Weihnachtsgeschichte: Die trügerische Botschaft vom Klonkind Eva - DER SPIEGEL
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Weihnachtsgeschichte Die trügerische Botschaft vom Klonkind Eva

Weihnachten 2002. Mitten in der nachrichtenarmen Zeit überraschte am 26. Dezember eine Botschaft die Welt, die sie fortan so fürchtete, wie die Hirten zu Jesus Zeit den Verkündigungsengel: Das Klonbaby Eva ward geboren. Angeblich.
Von Lars Langenau
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist eine Ente geboren. Eine Zeitungsente.

Etwa so könnte die Weihnachtsgeschichte 2002 anfangen. Denn Eva war das Synonym für einen 3,2 Kilo schweren menschlichen Klon - angeblich entstanden aus der Hautzelle einer 31-jährigen namenlosen US-Amerikanerin. Und Claude Vorilhon, spiritueller Vater von Eva, fügte noch hinzu, es sei nun an der Zeit, "Gott durch die Wissenschaft zu ersetzen".

Besonders vertrauenserweckend wirkte der Überbringer der Nachricht nicht: Denn "Seine Heiligkeit" Vorilhon, Chef der Ufo-Sekte der Raëlianer, deren Ableger Clonaid angeblich Eva geklont haben wollte, hatte auch schon einmal Adolf Hitler (und später Graf Dracula) wieder zum Leben erwecken wollen. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hatte Vorilhon stolz verkündet, dass er an Weihnachten zugleich seine Zeugung und den Geburtstag seines Bruders Jesus feiere: "Denn wir haben denselben Vater".

Auch hätte die Medienwelt hellhörig werden müssen, dass Eva eigentlich schon am 24. Dezember in Israel, dem "gelobten Land", geboren werden sollte, doch dies sei aus "technischen Gründen" leider nicht möglich gewesen. Obwohl auch das israelische Innenministerium der Sache nachging und dann erklärte, das Kind sei "unauffindbar", war die Meldung war einfach zu schön - um falsch zu sein.

Raël und die grünen Männchen

Vorilhon, Jahrgang 1946, ein mäßig erfolgreicher Rennfahrer, Autojournalist und Schlagersänger, begegnete am 13. Dezember 1973 den grünen Männchen. Sie erzählten ihm vom extraterrestrischen Volk der Elohim ("ungefähr einen Meter zwanzig groß, hatte langes schwarzes Haar, leicht mandelförmige Augen und eine olivfarbene Haut"), die vor 25.000 Jahren den Menschen geschaffen und Moses, Jesus, Buddha und Mohammed in die Welt geschickt hätten.

Da sie im Jahr 2035 zurückkehren und ihre irdischen Anhänger sammeln wollten, schmiss Vorilhon sein bisheriges Leben hin. Fortan nannte er sich "Raël" (Licht Gottes) und beschloss, der Menschheit mit Hilfe der Klontechnik den Traum vom ewigen Leben zu erfüllen, wie die Aliens es ihm aufgetragen hatten. Der Franzose baute sich im frankophonen Teil Kanadas eine atheistische Kirche mit straffer Hierarchie auf, setzte sich als eine Art Papst ein, propagierte Gruppensex und unternahm einen Ufo-Trip ins Paradies.

"Keine Frage, Vorilhon war ein Spinner", urteilte damals der SPIEGEL. Doch immerhin gelang ihm der Coup, sich im März 2001 in einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses als Sachverständiger für's Klonen zu präsentieren.

Und nachdem bereits Säugetiere aus mehreren Gattungen geklont worden waren, war Ende vergangenen Jahres augenscheinlich die Zeit reif für die Geburt des ersten Klonkinds. Verkündet wurde die Geschichte von Reals "Bischöfin", der Chemikerin Brigitte Boisselier, Chefin der sekteneigenen Klonvereinigung Clonaid lach- und sachgerecht in Hollywood.

Frühzeitige Skepsis

Zwar meldeten umgehend Wissenschaftler ihre Skepsis an dem (sektenamtlich) "größten Ereignis der Weltgeschichte" an. Da bisherige Klonexperimente mit Tieren gezeigt hatten, dass Dutzende von Versuchen notwendig sind, um auch nur einen einzigen lebensfähigen Klon herzustellen. Und Clonaid wollte das ganz fix gelungen sein.

Auch sind fast alle der bisher geklonten Tiere abnorm: Sie leiden unter Fettleibigkeit, sind widernatürlich groß, haben Atem-, Kreislaufstörungen, Herzprobleme und sterben meist noch im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. Selbst Teile des Gehirns können fehlen. Warum sollte das beim Menschen anders sein?

Frühzeitig unkte etwa "Süddeutsche Zeitung", dass das Spezialgebiet der Chemikerin Boisselier die Trennung von Gasen sei und damit "eher die Voraussetzung zur Produktion von Luftblasen als von Klonen" liefere. Doch zuvor hatte sich die Meldung schon in rasender Geschwindigkeit um den Erdball verbreitet, Politiker mahnten wortgewaltig vor den Missbrauch der Technik und kündigten Verbote an.

Doch bis heute sind weder der wirkliche Name von Eva, noch ihr Aufenthaltsort bekannt. Ein Gentest, der das Spiel um Rummel und Geld augenblicklich aufgedeckt hätte, entzogen sich die "die Clowns von Clonaid" (US-Medien) mit der Behauptung, die Eltern fürchteten sich vor Stigmatisierung und Strafverfolgung. Vor einem amerikanischen Familienrichter in Florida musste Thomas Kaenzig, Vize-Chef der dubiosen Firma Clonaid zugegeben, dass er das angeblich erste Klonkind "Eva" nie gesehen hat. Selbst Boisseliers musste gestehen, von Eva lediglich eine Videoaufnahme gesehen zu haben und kündigte dann einfach dann, das Kind werde für immer "verschwinden".

"Eine Art Trockenübung"

Somit ist die Klongeburt bislang nur ein riesiges Medienereignis - der prominente Homunkuli ein großer Flop. Führende Sektierer wie Vorilhon und Boisselier werden heute wie folgt zitiert: "Minimale Investitionen brachten uns Berichterstattungen im Wert von 15 Millionen Dollar ein. Ich lache noch heute darüber."

Doch nach Eva kündigte Boisselier unverdrossen die Geburt von Klonbabys in den Niederlanden und in Arabien an. Und dann sollte auch noch in Japan die genetische Kopie eines toten Jungen entstanden sein. Der südkoreanische Clonaid-Ableger "BioFusion Tech" behaupteten Anfang 2003 gar, vier geklonte Kinder würden in naher Zukunft auch dort zur Welt kommen.

Doch bei keinem einzigen Fall bemühten sich die Raëlianer um einen Nachweis ihrer Behauptungen. Nur ein verschwommenes Foto des angeblich dritten Klonbabys wurde bislang auf der Internetseite von Clonaid veröffentlicht: Doch was sagt schon ein Baby im Brutkasten mit Windeln aus?

Entspannte Beobachter, schreibt die "FAZ", seien der Meinung, dass die mediale Performance nicht allzu ernst genommen werden soll, immerhin habe es "zu durchaus tiefsinnigen und richtigen Betrachtungen über das Klonphänomen geführt und könne deshalb als eine Art Trockenübung verstanden werden, wie die Weltöffentlichkeit mit einem Klonbaby umgehen würde, gäbe es denn wirklich eines".