Weihnachten in Windhoek Leise rieselt der Sand
Windhoek - Das schönste Weihnachtsgeschenk wäre Regen. Die 85-jährige Erica Mautschke gießt sorgfältig ihren Zitronenbaum und schaut missmutig zum Himmel: "Wieder keine Wolken." Tag für Tag bleibt der Himmel über Namibias Hauptstadt Windhoek blau, und das Thermometer klettert bis auf 35 Grad Celsius. Um die Stadt erheben sich braune erdige Berge wie Maulwurfshügel, alles ist wie ausgetrocknet.
Das tut freilich der fröhlichen Adventsstimmung keinen Abbruch. Die Geschäfte der 200.000-Einwohner-Stadt haben sich kräftig herausgeputzt. Grün, rot und golden leuchten die Kugeln an den Plastiktannen, blaue Glitzergirlanden schlängeln sich durch die Schaufenster. In einer Einkaufspassage schieben sich schwitzende Menschen an einer goldüberzogenen Riesenkrippe vorbei, darüber schweben goldbestäubte Putten. Draußen auf der Straße klingelt sich ein Eisverkäufer durch die Menge.
Viele wollen der Hitze entfliehen
In Dieter Voigts Kaufhaus, einem der größten der Stadt, bewahrt eine Klimaanlage Dominosteine und Printen vor dem Zerschmelzen. Daneben liegen, hübsch aufbereitet, Mandelspekulatius, Pfeffernüsse und Zimtsterne aus der einheimischen "Hansa-Bäckerei". So muss der Deutsche mitten in Afrika zwar auf weihnachtliche Kälte, nicht aber auf heimatliche Genüsse verzichten.
Doch ein Großteil der rund 20.000 deutschsprachigen Namibier flüchtet Jahr für Jahr kurz vor dem Fest aus der überhitzten Hauptstadt an den windigen Küstenort Swakopmund. Dort, der vermutlich einzigen afrikanischen Stadt, die Gartenzwerge feilbietet, haben viele eine Zweitwohnung. "Das ist eine Art Prestigefrage", erklärt Ursel Dahlet, die in Windhoek wohnt.
Nicht zuletzt darin zeigt sich der relative Wohlstand der Deutschstämmigen im afrikanischen "Down under". Laut Erhebungen der Vereinten Nationen liegen die Deutschsprachigen bei Einkommen, Lebenserwartung und Bildung mit weitem Vorsprung an der Spitze aller Sprachgruppen Namibias. So verdienen sie im Durchschnitt 18-mal mehr als die Angehörigen der größten schwarzen Bevölkerungsgruppe, der Ovambo.
Ursel Dahlet sitzt neben ihrem Pool und bietet Vanillekipferl an:
"Ich backe alles selbst." Sie hat sich deutsche Weihnachtsbräuche
bewahrt. Am Heiligenabend gibt es Bescherung und Lieder: "Wir
singen 'Leise rieselt der Schnee' und 'O Tannenbaum'", berichtet sie
lachend. Später sitzt die Familie im Garten, isst Wassermelonen,
planscht im Pool und kümmert sich anschließend um juckende
Moskitostiche.
"Wir zünden den Baum nur einmal an"
Nur mit dem Christbaum ist es so eine Sache: Da sich die meisten
Deutschen nicht mit Plastiktannen anfreunden können, bleibt nur der
Ausflug in den Busch. Dort gibt es Weißdornbüsche, die zwar hübsch
anzuschauen sind, sich der Räuber aber mit langen Dornen erwehren.
Selbst dicke Gartenhandschuhe helfen wenig. Steht der Strauch
endlich glücklich im Wohnzimmer, wird er mit Wachskerzen verziert.
Die bleiben wiederum so lange wie möglich im Kühlschrank, weil sie
sich in der Hitze schnell verbiegen. "Wir zünden den Baum auch nur
einmal an. Das ist uns sonst zu gefährlich, so trocken wie der
Strauch ist", sagt Dahlet.
Ein kanadischer Plastikbaum für 34 Mark
Dabei könnte alles so einfach sein: Ein stattlicher kanadischer
Plastikbaum kostet, Golddekoration inklusive, nur 101 Namibia-Dollar
(umgerechnet rund 34 Mark). Wer trotz allem auf Schneeflocken nicht
verzichten kann, muss etwas tiefer in die Tasche greifen: Für 120
Dollar ist die Tanne mit Flockendeko zu haben.
Aber selbst wenn es heimelig "Let it snow, let it snow" aus den
Lautsprechern der Kaufhäuser dudelt - von Schnee träumt ernsthaft
niemand. "Erst wenn es regnet, kommt richtig Stimmung auf", schwärmt
Elfried Eichhoff, der 280 Kilometer nordöstlich von Windhoek eine
Farm betreibt. "Dann freuen sich die Angestellten mit den Farmern."