Waldbrände in Kalifornien Bei Anruf Flucht
Santa Barbara - Palmenumsäumte weiße Sandstrände, Häuser im spanischen Stil und prächtige Gärten vor spektakulärer Bergkulisse: Das ist Santa Barbara, Kalifornien. Nicht ohne Grund nennt man den Ort mit der einmaligen Lage zwischen dem Pazifik und dem Santa-Ynez-Massiv die Perle der amerikanischen Riviera.
Doch das Paradies kann sich sehr schnell in die Kulisse eines Katastrophenfilms verwandeln. Am Dienstag entwickelte sich ein durchschnittliches Buschfeuer innerhalb von 24 Stunden in eine Flammenwoge, die sich über eine Fläche von zwei Quadratkilometern erstreckte und in Richtung Innenstadt brauste.
Riesige Rauchschwaden verdunkelten den sonst blauen Himmel, starke Winde wehten Äste und Asche durch die Luft, eine Straße nach der anderen wurde von Einsatzkräften abgesperrt und zur Evakuierungszone erklärt.
"Dies ist eine Nachricht des Santa Barbara County Sheriffs Department. Sie sind hiermit aufgefordert, Ihr Haus so schnell wie möglich zu verlassen. Dies ist ein sofortiger Aufruf zur Evakuierung", so lautete die Botschaft, die Bob und Diana* hörten, als sie das Telefon am Dienstag Nachmittag abnahmen.
Der Ausnahme- als Regelfall?
Es war ein sogenannter "Reverse 911"-Anruf. Dies ist ein automatisiertes Meldesystem, das den Behörden im Notfall eine direkte Mitteilung an jede einzelne Familie im Zielgebiet ermöglicht. Es ist das modernste Kommunikationsmittel für Krisen und hat sich schon bei mehreren Großereignissen bewährt.
Innerhalb kürzester Zeit können Hunderttausende direkt benachrichtigt werden, ob auf Festnetz oder Handy. Die Evakuierung wird außerdem beschleunigt, indem einzelne Viertel zeitversetzt benachrichtigt werden, so dass der Straßenverkehr auch im Katastrophenfall weiterfließen kann.
Bob, 60, und Diana, 55, wohnen in ihrem selbstgebauten Traumhaus, hoch in den Bergen über Santa Barbara, ganz in der Nähe vom botanischen Garten. Die Aussicht über Stadt und Ozean ist atemberaubend. Doch an diesem Nachmittag haben sie nur eins im Kopf: die Flucht.
Zu schmerzhaft ist ihre Erinnerung an den letzten Brand vor gerade mal sechs Monaten. Ausgerechnet auf ihrem Grundstück schafften es die Feuerwehrleute, die Westfront des sogenannten Tea Fire aufzuhalten, aber nicht bevor die Flammen Bobs Büro zerstörten.
Er schildert die dramatischen Minuten vor der Flucht am vergangenen Dienstag: "Als wir dann auch noch ein Klopfen hörten und die Polizei vor der Tür stand, wussten wir, wie ernst die Lage war. Wir haben nur die Haustiere, die Computer und ein paar Klamotten in die Wagen geworfen. Dann waren wir weg."
Traurige Routine
In Kalifornien bringt der erste Notruf ein festgelegtes Szenario in Gang. Für den Fall, dass sich eine größere Katastrophe anbahnt, setzt der sogenannte Master Mutual Plan des Bundesstaates Kalifornien ein. Dies ist ein Abkommen zwischen Behörden auf allen Regierungsebenen und regelt Ablauf und Zuständigkeiten bei Großeinsätzen.
Im Katastrophenfall werden so lange Helfer auch aus weiter entfernten Regionen eingesetzt, bis die Situation unter Kontrolle ist. Seit 1950 besteht die Grundlage für diese Art Organisation von Großeinsätzen.
"Nicht nur der Einsatz, auch die Logistik für eine solche Aktion ist beachtlich", erklärt Hank Homburg vom Santa Barbara City Fire Department. "Das fängt bei den Großküchen und Duschtrailern an und geht bis zu den Behausungen."
