EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Vorsicht, Tiefflieger
Es ist zehn Uhr, als das Klingeln des Telefons Dave Flood weckt. Flood könnte sich umdrehen, das Kissen über den Kopf ziehen und es klingeln lassen. Es ist ja nur ein Anruf. Und die Nacht war kurz.
Aber vielleicht ist es der Anruf, auf den Flood seit langem wartet.
Er fingert nach dem Hörer, der Hörer schlägt gegen irgendetwas, Flood räuspert sich die Kehle frei: »Ja?« Eine Stimme will von ihm wissen, warum er diese Klage eingereicht habe. »Mmmmmh«, antwortet Flood. Das ist nicht der Anruf, auf den er wartet. Das ist bestenfalls ein weiterer winziger Schritt auf dem Weg zum Erfolg. Und schlimmstenfalls ist es vertane Zeit. Aber Flood hat sich im Bett aufgesetzt, er ist jetzt halbwegs wach, und was kann es schaden, wenn er seine Geschichte erzählt? Die Geschichte vom Zwerg, der berühmt werden will.
Die Geschichte beginnt an einem Mittwoch vor dem United States District Court in Tampa, Florida. Flood trifft sich vor dem Haupteingang des Gerichts mit Michael Steinberg, seinem Anwalt. Flood stellt sich auf einen Zementklotz und gibt Steinberg die Hand. Sie lassen ein Foto schießen. Flood trägt eine schwarze Mütze, ein schwarzes Hemd, eine schwarze Hose, schwarze Stiefel und eine dunkle Sonnenbrille. Er sieht gut aus, kämpferisch. Floods Anwalt trägt einen grauen Anzug und in seiner Tasche eine Klageschrift, die drei Blatt Papier füllt.
Die Klage richtet sich gegen John Ellis Bush, den Gouverneur von Florida. Das Ziel der Klage ist, Zwergen wie Flood zu erlauben, sich durch Kneipen werfen zu lassen. Seit 1989 ist das in Florida verboten. Die »Vereinigung kleiner Menschen in Amerika« hatte damals gegen das Zwergenwerfen protestiert und die Politiker auf ihre Seite gebracht. Die Begründung: Das Werfen von Zwergen verstoße gegen die Menschenwürde.
Flood kann die »Vereinigung kleiner Menschen in Amerika« nicht ausstehen. Er ist der Meinung, das Verbot des Zwergenwerfens bevormunde ihn, es beschneide seine Entscheidungsfreiheit. Floods Anwalt ist der Meinung, die Klage seines Mandanten sei albern, aber interessant, denn sie berühre den 1. Verfassungszusatz, den 14. Verfassungszusatz und den Minderheitenschutz.
Flood bekommt schlechte Laune, wenn er das Wort Minderheitenschutz hört. Nur weil sein Körper in seiner Kindheit aufgehört habe, ein Hormon zu produzieren, und sein Wachstum bei 96 Zentimetern endete, »gehöre ich zu keiner Minderheit«, sagt er. Und er brauche auch keinen Schutz. Er könne alles, was normal gewachsene Menschen auch können, und wenn er Lust habe, in einen Anzug mit Henkeln zu steigen und sich durch die Luft auf eine Matratze schmeißen zu lassen, dann habe kein Gericht der Welt das Recht, ihm das zu verbieten.
Das ist ein Teil der Geschichte.
Der andere Teil handelt von Floods Job.
Er arbeitet fürs Radio, für den Lokalsender FLZ 93.3. Dort ist Flood regelmäßig in der »Morning Show« zu hören. Die Show läuft von sechs Uhr morgens bis zehn, und Flood ist ein »Character«. Er ist eine Figur, wie »Blind Mike«, der blinde Junge, der seine Zunge unter Strom setzt, weil der Stromschlag ihn wieder sehend machen soll.
Flood ließ sich während einer Sendung den Nacken tätowieren, er machte Fitnessübungen auf einem Studiotisch, was die Hörer lustig fanden, weil Flood laut keuchte, und vor ein paar Wochen fragte der Sender seine Hörer, ob Flood rausgeschmissen werden soll. Flood hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Die Umfrage sollte die Quote der »Morning Show« in die Höhe treiben. Flood behielt seinen Job. Die Hörer mögen ihn. Flood sagt, er sei berühmt.
Und er will noch viel berühmter werden. Das ist sein Plan. Nicht nur die Hörer von FLZ 93.3 sollen ihn kennen, ganz Florida, am besten die Hörer der ganzen Vereinigten Staaten sollen Dave Flood, den Zwerg, kennen.
Jeder Anruf kann den Durchbruch bringen und das große Geld. Deswegen nahm Flood heute Morgen den Hörer ab. »Darum geht es in Wirklichkeit«, sagt Flood, »darum geht es immer, auch bei der Klage. Es geht nie um Gleichberechtigung, es geht um Werbung, um sonst nichts.«
Eine Woche später lässt sich Flood das erste Mal werfen. Von Fester, dem Redaktionsdicken. Flood trägt einen selbst gebastelten Anzug mit Haltegurten, der aussieht wie eine zu groß geratene Windel. Vor ihm liegt eine Matratze. Fester hebt Flood hoch, Flood hängt waagerecht. Fester wirft ihn. Ein Team des US-Fernsehsenders Fox nimmt alles auf.
Flood fliegt ungefähr zwei Meter weit. Es geht voran. UWE BUSE