»Voyeurismus wie im alten Rom« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 125

»Voyeurismus wie im alten Rom«

Der US-Kulturhistoriker Neal Gabler über den Reiz von »Big Brother« und den wachsenden Einfluss des Starkults auf das Privatleben
• aus DER SPIEGEL 23/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gabler, 50, wurde bekannt durch Studien zur Geschichte Hollywoods. Er arbeitet an der ersten umfassenden Biografie Walt Disneys. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Mr. Gabler, in Ihrem Buch »Das Leben, ein Film« zeigen Sie, dass viele Menschen ihren Alltag zunehmend nach Hollywood-Mustern inszenieren. Erleben wir jetzt mit »Big Brother« - eine Show dieser Art startet demnächst auch in den USA - das Gegenteil dieser Entwicklung, dass nämlich auch die Banalität des Alltags Entertainment sein kann?

Gabler: Beides kommt zusammen: Leute ahmen in ihrem Alltag Entertainment-Muster nach; gleichzeitig gibt es Elemente des normalen Lebens, die zu Entertainment verarbeitet werden. So glaubt heute jeder, sein Leben wie ein Drehbuchautor erfinden zu können.

SPIEGEL: Bei »Big Brother« gibt es keinen. Was lässt den Alltag der Eingesperrten so aufregend erscheinen?

Gabler: Es ist, als ob Sie beim Nachbarn durchs Schlüsselloch schauen. 99mal legt er nur Wäsche zusammen oder trinkt Kaffee. Aber Sie könnten ihn plötzlich nackt sehen oder ermordet - das ist enorm spannend. Die Zuschauer vergnügen sich, weil der Voyeurismus Macht schenkt. Gewissermaßen besitzen sie die Akteure. Wer nervt oder langweilt, wird eliminiert. Wie im alten Rom.

SPIEGEL: Ist das Anti-Hollywood?

Gabler: Natürlich - es gibt keine dramatische Erzählstruktur, keine charismatischen Helden. Aber via Internet kann der Zuschauer rund um die Uhr seinen eigenen Film zusammenstellen.

SPIEGEL: Was treibt Menschen dazu, sich diesem Voyeurismus auszusetzen?

Gabler: Ein US-Serienräuber wurde mal gefragt, was ihn süchtig mache, Banken zu überfallen. Er antwortete: »Weil dort das Geld liegt.« Wer sich für »Big Brother« internieren lässt, müsste analog antworten: »Weil dort der Ruhm wartet.« Jeder ist Performer. Warum nicht Geld damit verdienen? Prominent sein ist heute eine der härtesten Währungen.

SPIEGEL: Im Internet stellen auch immer mehr Leute ihr Dasein aus. Geld und Berühmtheit locken da kaum. Gibt die bloße Tatsache, gefilmt zu sein, dem Leben eine höhere Existenzberechtigung?

Gabler: Ein Guru von Microsoft hat prophezeit, dass sich irgendwann jeder von einer Digitalkamera begleiten lässt. Als Erinnerung, als Tagebuch, als Werbespot, als Bewerbung. Oder eben als Entertainment im Internet.

SPIEGEL: Dabei ist es doch uralt, die Welt als Bühne zu begreifen ...

Gabler: Ja, aber dank der elektronischen Medien sind wir heute gleichzeitig Performance-Künstler und Publikum einer nicht endenden Show, die fünf Milliarden Menschen umfasst.

SPIEGEL: Familien und Gemeinschaften, die einst Verhaltensregeln tradierten, haben darin offenbar immer weniger zu melden. Wer verhilft den Leuten noch zu persönlicher Identität?

Gabler: Berühmtheiten und Image-Berater. Hier in den USA ist zum Beispiel im Fernsehen eine gewisse Martha Stewart ein Star. Sie berät bei der Inneneinrichtung oder zeigt, wie man einen Truthahn anrichtet. Im Grunde erklärt sie bloß, wie Sie in Ihrem privaten Film Regie führen können. Prompt rennen die Leute los und kaufen ihre Kulissen einer heilen Welt. Erst daheim merken sie, dass sie kein neues Leben, sondern einen neuen Teppich gekauft haben.

SPIEGEL: Ein Anhänger der Postmoderne könnte sich bestätigt fühlen: Alle Geschichten sind gefälscht, erfunden, letztlich gleichgültig.

Gabler: Aber fragen Sie doch mal Menschen auf der Straße. Die wollen ihr Leben unbedingt als zusammenhängende Erzählung leben. Die Postmodernen irren sich. Identität ist wichtiger denn je. Nur glaube ich, wir haben den Vorgang umgedreht: Das Bild erzeugt die Wirklichkeit. So gut wie jeder schreibt hier an seinem eigenen. Und wer dürfte all den Lebensdrehbuch-Schreibern sagen: Das ist alles Einbildung? Warum sollen sie nicht ihre Phantasien leben dürfen?

INTERVIEW: THOMAS HÜETLIN,

JOHANNES SALTZWEDEL

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 125