Doch nicht allein für die Feuerwehrleute und Polizei, sondern auch für Strafgefangene, die zur Unterstützung eingesetzt werden, müssen spezielle Unterkünfte errichtet werden. "Eine solche Operation haben wir innerhalb 36 Stunden am Laufen, vom Einsatzkommando bis hin zum Management", sagt Homburg. "Die Strukturen sind wie beim Militär".
Heiße Luft und kühle Helfer
Für die Einsatzkräfte kommt die tückischste Stunde des Tages stets am späten Nachmittag. Im Frühling und frühen Sommer entstehen um diese Zeit die heißen und trockenen "Sundowner Winds".
Wie bei Föhnwinden wird die über die Bergkämme ziehende Luft aufgewärmt, während sie praktisch den Berghang zur Pazifikseite herunterfällt. Dabei beschleunigt sie sich auf Geschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde. Die heißen Winde können selbst ein kleines Feuer in Sekundenschnelle zum unkontrollierbaren Flammeninferno entfachen.
Am ersten Nachmittag des Brandes blickte man in Santa Barbara sorgenvoll auf die Berge. Doch trotz genauer Analyse der Wetterprognosen hat die Natur alle überrascht. Bereits vor 15 Uhr entfachten Winde von der annähernden Stärke eines Hurrikans die Flammen und schoben die Feuerfront weiter in Richtung besiedelter Gebiete. Eine Eindämmung war unmöglich. Weitere 8000 Menschen wurden innerhalb einer Stunde evakuiert. "Ein Extremfall", kommentierte David Sadecki, Sprecher der Santa-Barbara-County-Feuerwehr.
Bereits drei Mal haben Waldbrände riesige Flächen vom Landkreis Santa Barbara in den letzten neun Monaten zerstört. Ein Zeichen der globalen Erwärmung? "Das könnte durchaus sein", antwortet Arnold Schwarzenegger. "Ich habe keine handfesten Beweise dafür, aber es wird wohl einen Grund geben, warum die Feuersaison sich neuerdings über das ganze Jahr erstreckt."
Arnies Machtlosigkeit
Der Gouverneur von Kalifornien hat seine Tour durch den Bundesstaat abgebrochen, um nach Santa Barbara zu eilen - zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten. Beim letzten Besuch hatte das Tea Fire gewütet.
"Wir werden erschreckend gut bei diesem Job", sagt Tom Franklin lakonisch, Chef der Santa-Barbara-County-Feuerwehr. Doch trotz erfolgreicher Brandbekämpfung verlieren bei jedem Großfeuer zahlreiche Familien ihr Zuhause. Besonders der Verlust von Haustieren, die sich vor dem Feuer versteckt haben und zurückgelassen werden müssen, oder von unersetzbaren Fotos und Erbstücken lassen die Bewohner traumatisiert zurück. Die Familien brauchen oft Jahre, um eine solche Katastrophe zu überwinden.
Bob und Diana sind bei Freunden untergekommen, es ist der zweite Tag des Feuers. Alle blicken gebannt auf den Fernseher. Unermüdlich berichtet ein kleines Reporterteam vom Lokalsender ABC über die Katastrophe.
Über 35 Quadratkilometer wurden bislang verbrannt, 18 Feuerwehrleute erlitten Verletzungen und mehr als 80 Häuser gingen in den Flammen auf oder wurden stark beschädigt. Das Inferno hat über 30.000 Menschen in die Flucht geschlagen, weitere 29.000 Einwohner sind auf Abruf, um innerhalb kürzester Zeit ihre Häuser zu verlassen.
Diana zeigt plötzlich auf den Bildschirm, schreit: "Das ist unser Haus!" Auf dem Bildschirm flackert ein brennendes Gerüst wie eine Fackel. Bob ist nicht überzeugt, dass es sich wirklich um ihr Haus handelt. Am nächsten Nachmittag jedoch kommt der Anruf: Sie haben alles verloren.
Diana bricht zusammen, eine ganze Weile lang hören die Tränen nicht auf. Bob tröstet sie. "Dieses bekannte Lied von Janis Joplin, wie geht das noch mal?", fragt er in die Runde. "Freiheit", sagt einer, "ist nur ein anderes Wort dafür, wenn man nichts mehr zu verlieren hat."
Eine schreckliche Form der Ungebundenheit.
*Namen von der Redaktion geändert