Wachposten Weaver: "Bloß schießen konnten sie nicht" - DER SPIEGEL
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Wachposten Weaver "Bloß schießen konnten sie nicht"

27 Tage ohne Dusche, dann stand Private Weaver dort, wo sein Präsident immer schon sein wollte. Am Eingang von Saddam Husseins Präsidentenpalast. Jetzt hat er nur einen Gedanken: "Ab ins Flugzeug. Und alles vergessen."
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bagdad - Private Weaver hat eine Zigarettenschachtel dort stecken, wo sonst das Funkgerät hingehört, er sagt, er käme aus Rochester im Bundesstaat New York, und wenn er nach oben schaut, dann sieht er einen der vier ballongroßen Köpfe Saladins auf dem Dach, die aber alle Schnauzer tragen und überhaupt ziemliche Ähnlichkeit mit dem irakischen Tyrannen S.H. haben: "This Meathead", sagt Private Weaver aus Rochester, drei Kinder zuhause und eine Frau, die er seit November nicht mehr gesprochen hat.

"Seit November waren wir in Kuwait. Das Schlimmste war das Warten. Zum Schluss wollten wir nur noch, dass es endlich losgeht. Und dann gings los. Ich hatte gehofft – gehofft! –, dass die Iraker uns diesen hier machen würden" (er streckt den Daumen nach oben) "aber wir fuhren über die Grenze, und die Leute standen einfach da und starrten uns an. Erst viel später, hier in Bagdad, haben sie mal gewunken."

Vor dem Präsidentenpalast liegen plattgewalzte Munitionskisten, eine Schachtel Fullmetal-Patronen "made in Austria" – die gehörten den Palastwachen – und vertrocknete Orangen aus dem Vorgarten. Gestern sei ein Franzose gekommen, der Jacques geheissen habe, aber von Weaver nur noch Jackass gennant wird: "Der wollte von uns auf dem Gelände hier herumgefahren werden. Hey! Das waren französische Mörser, mit denen wir beschossen worden sind. Fabrikneue Dinger." Er will wissen, was die Deutschen von Rumsfeld hielten.

In den Palast mit den vier Saddam Saladins soll demnächst die neue Regierung einziehen. Er ist der einzige auf dem kleinstadtgroßen Gelände, der nicht von Raketen getroffen worden ist. Geräumt worden sind sie alle. Prunkvoll ist keiner. Kulissenarchitektur. Schnell hingezimmert und mehr dünngetünchte Prächtigkeit als wahre Pracht. Louis-XV-Stühle mit Schaumstoffpolstern. Mosaikbänder aus Plastik. Aber wer hätte bei jemandem, der anderen Leuten die Fingernägel herausreißen lässt, Geschmack erwartet?

"Ich hab so einen Palast wirklich nicht erwartet. Wenn du tagelang durch Drittweltdörfer mit Lehmhütten gefahren bist und siehst plötzlich diese geilen Paläste hier herumstehen. Neulich kam einer und sagte, er sei immer gegen uns Amerikaner gewesen. Bis er gesehen hätte, wie Saddam gelebt hat."

Weaver bekommt 400 Dollar extra. Steuerfrei. Das sei keine Menge Geld, aber bei drei Kindern schon zu merken. "Mag sein, dass die irakischen Soldaten zum Kämpfen gezwungen worden sind. Ich sage nur: Die Typen, die wir hier beim Palast gefangen genommen haben, die waren gutgenährt und hatten niemanden, der ihnen sagen musste, was zu tun war. Auch sonst. Die Offiziere hatten nagelneue Uniformen und gutes Material. Bloß schießen konnten sie nicht."

Neben einem seiner Beobachtungsposten lag ein irakischer Soldat. Tot. Es sei der schrecklichste Geruch seines Lebens gewesen. "Ich habe keine Tagebuch geführt. Ehrlich mal. Ich bin froh, wenn das Schießen und Töten vorbei ist. Vielleicht schau ich es mir zuhause in Rochester mal als Video an. Wir haben unseren Job gemacht. Okay. It’s over. Und jetzt ab nach Hause."

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