckem
• aus DER SPIEGEL 17/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sein Opel Corsa sei dunkelrot, »wie geronnenes Blut«, sagt Helmut Rellergerd. An einem Freitag im vergangenen Oktober wollte er den Wagen vor dem Kölner Dom abstellen, aber die ohnehin raren Parkplätze in dieser Gegend waren abgesperrt - wegen Dreharbeiten.

Der Unmut des 52jährigen währte nicht lange: Irgendwer erzählte ihm, daß just an diesem Tag der Geisterjäger John Sinclair im Kölner Dom die Dämonen austrieb, und das war in gewissem Sinne sein, Rellergerds, Verdienst.

Denn John Sinclair ist Rellergerds Geschöpf. Seit mehr als 20 Jahren beschreibt der in Dortmund aufgewachsene Autor unter dem Pseudonym Jason Dark die Abenteuer des »Geisterjägers John Sinclair«, eines Spezialagenten von Scotland Yard, der mit seinem geweihten Silberkreuz und anderen magischen Utensilien Dämonen den Garaus macht.

Die Heftchen und Taschenbücher erscheinen im Bastei-Lübbe-Verlag. Eine der Spukgeschichten wurde jetzt von RTL verfilmt. »Die Dämonenhochzeit« heißt der am vorvergangenen Sonntag ausgestrahlte Pilotfilm, in dem Oberinspektor Sinclair eine Kölner Studentin vor den Mächten des Bösen rettet; mindestens zwei weitere »John Sinclair«-Filme sind geplant.

Stoff gibt es genug: Genau 193 Taschenbücher und fast 1000 Heftromane hat Rellergerd verfaßt, die Gesamtauflage seiner Werke liegt bei rund 200 Millionen. Der große, schlaksige Mann, der seinen Rücken immer ein wenig krümmt, als sei ihm seine hochaufragende Gestalt peinlich, ist der vermutlich erfolgreichste Schriftsteller Deutschlands - und einer der unbekanntesten.

Was in den USA unter der Bezeichnung »Pulp« mittlerweile als Phänomen der Popkultur Respekt genießt, wird hierzulande immer noch gern als Groschenroman denunziert; die meisten Literaturkritiker würden vermutlich eher ihre Lesebrille in die Müllpresse werfen als sich ernsthaft mit Rellergerds Romanen beschäftigen.

Rellergerd bewohnt ein nettes Einfamilienhaus in Bergisch Gladbach, seine Schriftstellerarbeit tut er in einem mickrigen Büro des Bastei-Verlags. Manchmal bedauere er, daß ihn sein Erfolg nicht prominent gemacht habe oder so reich wie zum Beispiel Konsalik, sagt er, »aber wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich den großen Ruhm und Rummel gar nicht«.

Rellergerd, Kind einer Arbeiterfamilie, schreibt seine »John Sinclair«-Storys ganz allein; vergleichbare Reihen wie »Perry Rhodan« werden dagegen von einem ganzen Autorenkollektiv betreut. 30 bis 40 Seiten sind das durchschnittliche Tagespensum, das der Autor an seiner dreieinhalb Jahrzehnte alten Olympia-Schreibmaschine schafft; »meistens«, sagt er, »schreibe ich einfach drauflos, ohne mir vorher eine Struktur zu überlegen.«

Anregungen für seine Geschichten holt sich Rellergerd aus historischen oder mythologischen Sachbüchern, aber auch aus der Tagespresse. Atlantis kommt in seinen Romanen ebenso vor wie die Ölbohrinsel Brent Spar, »und dort, wo ich Urlaub mache, erlebt John Sinclair später Abenteuer«.

Dieser Sinclair ist eine Art keuscher James Bond. »Es gibt keinen Sex und kein Gemetzel, bei dem Gedärm aus zerfetzten Körpern quillt«, sagt Rellergerd. »John Sinclair ist sanfter Horror, der auf Friedhöfen bei Nacht spielt, wo ein Schrei aus dem Dunkeln dringt; oder von einer unheimlichen Gestalt handelt, die aus dem Zwielicht auftaucht.«

Der Stoff also, den die RTL-Redakteure ihren Zuschauern zur besten Sendezeit vorsetzen können, zu der schauderhafte Gemetzel sich verbieten.

Angebote für eine TV-Version seiner Storys hatte Rellergerd zuvor jahrelang abgelehnt, doch als ihm die holländische Produktionsfirma Endemol versprach, sich bei der Figur des Geisterjägers an seine Vorstellungen zu halten, stimmte der Autor schließlich zu.

»Die Dämonenhochzeit« basiert auf Rellergerds Roman »Der Voodoo-Mörder«. Die Computer-Animationstricks des außergewöhnlich aufwendigen Fernsehfilms besorgte ein Team, das auch an Roland Emmerichs Kino-Erfolg »Independence Day« mitwirkte. Statt ganze Städte von Außerirdischen in Schutt und Asche zu legen, mußten sich die Trickser diesmal allerdings mit der Sprengung des Kölner Doms begnügen.

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