Was Schönes für die Frau
Sie sitzt da in grellem Orange, wie mit Leuchtfarbe markiert, und das ist gut so, denn auffallen würde sie sonst nicht. Die Ministerin trägt ein Ermutigungslächeln im Gesicht, schön hier, so viele Frauen, wunderbare Frauen, und dazwischen ein Herr von der Wolfsburg AG, der sicher gern sein Jackett ausziehen würde, nur dass er sich noch nicht traut.
Natürlich schaut die Familien- und Frauenministerin so drein, als ob es sehr angenehm sei, an einem schwülen Abend mit ein paar Dutzend Menschen in einem unfertigen Neubau zu konferieren. Christine Bergmann ist auf Sommerreise, das gehört zum Job. Klang ja auch nicht schlecht, was da aus Wolfsburg zu hören war. Klang so, als ob da endlich mal ein Projekt zu besuchen sei, das dem Kanzler genauso gefallen kann wie seiner Ministerin für Frauenfragen. Und das in Wolfsburg, ausgerechnet in der Autostadt Wolfsburg, und einen schönen Namen hat es auch: »Innovationscampus«.
Der Wolfsburg AG gehört dieser Campus, einer gemeinsamen Tochter des Volkswagen-Werks und der Stadt. Aus Ideen sollen dort Unternehmen werden; Wolfsburg will »Zukunftsregion für Gründerinnen« sein, so steht es in den Broschüren. Und da sitzt sie nun also, die Innovation.
Sie ist weiblich, zwischen 30 und 50 und hat den Job verloren oder hat keinen Spaß mehr an einem Leben mit Chefs. Heißt beispielsweise Doris Geske, hat Sozialpädagogik gelernt und macht jetzt in Immobilien. Heißt Telse Kähler, hat sich autodidaktisch IT-Wissen beigebracht und baut Internet-Seiten für Betriebe. Heißt Sabine Joswig, hatte »die Männerspielregeln satt« und coacht Karrierefrauen. Heißt Annett Manzke und lernt für die Steuerberater-Prüfung und führt nebenbei weiter ihr New-Economy-Unternehmen, »als Hobby mache ich das ganz gern«.
Lauter Gründerinnen, lauter selbständige Wesen, und dazwischen eine, die nicht selbständig ist und deren Lächeln inzwischen eher bewundernd als ermutigend erscheint: Christine Bergmann, früher Pharmazeutin, jetzt Frauenministerin, die derzeit reichlich Probleme hat mit dem Bundeskanzler, ihrem Chef. Der hat ihr gerade ihr schönes Gleichstellungsgesetz gekippt, weil es der Industrie nicht gefiel.
Die sind anders, diese Frauen. Die haben keine Lust mehr zu warten, bis ihnen die Frauenministerin ihre frauenfreundlichen Richtlinien und Förderpläne erkämpft hat; die kennen Demonstrationen und Polit-Kampagnen nur noch vom Hörensagen und marschieren stattdessen zur Bank, die wollen Kredite für ihre Version der Frauenbewegung: »Mein Büro gehört mir.«
Den Kanzler machen solche Frauen glücklich, schon weil sie nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen; das ist dieser Tage viel wert. Christine Bergmann freut sich für ihre Frauenstatistiken, freut sich, dass es sicher bald noch mehr Belege gibt für das, was sie in Studien heute schon liest: »Frauen gründen kleiner, aber sicherer. Frauen haben die Nase vorn.« Und auch die Stadt Wolfsburg hat gelernt, dass man den Mittelstand braucht, die Unternehmensgründer und eben endlich auch -gründerinnen, »denn«, sagt der Herr von der Wolfsburg AG, »wir haben ja unsere Erfahrungen mit der Konjunktur«. Bis Anfang der neunziger Jahre hatte seine Stadt selten mehr als 8 Prozent Arbeitslose. 1996 waren es plötzlich rund 18. VW hatte Probleme. Wolfsburg ging es schlecht.
Also stellt man dieses Innovationscamp hin, fast 8000 Quadratmeter Fläche sind schon fertig, fast doppelt so viele sollen es bald sein: ein Unternehmen, das Unternehmen produziert. Eine Brutstätte für Kleinbetriebe, lauter Liliputs, die gesund sind und weiter existieren, damit der Riese Volkswagen, wenn er wieder mal hustet, nicht gleich die ganze Stadt infiziert.
Notare wird man dort finden, Werbeagenturen, Kontakt zu Geldgebern, verspricht die Wolfsburg AG, gebe es auch. Und für Frauen ein eigenes Beratungsbüro, wo man ihnen den Umgang mit rückständigen Leuten beibringt. Mit Bankmenschen zum Beispiel, die einen anschauen, wenn man einen Kredit will, als komme man frisch vom Jodeldiplom: »Und? Was sagt Ihr Mann dazu?« Ein bisschen Beratung, das ist die Hoffnung, dann wird aus einer Frau ein Unternehmen. Dann wird etwas Selbständiges daraus, ein erfolgreiches Wesen, die Krönung dieser neuen Frauenbewegung - der weibliche Boss.
Jemand wie Martina Dörr, die berichten kann, wie sie 39 wurde und arbeitslos, wie sie beim Arbeitsamt hörte: Na, wird schwierig werden, die Jüngste sind Sie ja auch nicht mehr. Jetzt hat sie drei Boutiquen und importiert Mode aus Portugal, »was Schönes für die Frau«. Na, Frau Bergmann, ist das nichts?
Versonnen blickt Frau Bergmann drein, nachdenklich, wer berät eigentlich Frauenministerinnen im Umgang mit Bundeskanzlern? Sie muss weg.
Der Himmel hängt grau über Wolfsburg, die Ministerin eilt. Zurück bleibt eine Gruppe Gründerinnen vor einem unfertigen Glasgebäude, die über Geschäfte redet und Visitenkarten tauscht.
Vielleicht werden sie ja irgendwann zurückkehren wollen in die Unternehmen anderer Leute, nach der Pleite möglicherweise, mag sein. Vielleicht werden sie dann um Hilfe rufen bei Frau Bergmann oder bei deren Nachfolgerin, wenn es immer noch keine Betriebskindergärten gibt und keine Förderpläne für Frauen. Im Moment ist es allerdings eine andere Botschaft, die die Ministerin ihnen vermittelt hat. Nämlich die, so sagt eine, »dass es wirklich viel netter ist, so ein Leben ohne Chef. Sieht man ja an Frau Bergmann. Viel Freude hat die an ihrem doch nicht«. BARBARA SUPP